Mit Baukosten von 225.000 Euro pro Meter gilt die A100 zwischen Neukölln und Treptow als teuerste Autobahn Deutschlands. Nun ist der jüngste Abschnitt des Berliner Stadtrings ein Jahr alt geworden. Und es stellt sich die Frage: Wie hat die neue Autobahn den Verkehr im Osten von Berlin verändert? Dazu gibt es nun erstmals Daten von Toll Collect, dem Bundesunternehmen, das die Lkw-Maut erhebt.
„Die neue Autobahn wird vom Lkw-Verkehr gut angenommen“, sagt Florian Masch, der bei Toll Collect das Lkw-Verkehrsportal betreut. „Die Zahl der mautpflichtigen Fahrzeuge hat sich kontinuierlich erhöht.“ Auch auf der Elsenbrücke, die im Anschluss an die A100 über die Spree führt, der Stralauer Allee und der Warschauer Straße nahm die Belastung zu. Die Autobahn hat der Achse mehr Lkw-Verkehr beschert.
Kritiker hatten befürchtet, dass die neue Autobahn angrenzende Bereiche belastet. Doch die Daten von Toll Collect belegen, dass das 721-Millionen-Euro-Projekt parallele Verbindungen entlastet. Auch das war so erwartet worden. So sind auf der Straße Am Treptower Park und der Köpenicker Landstraße jetzt deutlich weniger Lkw unterwegs.
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Zwei Häuser mussten für die A100 abgerissen werden
Am 27. August 2025 war der 16. Bauabschnitt der A100 freigegeben worden. Das 3,2 Kilometer lange erste Teilstück des Stadtrings in den Osten Berlins, war ein umstrittenes Projekt. Während anderswo innerstädtische Autobahnen abgerissen werden, ist zwischen dem Dreieck Neukölln und der Straße Am Treptower Park eine Schnellstraße neu entstanden. Zwei Häuser mit insgesamt rund hundert Wohnungen mussten abgerissen, rund 450 Bäume gefällt werden.
Die Daten, die Toll Collect der Berliner Zeitung jetzt zur Verfügung stellte, beschreiben die Pole der Debatte. Befürworter argumentieren, dass die bis zu sechsstreifige Bundesfernstraße den Verkehr bündelt und dadurch viele Bereiche entlastet. Kontrahenten entgegnen, dass die Autobahn Verkehr in bestimmte Gebiete hineinzieht. Die Analyse der Toll-Collect-Daten zeigt: Offensichtlich haben beide Seiten Recht.
Autos und Lastwagen auf der Autobahn A100 in Berlin. Der Stadtring gehört zu den am stärksten befahrenen Bundesfernstraßen in Deutschland.
© Christophe Gateau/dpa
Das Lkw-Verkehrsportal zeigt, wie viele mautpflichtige Vehikel auf Autobahnen und Bundesstraßen erfasst werden. Danach wurden im September 2025, dem ersten Monat nach der Freigabe der neuen Autobahn, in Richtung Treptow 6262 solcher Fahrzeuge gezählt. Im Juni 2026, jüngere Daten gibt es noch nicht, waren es dann schon 11.577. In Richtung Neukölln stieg die Zahl sogar von 9646 auf 16.020.
Noch größer war die Verkehrszunahme auf der Elsenbrücke zwischen Treptow und Friedrichshain. In den Karten, mit denen das Lkw-Verkehrsportal von Toll Collect solche Entwicklungen bildlich darstellt, leuchtet diese Verbindung deshalb dunkelrot.
Die Zahlen im Einzelnen: Im Juli 2025, dem letzten Monat vor der Freigabe, erfasste Toll Collect auf der Spreequerung in beiden Richtungen 16.643 Lastwagen und andere mautpflichtige Fahrzeuge. Im Juni dieses Jahres wurden auf der Elsenbrücke 29.241 Lkw und andere Fahrzeuge dieser Art ermittelt, ein Anstieg um drei Viertel.
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Weniger Lkw auf der Straße Am Treptower Park
Auch andere Daten zeigen, dass die neue Autobahn im Osten Berlins anschließende Strecken belastet. So wurden im letzten Monat vor der Autobahneröffnung auf der Warschauer Straße in Friedrichshain zwischen der Helsingforser und der Revaler Straße insgesamt 14.355 mautpflichtige Vehikel erfasst. Im Juni dieses Jahres wurden auf dieser Bundesstraße dagegen 18.342 Lkw und andere Transporte gezählt.
