Open Source

Ed Gein: Der wahre Horror hinter „Psycho“ und „Texas Chainsaw Massacre“

Kannibale, Nekrophiler, Monster? Vor 120 Jahren wurde Ed Gein geboren – doch was Hollywood über ihn erzählt, entspricht nicht unbedingt der Wahrheit.

Daniel C. Henrich
10 Min
Der US-Amerikaner Ed Gein (1906–1984) gilt als Vorlage für Figuren aus Horrorfilmklassikern wie „Psycho“ und „The Texas Chainsaw Massacre“.

Der US-Amerikaner Ed Gein (1906–1984) gilt als Vorlage für Figuren aus Horrorfilmklassikern wie „Psycho“ und „The Texas Chainsaw Massacre“.

© Courtesy Everett Collection/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Am 27. August vor 120 Jahren wurde Edward Theodore Gein in La Crosse, Wisconsin, geboren. Seine Geschichte sollte zur Vorlage für etliche Horrorfilme werden, darunter Klassiker wie „Psycho“ von Alfred Hitchcock (1960) und „The Texas Chainsaw Massacre“ von Tobe Hooper (1974).

Dass die Unterhaltungsindustrie bis heute von seinem morbiden Mythos zehrt, demonstrierte unlängst auch Netflix: In der True-Crime-Adaption „Monster: Die Geschichte von Ed Gein“ (2025) schickte der Streamingdienst den Hauptdarsteller Charlie Hunnam durch die Kulisse der berüchtigten Plainfield-Farm. Acht Folgen lang kann man einem Mann dabei zusehen, wie er seine Mutter exhumiert, seinen Bruder erschlägt und mit Leichen sexuelle Kontakte hat. Die Kritiker verrissen die Serie. Dem Publikumserfolg tat das jedoch keinen wirklichen Abbruch, wochenlang hielt sich die Staffel in den Netflix-Charts.

Verdient hat sie beides nicht unbedingt, denn schon wer sich nur oberflächlich mit Gein (gesprochen „Gien“) beschäftigt, bemerkt, dass die Serie mit den Fakten wenig zu tun hat. Gein hat seine Mutter nie ausgegraben und, soweit wir wissen, auch keinen Geschlechtsverkehr mit Leichen gehabt. Aber auch der Rest reicht für schlaflose Nächte.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Eine Blutspur im November

Im Herbst 1957 hatte in Wisconsin die Jagdsaison begonnen, weshalb die Straßen des kleinen Städtchens Plainfield tagsüber wie ausgestorben wirkten. Deshalb war am 16. November, einem Samstag, zunächst auch niemandem aufgefallen, dass der Baumarkt von Bernice Worden nicht wie üblich geöffnet hatte. Als Bernices Sohn Frank von der Jagd zurückgekehrt war, wollte er nach dem Rechten sehen und bemerkte, dass sich hinter der Theke eine große Blutlache befand, deren Schleifspuren bis in den hinteren Bereich des Ladens führten. Von seiner Mutter fehlte jede Spur. Bei der genaueren Durchsuchung fand man einen Kaufbeleg über eine Gallone Frostschutzmittel – unterschrieben von einem Edward Gein. Jeder wusste, um wen es sich dabei handelte. Frank verständigte sofort Sheriff Arthur Schley, der sich gemeinsam mit Captain Lloyd Schoephoerster auf den Weg zu Geins abgelegener Farm machte.

Gein lebte dort bereits seit vielen Jahren einsam und allein. Sein Leben war bis zum Tode der Mutter Augusta Gein und darüber hinaus geprägt von ihrer Dominanz und der lutherischen Orthodoxie. Die Familie von Augusta, deren Familienname Lehrke noch die deutschen Wurzeln verriet, hatte es zu einigem Wohlstand gebracht und aus Augusta eine religiöse Fanatikerin gemacht. Der Vater George Philip Gein hingegen hatte im Alter von drei Jahren seine gesamte Familie an den Mississippi verloren und wuchs daraufhin bei seinen strengen schottischen Großeltern auf. Anschließend schlug er sich als trinkfester Schmied, Versicherungsvertreter, Zimmermann, Gerber und Eisenbahner durch. Nachdem George und Augusta 1899 geheiratet hatten, dominierte die frischgebackene Ehefrau ihren Mann nach Strich und Faden. Dieser antwortete mit Rückzug und alkoholisierten Gewaltausbrüchen.

Zwar galt sexuelle Lust Augusta als Sünde, Fortpflanzung jedoch als christliche Pflicht, und so kam am 17. Januar 1902 zunächst Henry George zur Welt, am 27. August 1906 dann Edward Theodore.

1914 kaufte die Familie die berüchtigte Farm bei Plainfield, eingetragen auf den Namen von Augusta. Anfang sechzig hatte George seinen ersten Schlaganfall, mit sechsundsechzig versagte dann das Herz. Für die Familie kein großer Verlust, kannte sie ihn doch vor allem als betrunkenen Wüterich.

