Durchbruch im Ringen um die "Beutekunst"? Bremen erhielt aus Moskau 101 Werke zurück

Privatbesitz gilt wieder was in Russland

Sebastian Preuss
5 Min

Die Rückkehr von 101 Zeichnungen und Grafiken in die Bremer Kunsthalle nach 57-jährigem Exil könnte sich als Leuchtsignal im deutsch-russischen Streit um die "Beutekunst" erweisen. Nicht die bislang von der Bundesregierung verfolgte Verhandlungsdevise des Alles-oder-nichts hat diesen Erfolg gebracht, sondern eine Politik der kleinen Schritte, wie sie die Bremer zum Teil hinter dem Rücken und gegen den Willen Berlins verfolgten. Der sowjetische, inzwischen verstorbene Offizier Pjotr Barykin hatte die 45 Zeichnungen und 56 Grafiken 1945 an ihrem Auslagerungsort auf Schloss Karnzow in der Mark Brandenburg mitgenommen und 1993 in der deutschen Botschaft in Moskau abgeben lassen. Seither wartete das Konvolut vergeblich auf die Ausfuhrgenehmigung.Als das russische Verfassungsgericht im vergangenen Juli endgültig und gegen Boris Jelzins Einspruch das völkerrechtswidrige Restitutionsgesetz der Duma bestätigte, schien zunächst kaum noch Hoffnung auf Wiederkehr überhaupt eines Kunstwerkes. Obwohl die Freundschafts- und Kooperationsverträge von 1990 und 1992 ausdrücklich die Rückführung von verschleppter Kunst vorsahen, versandeten die Verhandlungen bald. Nationalisten und Kommunisten erhoben die Kunstbeute zum heiligen Pfand, der zur Kompensation der unermesslichen Zerstörungen und Plünderungen durch die Deutschen beitrage. Das russische Parlament verhängte einen Rückgabestopp und verabschiedete 1996 ein Gesetz, das die erbeuteten Kunstgegenstände zum Eigentum Russlands erklärte.Seit dem Votum des Verfassungsgerichts war an der Verstaatlichung der Beutekunst nicht mehr zu rütteln. Doch bestärkten die Verfassungsrichter ausdrücklich das Eigentum von Privatleuten, die nun ihr Recht vor russischen Gerichten einklagen können. Diese Klausel wurde sogar ausgeweitet auf alle Staaten, die nicht mit Deutschland verbündet waren, ja auf alle Personen und Institutionen, die unter nationalsozialistischen Repressalien zu leiden hatten. Die Bremer Kunsthalle, seit ihrer Gründung 1849 im privaten Besitz des Bremer Kunstvereins, nutzte diese Hintertür für ihre findige Diplomatie. Entscheidend im Fall der 101 Kunstgeiseln wurde schließlich, dass Russland mittlerweile unterscheidet zwischen den Abtransporten der sowjetischen Trophäenkommissionen und privater Beute von Rotarmisten.Bereits im vergangenen Oktober verständigten sich der Bremer Senat und das russische Kulturministerium auf "zeitgleiche Gesten": Rückkehr der Bremer Blätter sowie von deutscher Seite aus die Rückgabe zweier Relikte aus dem verschollenen Bernsteinzimmer von Zarskoje Selo bei St. Petersburg. Das florentinische Mosaik und eine Kommode waren 1997 aus dunklen Kanälen in Bremen und Berlin aufgetaucht und beschlagnahmt worden. Der Austausch, der auf beiden Seiten offiziell keiner sein darf, scheiterte zunächst am Einspruch des Auswärtigen Amtes und der Naumann-Behörde, die mit starken Worten die Bremer von ihrem Alleingang zurückpfiffen und auf Vertragsabschlüssen auf Bundesebene beharrten.Der Streit zwischen Berlin und Bremen ist inzwischen beigelegt. Mit seinem Verhandlungsgeschick triumphierte der Stadtstaat über die bislang wenig erfolgreiche Bundesdiplomatie, dafür konnte Michael Naumann am Wochenende in einem hoch symbolischen Staatsakt die Übergaben in Moskau und Zarskoje Selo zelebrieren. Am Sonntag bereits kehrte Bremens Bürgermeister Henning Scherf mit der Mappe aus Russland zurück, die noch am gleichen Tag in der Kunsthalle vor Journalisten geöffnet wurde. Bei einer ersten Begutachtung erwiesen sich die Blätter als besser erhalten, als man zu hoffen gewagt hatte.Das wertvollste Stück unter den 45 Zeichnungen ist Dürers berühmtes Aquarell "Felsenschloss" von 1494/95, bedeutendes Zeugnis aus der ersten Blüte der europäischen Landschaftsmalerei und ein Leitstern der versprengten Bremer Dürer-Sammlung. Daneben finden sich eine Flusslandschaft von Jan Brueghel d.