Aber es gibt auch gute Nachrichten. So leuchten andere Strecken auf den Karten blau. Das bedeutet, dass der Lkw-Verkehr dort abgenommen hat. „Seit der Freigabe des 16. Bauabschnitts der A100 ist der mautpflichtige Verkehr auf parallelen Straßen deutlich zurückgegangen“, bestätigt Florian Masch von Toll Collect.
Er nennt ein Beispiel: „Auf der B96a in Treptow sank die Lkw-Belastung um mehr als 50 Prozent.“ Auf der stadtauswärts führenden Einbahnstraße Am Treptower Park waren kurz vor der Bulgarischen Straße im Juli des vergangenen Jahres 10.453 mautpflichtige Fahrzeuge unterwegs – im Juni dieses Jahres nur noch 3699.
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Lkw-Verkehrsportal von Toll Collect: eine Fundgrube
Dieser Trend lässt sich auch in der Puschkinallee im Treptower Park beobachten. Die stadteinwärts verlaufende Einbahnstraße wurde im Juli des vergangenen Jahres, als die Autobahn noch nicht offen war, von 7295 Lkw und anderen Transporten genutzt. Im Juni dieses Jahres zählte Toll Collect noch 5668 Vehikel dieser Art – ebenfalls weniger.
Eine Kontrollsäule zur Erfassung der Lkw-Maut steht an der B87 bei Frankfurt (Oder). An Bundesstraßen gibt es 620 solcher Säulen. An Autobahnen stehen 300 Kontrollbrücken.
© Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa
Klar wird: Nicht nur für Länder und Kommunen, Häfen und Flughäfen ist das Lkw-Verkehrsportal eine Fundgrube. Auch interessierte Bürger können auf den interaktiven Deutschlandkarten sehen, wo Lkw-Verkehr in welcher Intensität fließt – tagesscharf und im Vergleich. Das Portal liefert Hinweise darauf, wie sich Baustellen auswirken und ob Gewichtsbeschränkungen eingehalten werden. Als der Senat in Mitte die Neue Gertraudenbrücke für Fahrzeuge über 18 Tonnen sperrte, zeigten die Daten: Längst nicht alle Lkw- und Busfahrer hielten sich daran.
Wann immer in Deutschland in einem Lastwagen die Zündung eingeschaltet ist, tritt die Onboard Unit in Aktion. Die Technik zeichnet in jeder Sekunde auf, wo sich der Lkw befindet – überall, auch auf dem Hof und den nicht mautpflichtigen Straßen. Die Erfassung ist metergenau, wie die Heerstraße (B5) in Berlin zeigt. Nur die fünfspurige Hauptfahrbahn ist mautpflichtig, die Nebenfahrbahnen sind es nicht.
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E-Lkw sind in Deutschland mautfrei unterwegs
Derzeit werden für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen rund 33 Cent pro Kilometer berechnet. Im vergangenen Jahr nahm der Bund 13,38 Milliarden Euro Maut ein. Zählt man die Einnahmen seit Einführung der Lkw-Maut 2005 zusammen, kommt man auf insgesamt 111 Milliarden Euro. Inzwischen stammt etwas mehr als die Hälfte der Erträge von „gebietsfremden Fahrzeugen“: Lkw aus dem Ausland.
Die Maut hat eine ökologische Lenkungswirkung. „Die saubersten Fahrzeuge zahlen die niedrigste Maut, und Betreiber großer Flotten reagieren darauf. Die Maut ist neben Diesel der zweite große Kostenfaktor“, sagt Toll-Collect-Chef Mark Erichsen. Zuletzt wurden fast 96 Prozent der erfassten Kilometer von Lkw der Klasse Euro 6 zurückgelegt. Ende 2018 lag der Anteil dagegen nur bei rund 73 Prozent.
Batterieelektrische Lkw sind hierzulande bis 2031 mautbefreit, damit ist Deutschland weit vorne. „Höhere Anschaffungskosten stehen deutlich niedrigeren Betriebskosten gegenüber, was elektrische Lkw für Vielfahrer konkurrenzfähig zum Diesel macht“, so Erichsen. „Auf den Fachmessen werden E-Lkw nicht mehr mit PS und Hubraum angepriesen, sondern mit ‚digital, elektrisch, mautbefreit‘“, sagt Rolf Erfurt, Geschäftsführer Kaufmännisches und Digitales.