Allerdings starb nur vier Jahre später auch Eds Bruder Henry mit 42 Jahren unter seltsamen Umständen: Nach Aussage von Ed wollten die Brüder trockenes Gras abbrennen, doch das Feuer geriet außer Kontrolle. Ed behauptete, er habe seinen Bruder in der Panik aus den Augen verloren, doch nachdem er aus Plainfield Hilfe geholt hatte, führte er die Suchmannschaft zielsicher zur Leiche des Bruders.

Henry lag auf verbrannter Erde, sein Körper zeigte jedoch keine Spuren von Verbrennungen. Auffällig waren allerdings mehrere Hämatome an Kopf und Stirn, doch niemand schöpfte Verdacht. Der offizielle Bericht nannte Erstickung als Todesursache und schloss Fremdverschulden aus.

Charlie Hunnam in der Rolle des Serienmörders Ed Gein in der Netflix-Serie „Monster: The Ed Gein Story“ (2025)

Charlie Hunnam in der Rolle des Serienmörders Ed Gein in der Netflix-Serie „Monster: The Ed Gein Story“ (2025)

© Supplied by LMK/imago

Nach dem Tod des Vaters und des Bruders hatte Ed seine Mutter endlich für sich allein. Doch bereits wenige Monate später erlitt auch sie einen ersten Schlaganfall, woraufhin Ed sie pflegen musste. Den zweiten Ende 1945 überlebte sie nicht. Ed war am Boden zerstört. Künftig lebte er allein auf der großen und einsamen Farm und hatte keinen Menschen mehr an seiner Seite. Zumindest keinen lebenden.

Körperanzug aus weiblicher Haut

Da es auf der Farm keinen Strom gab, arbeiteten sich Schley und Schoephoerster mit ihren Taschenlampen langsam vorwärts. Als Schley mit seiner Schulter plötzlich gegen einen schweren Gegenstand stieß, drehte er sich herum und sah im Kegel seiner Taschenlampe einen nackten weiblichen Körper, der kopfüber an einer Stange hing. Der Torso war vom Schambereich bis zum Hals aufgeschnitten und ausgeweidet, der Kopf fehlte.

Den beiden Polizisten war dennoch sofort klar, dass es sich um die Leiche von Bernice Worden handeln musste. Nachdem sie sich kurz beruhigt und Verstärkung gerufen hatten, liefen sie an der Leiche vorbei ins dunkle Haupthaus. Hier herrschte das pure Chaos: Der Boden war übersät mit Essensresten, Werkzeug, Flaschen und Dreck, von den Wänden löste sich die Tapete. Der Geruch zwang die Beamten nach wenigen Minuten ins Freie.

Als die Verstärkung mit mobilen Generatoren das Gebäude dann erstmals in elektrisches Licht tauchte, wurde das volle Ausmaß sichtbar: Vor dem Backofen fand man das Herz und die Innereien von Bernice Worden, eingewickelt in eine vergilbte Zeitung, auf dem Küchentisch einen menschlichen Schädel, dessen oberer Teil abgesägt worden war, um ihn als Suppenschüssel zu nutzen. Weitere Schädel dienten als Dekoration an den Bettpfosten im Schlafzimmer.

Darüber hinaus fand man mehrere Stühle mit Sitzflächen aus Menschenhaut, Lampenschirme aus Menschenhaut, einen Gürtel aus weiblichen Brustwarzen und eine Schuhschachtel mit neun weiblichen Genitalien. Dazu Nasen, Lippen, Fingernägel, menschliche Köpfe, teils sorgfältig verpackt, teils achtlos unter die Möbel geworfen.

Im Obergeschoss entdeckte man hinter vernagelten Brettern ein versiegeltes Zimmer, das zwölf Jahre unberührt geblieben war, voller Staub, aber penibel aufgeräumt: Geins Schrein für seine verstorbene Mutter. Das Entsetzlichste war jedoch, dass Gein einen Körperanzug aus weiblicher Haut angefertigt hatte: Leggings aus Beinhaut, eine gegerbte Torsoweste mit Brüsten, neun Gesichtsmasken, einige noch mit Haaren, manche mit Lippenstift geschminkt. Eines der Gesichter erkannte ein Polizist als das von Mary Hogan, einer Frau, die 1954 im Alter von 54 Jahren verschwunden war. Gein hatte sich mit seinem Körperanzug, den Gesichtsmasken, Nasen und Genitalien als seine Mutter „verkleidet“ und war in diesem Aufzug nachts durch seine Farm und womöglich auch die umliegenden Wälder und Wiesen gewandert.

Ein IQ im unteren Durchschnittsbereich

Nachdem man Gein gefunden hatte, wurde er über zwölf Stunden lang verhört. Er wirkte erratisch und bestritt die Morde zunächst mit dem Hinweis auf Erinnerungslücken. Einen Tag später gestand er dann den Mord an Bernice Worden, den an Mary Hogan am Tag darauf.

