In Norwegen bezahlen 40 Prozent der Menschen für digitale Nachrichten. In Deutschland sind es gerade einmal elf Prozent. Auch das Vertrauen in die Presse ist höher. Noch interessanter finde ich die norwegische Presseförderung. Der Staat unterstützt private Zeitungen mit insgesamt rund 440 Millionen Kronen jährlich. Darunter linke, rechte und andere unliebsame politisch positionierte Blätter. Meinungsvielfalt ist den Norwegern offenbar auch etwas wert, wenn ihnen die Meinungen nicht gefallen.
Auch in der Politik ist man weniger empfindlich. Die rechtspopulistische Fremskrittspartiet, kurz FrP, regierte von 2013 bis 2020 sieben Jahre lang mit den Konservativen. Eine Brandmauer nach deutschem Vorbild gibt es hier nicht. Die Norweger vertrauen darauf, dass ihre Demokratie auch den Wählerwillen aushält, wenn dessen Ergebnis der amtierenden Regierung nicht gefällt.
Beim Regieren zeigt sich ohnehin am zuverlässigsten, ob eine Oppositionspartei wirklich die besseren Antworten hat oder besser Opposition geblieben wäre. Wer politische Gegner dauerhaft von der Verantwortung fernhält, bewahrt sie schließlich auch davor, an ihren eigenen Versprechen gemessen zu werden. Die FrP sitzt heute wieder auf der Oppositionsbank.
Norwegen hat sich seiner Geschichte gestellt
Oslo selbst wirkt wie eine Stadt, die manches bereits hinter sich hat, worüber wir in Berlin noch diskutieren. Elektroautos sind die Normalität. Die Verwaltung ist weitgehend digitalisiert. Am Hafen wurden aus ehemaligen Verkehrs- und Industrieflächen öffentliche Räume, in denen man sich gern aufhält.
Und Geld ist reichlich vorhanden. Das Medianvermögen eines Erwachsenen beträgt in Norwegen rund 140.000 Dollar, in Deutschland etwa 53.500 Dollar – in Norwegen also fast dreimal so hoch. Der norwegische Staatsfonds verfügt über ein Vermögen, von dem andere Regierungen nur träumen können.
Trotzdem wird hier über steigende Lebenshaltungskosten, Migration, Gesundheitsversorgung und die Zukunft gestritten. Die Themen kommen einem erstaunlich bekannt vor. Zukunftsangst ist wohl keine Frage des Kontostands.
Ausblick von der Insel Hovedøya auf das moderne Oslo.
© Pond5 Images/imago
Heute habe ich die Kontaktschuld-Insel Hovedøya besucht, eine kleine Insel im Oslofjord. Zwischen Oktober 1945 und April 1946 wurden hier rund 1100 norwegische Frauen interniert. Ihr Vergehen bestand darin, während der deutschen Besatzung Beziehungen zu deutschen Soldaten gehabt zu haben. Manche waren verliebt, andere standen lediglich unter Verdacht. Ein Gesetz hatten sie nicht gebrochen, aber trotzdem wurden sie ohne Gerichtsurteil hinter Stacheldraht gesperrt und von bewaffneten Männern bewacht.
Norwegen hatte die Kontaktschuld damals bereits zur staatlichen Vollendung gebracht. In Deutschland kommen wir heute ohne Stacheldraht aus. Wer mit den Falschen spricht, sich mit ihnen trifft oder gemeinsam abstimmt, wird ausgegrenzt und so markiert, dass man im Rest der Gesellschaft Abstand nimmt.
Norwegen hat sich seiner Geschichte gestellt. 2018 entschuldigte sich die damalige Ministerpräsidentin Erna Solberg offiziell bei den betroffenen Frauen. Es war ein spätes Eingeständnis, dass selbst eine demokratische Gesellschaft ihre rechtsstaatlichen Grundsätze verlieren kann, wenn sie Menschen allein aufgrund ihrer Beziehungen verurteilt. Ich bin gespannt, wann sich der deutsche Presserat und die Medienaufsicht bei den Unzähligen entschuldigt, die unter Aufsicht Kontaktschuldopfer wurden.
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Heute Abend gehe ich ins Oslo Konserthus. Dort tritt Puscifer auf, eine amerikanische Band um Sänger Maynard James Keenan. Das aktuelle Programm heißt „Normal Isn't“ und beschäftigt sich mit Autoritarismus, gesellschaftlicher Spaltung und einer Welt, in der immer mehr Absurditäten zur Normalität werden. Keenan fordert sein Publikum auf, Autoritäten zu hinterfragen, selbst zu denken und sich nicht von anderen vorschreiben zu lassen, was richtig ist.
Nach dem Besuch auf Hovedøya scheint mir das ein passender Abschluss dieses Tages zu sein. Schließlich beginnt Kontaktschuld dort, wo Menschen die ausgrenzenden Zuschreibungen der Medien über einen anderen Menschen übernehmen, statt sich selbst ein Urteil zu bilden.
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