„Das Auto steht überall im Weg, auch in Berlin. Man muss es wegräumen“
Aufhebung des Sonntagsfahrverbots wirkt sich kaum aus
Die von Toll Collect gewonnenen Daten zeigen, wie es der Wirtschaft in Europa geht. Gemeinsam mit dem Bundesamt für Logistik und Mobilität sowie dem Statistischen Bundesamt veröffentlicht das Unternehmen den Lkw-Fahrleistungsindex. „Er ist einer der wenigen Indikatoren, die wöchentlich veröffentlicht werden. Er spiegelt relativ früh Veränderungen bei Industrieproduktion und Handel wider“, sagt Mark Erichsen. „Seit zwei bis drei Jahren stagniert der Index angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung auf einem niedrigeren Niveau.“
Weil auf dem Rhein und anderswo Niedrigwasser den Schiffsverkehr behindert, wurde das Sonntagsfahrverbot für Lkw vorübergehend aufgehoben. Diese Maßnahme hat sich bislang aber kaum ausgewirkt, Erichsen. „In den Daten ist bislang kein signifikanter Ausschlag zu sehen. Ein Gewerbe muss Zeit haben, reagieren zu können.“
Bis eine solche Regeländerung wirkt, muss man mindestens sechs Monate rechnen. Logistiker brauchen neue Ausschreibungen und Verträge. Es fehlen Lkw-Fahrer, und Annahmestellen müssen am Wochenende überhaupt besetzt sein. Logistik ist ein eingespieltes Netz, nicht nur ein Fahrzeug, das hin und her fährt, heißt es bei Toll Collect.
Ende einer Autobahnbrücke: Im Frühjahr 2025 wird die rissig gewordene Ringbahnbrücke, Teil des Dreieck Funkturms in Charlottenburg, mit schwerem Gerät abgebrochen.
© Christoph Soeder/dpa
Übrigens: Das Lkw-Verkehrsportal liefert auch für einen anderen Berliner Problembereich aufschlussreiche Daten. Im März 2025, vor fast anderthalb Jahren, musste am Dreieck Funkturm die Ringbahnbrücke im Verlauf der A100 gesperrt werden. Das Spannbetonbauwerk war baufällig. Inzwischen wird es wie die benachbarte Westendbrücke bis Sommer 2027 neu errichtet. Die Sperrung war ein Super-GAU.
Während Autos den Bereich am ICC weiterhin passieren dürfen, müssen Lastwagen das gesperrte Teilstück umfahren. Anwohner der Königin-Elisabeth-Straße in Charlottenburg, die Teil der Umleitung ist, klagen über Lärm und Gefahren. An diesem Sonntag erinnert die dortige Bürgerinitiative mit einer Mahnwache an einen 85-jährigen Mann, der beim Versuch, die Straße zu überqueren, von einem Lkw getötet wurde.
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Lkw-Verkehr auf der A100 vor dem ICC hat sich halbiert
„Unsere Daten zeigen, dass diese Umleitung nicht als alleinige Umfahrung genutzt wird“, bilanziert Florian Masch von Toll Collect. „So fahren an Wochentagen im Schnitt zwischen 100 und 200 mautpflichtige Lkw schon am Kurfürstendamm von der A100 ab und nehmen einen anderen Weg. Das ist nicht gerade wenig.“
Offensichtlich fahren viel weniger Lastwagen als früher auf der A100 auf den gesperrten Abschnitt zu. Im Februar 2025 waren zwischen Kurfürstendamm und Dreieck Funkturm nicht weniger als 69.062 mautpflichtige Fahrzeuge unterwegs. Im Juni dieses Jahres wurden noch 33.714 Lkw und andere Transporte erfasst – eine Halbierung.
„Der mautpflichtige Verkehr hat sich also nicht nur verlagert, ein großer Teil findet in diesem Bereich nicht mehr statt. Dafür anderswo, wie der Vergleich zwischen März 2026 und März 2025 zeigt: auf der B5 deutlich mehr Verkehr, auf der A100 deutlich weniger, auf der B96 leicht mehr.“ Auch im Tiergartentunnel ist es voller geworden.
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