Eine der drängendsten Fragen war natürlich, woher all die Körperteile stammten, die man auf seiner Farm gefunden hatte. War Ed Gein womöglich einer der schlimmsten Serienmörder in der Geschichte der USA? Gein erklärte den ungläubigen Polizisten, dass er Leichen auf den umliegenden Friedhöfen von Plainfield ausgegraben habe, um die einzelnen Körperteile anschließend aus den Leichen herauszuschneiden. Etwa zwei Jahre nach dem Tod seiner Mutter habe er begonnen, nachts Friedhöfe aufzusuchen und die Särge kürzlich verstorbener Frauen mittleren Alters auszugraben, um Leichen oder Leichenteile mit nach Hause zu nehmen. Die Opfer wählte er anhand von Nachrufen in der Lokalzeitung aus.

Viele hielten die Geschichte für unglaubwürdig, zumal Gein behauptete, dies teilweise bei gefrorenem Boden getan zu haben. Daher ordnete Staatsanwalt Earl Kileen mehrere Exhumierungen an, um Geins Aussagen zu überprüfen. Zunächst wurde das Grab von Eleanor Adams, die Gein selbst namentlich erwähnt hatte, geöffnet. Tatsächlich lag Eleanor nicht mehr in dem Sarg. Das Einzige, was man noch darin fand, war Geins Brecheisen. Das zweite Grab, das geprüft wurde, war von Mabel Everson. Und es war ebenfalls leer. Kurz unterhalb der Oberfläche fanden sich jedoch verstreute Knochenreste, die Gein bei einem späteren Besuch angeblich aus Gewissensbissen zurückgebracht hatte. Nach diesen Befunden verzichtete man auf weitere Exhumierungen.

Anschließend wurde Gein im Central State Hospital von Waupun umfassend untersucht. Sein IQ lag im unteren Durchschnittsbereich, doch die Gutachter diagnostizierten eine chronisch undifferenzierte Schizophrenie, auditive und olfaktorische Halluzinationen sowie religiöse Wahnvorstellungen.

Zwischen Fiktion und Aktenlage

Zwei populäre Mythen, die bis heute das Bild von Gein prägen und auch in der Netflix-Serie eine Rolle spielen, ließen sich jedoch auch nach jahrelangen Gesprächen nicht erhärten. Der erste betrifft Geins angeblichen Kannibalismus: Als die Polizei vor dem Backofen Wordens Herz und ihre noch warmen Eingeweide fand, dazu einen abgesägten Schädel auf dem Küchentisch, der als Suppenschüssel diente, lag der Verdacht des Leichenverzehrs nahe. Gein bestritt dies in allen Verhören konsequent. Da es keine weiteren Indizien gab, geht die forensische Einschätzung heute davon aus, dass es keinerlei anthropophage Handlungen seitens Geins gab.

Der zweite Mythos betrifft die vermeintliche Nekrophilie: Auch hier blieb Gein über Jahre hinweg, trotz wiederholter und teils suggestiver Befragung, bei seiner Leugnung. Auf entsprechende Fragen antwortete er unter anderem mit einem skurrilen Argument: Der Altersunterschied zwischen ihm und den exhumierten Frauen sei zu groß gewesen, sein Interesse habe ausschließlich den Köpfen gegolten, weil Frauenköpfe „wertvoller“ seien, schließlich hätten sie längeres Haar.

Die psychiatrischen Gutachter deuteten seine Motivation entsprechend nicht sexuell, sondern als Versuch eines Mutterersatzes, kombiniert mit dem wahnhaften Glauben, Tote durch Willenskraft wiederbeleben zu können. Im Gespräch mit einem der Gutachter bezeichnete Gein die Leichen auch als „Puppen“, die ihm „Trost gespendet“ hätten.

Am 6. Januar 1958 erklärte Richter Herbert Bunde ihn für unzurechnungsfähig und wies ihn auf unbestimmte Zeit in eine Psychiatrie ein. Gein wurde zunächst wieder im Central State Hospital for the Criminally Insane (CSH) in Waupun untergebracht, wo er fast zwanzig Jahre blieb. 1968 wurde Gein zwischenzeitlich für verhandlungsfähig erklärt und wegen des Mordes an Bernice Worden vor Gericht gestellt, das ihn zwar für schuldig, zum Tatzeitpunkt aber für unzurechnungsfähig befand, sodass er zurück in die Psychiatrie kam. 1978 wurde er dann ins Mendota State Hospital (heute: Mendota Mental Health Institute) nach Madison verlegt, wo er am 26. Juli 1984 an Krebs verstarb. Er wurde neben seiner Mutter beigesetzt.

Daniel C. Henrich ist promovierter Philosoph mit Fachgebiet Ethik und Sozialphilosophie und mehrjähriger Lehrerfahrung an verschiedenen deutschen Universitäten. Der Artikel knüpft an sein aktuelles Buchprojekt „Vorbilder des Horrors“ an, das sich mit den realen Fällen hinter berühmten Horrorfilmen beschäftigt.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nichtkommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung bzw. Ostdeutschen Allgemeinen und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner