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Am 19. Februar 2026 wurde von Elisabeth Kaiser, der Ostbeauftragten der Bundesregierung, der „Deutschland-Monitor 2025“ mit dem Themenschwerpunkt „Wie veränderungsbereit ist Deutschland?“ vorgestellt. Die Studie wurde als Auftragswerk der Bundesregierung von fünf universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen erarbeitet. Unbedingt zu beachten ist der Zeitraum der Befragung im Frühjahr/Sommer 2025; also vor dem angekündigten und nicht vollzogenen „Herbst der Reformen“.
Aus der bisherigen Berichterstattung habe ich den Schluss gezogen, dass nur wenige Journalisten und Journalistinnen sich die Mühe gemacht haben, die etwa 240 Seiten des Hauptberichtes zu lesen. Stattdessen wurde weitgehend dem Kurzbericht gefolgt. Als Essenz ist von Frau Kaiser zu lesen: „Wer über höheres Einkommen und Bildungsniveau verfügt oder wer in der Vergangenheit positive Erfahrungen mit Veränderungen gemacht hat, steht gesellschaftlichem Wandel aufgeschlossener gegenüber.“ Mit diesem Schwerpunkt ist die im Kapitel 4.1 „Einstellungen zur Demokratie, zu politischen Institutionen und zur Rückkopplung innerhalb des politischen Systems“ vorgestellte Demokratie(un)zufriedenheit der Ostdeutschen kaum problematisiert worden. Dem möchte ich mich widmen.
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Einteilung der Demokraten in drei Gruppen
Zunächst ist positiv festzuhalten, dass der Wert „Demokratie“ von 98 Prozent der Befragten hochgehalten wird. Hinter diesem „Etikett“ des Gesellschaftssystems der Bundesrepublik verbergen sich allerdings Differenzen. Ein Blick auf die Demokratiedimensionen „Demokratieidee“, „Verfassungsordnung“ und „Funktionieren der Demokratie“ offenbart in allen drei Bereichen eine Diskrepanz von elf Prozent weniger Zustimmung im Osten. In diesem Kontext sei erwähnt, dass eine Mehrheit aller Probanden eine Verschlechterung des Funktionierens der bundesdeutschen Demokratie im Verlauf der letzten zehn Jahre registriert. Also wohl kein Ost-Alleinstellungsmerkmal.
Zur Vertiefung führen die beteiligten Forschungsinstitutionen drei Gruppen von Demokraten an: „Zufriedene Demokraten“ unterstützen die Idee der Demokratie und zeigen sich gleichzeitig zufrieden mit der Verfassungsordnung und dem Funktionieren der Demokratie. Diesem Typ lassen sich bundesweit 60 Prozent zuordnen. In Ostdeutschland sind es mit 51 Prozent knapp die Hälfte. „Politikkritische Demokraten“ sind mit der Werte- und Ordnungsdimension einverstanden, aber mit dem Funktionieren der Demokratie hierzulande unzufrieden. Bundesweit sind dies 22 Prozent.
„Systemkritische Demokraten“ hingegen stimmen zwar der Idee der Demokratie zu, sind aber sowohl mit der Verfassungsordnung als auch dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden. Der Anteil systemkritischer Demokraten in der Bevölkerung beträgt 17 Prozent, ist aber in Ostdeutschland (26 Prozent) deutlich größer als in Westdeutschland (15 Prozent).
Wie bestellt, so geliefert ... der Deutschland-Monitor.
© Sascha Steinach/Imago
Das Links-Rechts-Schema liefert keine Erklärung
Sind das nicht primär veränderungswillige Bürger? Wer zufrieden mit der praktizierten Demokratie ist – warum sollte er/sie veränderungswillig sein? Für mich ein Widerspruch. Als Ostdeutscher sehe ich großen Veränderungsbedarf in der gelebten Demokratie. Mit dieser Einstellung bin ich kein Einzelkämpfer. „Die“ Wissenschaft sieht vor allem in zwei Parteien demokratiekritische Stimmen: „Der Anteil ‚„zufriedener Demokraten“‘ beträgt bei den Anhängerinnen und Anhängern dieser Parteien nur zehn (AfD) bzw. 22 Prozent (BSW).“ Folgt man Frau Kaiser, so tummeln sich in diesen Parteien die „Abgehängten“.