Ä., eine flüchtige Marktszene von Jan Goyen, zwei Figurenstudien von Jordaens, Skizzen von Pollaiuolo und Veronese. Es überwiegen die Holländer und Flamen, doch ist auch das 19. Jahrhundert mit Leibl, Menzel und Manet vertreten. Die Druckgrafiken stammen von Goya (6), Delacroix (9), Manet (31) und Toulouse-Lautrec (10); sie illustrieren Bremens ruhmreiche Zeit während der Frühmoderne, als die Kunsthalle unter Gustav Pauli gegen alle Widerstände zum deutschen Vorposten für die französischen Avantgarden wurde.Bremen wird sich auf seinem Erfolg nicht ausruhen, sondern beharrlich weiterverhandeln. Insgesamt stehen noch 28 Gemälde, über 1 500 Zeichnungen, darunter über 40 von Dürer und seiner Schule, und geschätzte 3 000 druckgrafische Blätter auf der Verlustliste. Nur die Berliner Museen haben schlimmere Einbußen hinnehmen müssen, voran das Museum für ostasiatische Kunst, das 90 Prozent seines Vorkriegsbestands an die sowjetische Trophäenkommission verlor. Nächstes Ziel der Bremer ist nun die Rückerlangung der ungleich größeren und wertvolleren "Sammlung Baldin". Auch hierbei handelt es sich um einen privaten Zugriff.Der ehemals sowjetische Offizier Viktor Baldin offenbarte 1989, dass er 1945 bei Schloss Karnzow 362 Zeichnungen und zwei Gemälde "aufgelesen" und über die Jahrzehnte im Moskauer Architekturmuseum gehütet hatte. Ohne Erfolg kämpfte Baldin, der 1997 verstarb, in Russland für die Rückgabe. Die Eremitage in St. Petersburg schluckte vorerst die Sammlung, machte aber die schönsten Werke 1992 in einer Ausstellung öffentlich.Mit drei Gemälden, 42 eigenhändigen Zeichnungen (darunter acht der bekannten 31 Landschaften), 3 000 Druckgrafiken (zwei komplette Zyklen) und 24 illustrierten Büchern besaß Bremen einst eine der weltweit bedeutendsten Dürer-Sammlungen. Das Baldin-Konvolut würde die schmerzliche Lücke mit einer Christus-Tafel und 20 Zeichnungen wenigstens zum Teil wieder schließen. Ob auch für die übrigen Schätze, deren Verbleib die Kunsthalle in detektivischer Kleinarbeit in russischen Museen, Moskauer Banken und auch in Privatbesitz ausmachen konnte, eine realistische Chance zur Rückgabe besteht, erscheint fraglich. Viel wird davon abhängen, in Russland den privaten Charakter des Bremer Museums nachzuweisen.Der "Kunstaustausch" vom Wochenende hat zweifellos auf beiden Seiten verhärtete Positionen aufgeweicht. Im Gegensatz noch zur Kohl-Administration vertritt nun auch Naumann eine Politik der kleinen Schritte. Wladimir Putin rief während der Übergabezeremonie dazu auf, "konstruktiv und mit Ruhe" die Verhandlungen weiterzuführen. Vielleicht ist hierauf mehr Verlass als auf Jelzins leere Versprechungen.KUNSTHALLE BREMEN Kriegsverluste einer Sammlung // Nach Schloss Karnzow evakuierte die Bremer Kunsthalle 1943 50 Gemälde, 1 715 Zeichnungen und rund 3 000 druckgrafische Blätter. Nach dem Krieg tauchten neun Gemälde und einige Zeichnungen auf, u. a. 1980 drei Dürer-Blätter aus bislang geheimer Quelle. Die 101 Blätter, die nun zurückkehrten, werden im Juni in Berlin zu sehen sein, danach ab dem 9. Juli in der Bremer Kunsthalle.AKG Dürers "Felsenschloss" kehrt nach Bremen zurück. Über 40 Zeichnungen des Meister bleiben vorerst in Russland.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner