Kürzlich traute ich in einem Berliner Whirlpool meinen Augen kaum. Die Sonne war bereits untergegangen, das farbig illuminierte Wasser blubberte entspannend. Doch dann bemerkte ich aus dem Augenwinkel etwas, das mich irritierte: Ein Mann, so um die 50, hielt einen Gegenstand in den Händen. Im Whirlpool!
Was war das? Ein sehr großes Handy? Ein sehr kleines Tablet? Nein, nach zwei, drei Sekunden kapierte ich es: Es handelte sich offenbar um einen E-Book-Reader. Also ein elektronisches Gerät, um darauf „Bücher“ zu lesen. Wenn man das überhaupt so nennen will. Denn mit gebundenem Papier hat all das nichts mehr zu tun. Aber sagen wir: um Texte zu lesen, Romane, Essays, Gedichte, vielleicht sogar Theaterstücke, Liebesbriefe. Oder eine Zeitung.
Bin ich einfach kulturkonservativ?
Per se habe ich nichts gegen E-Book-Reader. Obwohl ich mir selbst nie einen kaufen würde. Klar lese ich Zeitung auch online, aber auf dem Handy oder am Laptop. Romane hingegen brauche ich auf Papier. Ich könnte mir niemals vorstellen, den „Zauberberg“, Prousts „Recherche“ oder Shida Bazyars „Die Lücken“ (das Buch, das gerade alle lesen wollen) auf einem Bildschirm zu genießen. Vielleicht bin ich einfach kulturkonservativ?
Aber wenn andere das können: Bitte schön! Man spart ja auch viel Platz und Gewicht, etwa in der Reisetasche, wenn man statt eines Dutzends Papierbücher einfach einen leichten Reader einpackt, mit an den Sommerstrand nimmt und darin eine ganze Bibliothek bei sich trägt.
Ein Reader ist kein Föhn
So gesehen ist der Gedanke dann doch wieder schön. Aber bitte nicht im Whirlpool! Ja, ich ahne es: Die meisten dieser Geräte sind vermutlich heute wasserdicht. Der Mann war also nicht in Gefahr, und wir, seine Mitmenschen im Wasser, auch nicht. Ein Reader ist kein Föhn.
Trotzdem: Ein Elektrogerät im Pool, im Dampfbad oder in der Sauna ist doch einfach abturnend. Denn jedes Display, egal ob darauf „Moby Dick“ oder eine Excel-Tabelle leuchtet, sieht von außen nach Arbeit aus. Nicht bloß für einen selbst, sondern auch für alle anderen verwandelt sich der Wellnessbereich so gefühlt gezwungenermaßen in einen Workspace, oder etwa nicht?
Manche Cafés sind ja schon dazu übergegangen, ein Laptop-Verbot an den Tischen auszusprechen, damit das Kaffeehaus nicht zum kollektiven Homeoffice mutiert. Finde ich eine gute Sache. Vielleicht braucht es so etwas bald auch für Berliner Spas? Sonst geht der ein oder andere Reader sicher bald auf Tauchgang, so wie Loch-Ness-Nessie, Moby-Dick oder die meisten Schiffchen aus der „Odyssee“.
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