Selbst Die Linke liegt mit 63 Prozent „zufriedener Demokraten“ über dem Bundesdurchschnitt, was mich nicht überrascht; genausowenig wie die höchsten Zustimmungswerte bei Grünen und der SPD. Soll deshalb die Demokratie mit einem Verbot der AfD (und bei Wiedererstarken - des BSW) „gerettet“ werden? Nebenbei: Das Links-Rechts-Schema liefert hier keine Erklärung.
Aber vielleicht hilft der Blick auf die sozialökonomische Position, wie sie von Frau Kaiser herausgehoben wurde, weiter. Dazu wurde in West und Ost sowohl in strukturschwachen als auch strukturstarken Kreisen eine repräsentative Auswahl von Bürgern befragt. Die Autoren kommen zunächst zu diesem Schluss: „Auch bei der Demokratiezufriedenheit und der Zufriedenheit mit der Verfassungsordnung bestehen in Westdeutschland keine Unterschiede zwischen strukturstarken und strukturschwachen Kreisen . . .“ Mir bekannte sozioökonomische Daten sagen aus, dass es auch im Westen Deutschlands Armutsregionen gibt. Was aber laut Studie nicht zur Demokratieverdrossenheit führt.
Weiter heißt es: „Anders in Ostdeutschland: In den dortigen weniger prosperierenden Regionen fällt die politische Unterstützung sowohl in Bezug auf die Verfassungsordnung als auch in Bezug auf die spezifische Bewertung des politischen Systems und seiner Akteure bedeutend niedriger aus als in prosperierenden Regionen dieses Landesteils.“ Wirtschaftspolitische Nachrichten verkünden leider keinen wirtschaftlichen Aufschwung. Was unterscheidet nun das Verhalten West vom Verhalten Ost?
Meine Hypothese lautet, dass die Einkommens- und Vermögensschere weiterhin zugunsten des Westens geöffnet ist, private wirtschaftliche Verluste eher abgefangen werden. Ist höheres Einkommen plus angesammeltes Vermögen die einzige Erklärung, dass sich im Westteil mehr zufriedene Demokraten tummeln?
Dafür halten die Forschenden noch eine weitere Hypothese bereit - Populismus im Osten: „ Als zentrale Merkmale populistischer Einstellungen gelten Antielitismus, Antipluralismus, Manichäismus – also die Vorstellung, dass die Gesellschaft in „Gut“ und „Böse“ geteilt werden kann –, ein Antiinstitutionalismus, der die Legitimität repräsentativer oder rechtsstaatlicher Institutionen infrage stellt, sowie die Präferenz für eine direkte Demokratie.“ Wenig überraschend, wo diese Populisten im Osten zu finden sind: „Unter der Anhängerschaft der AfD zeigt sich mit 61 Prozent der vergleichsweise größte Anteil populistisch eingestellter Personen. An zweiter Stelle folgen die dem BSW nahestehenden Befragten mit einem Anteil von 39 Prozent.“
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Eine These, die nicht ernst genommen werden sollte
Nicht ernst zu nehmen ist folgende These: „Stärker noch als bei den Indikatoren politischer Unterstützung erweist sich die formale Bildung als Erklärungsfaktor populistischer Einstellungen. Menschen mit höherer formaler Bildung haben eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit, populistische Einstellungen zu teilen als Personen mit niedriger formaler Bildung. Erklärt werden kann dieser Zusammenhang damit, dass höher gebildete Menschen infolge ihres häufig umfassenderen politischen Wissens weniger empfänglich für vereinfachte elitenfeindliche Deutungen und auch weniger anfällig gegenüber negativen Effekten der Globalisierung sind.“
Hoppla, habe ich einen Bildungsaufschwung bei den Grünen (Baerbock, Göring-Eckardt, Roth etc.) verpasst? Warum wollen die Autoren nicht benennen, dass nach wie vor die Westherkunft nebst Parteibuch Menschen in Leitungspositionen spült; egal, ob in Politik, Wirtschaft oder Kultur. Und wer sich an seine Macht klammert, ist demokratiezufrieden (im Sinne „unserer Demokratie“), aber nicht per se veränderungswillig.
Bleibt Folgendes festzuhalten: Der „Deutschland-Monitor“ ist wie in den Jahren 2023 und 2024 ein Auftragswerk, für welches gilt: „wie bestellt, so geliefert“. Folgt hier die Politik der Wissenschaft oder trabt letztere auf der Fördermittelspur hinterher? Und ist es Zufall, dass diese Studie sechs Tage nach der fulminanten Rede von Harald Martenstein im Hamburger Thalia-Theater das Licht der Öffentlichkeit erblickte? Mit ihrer ideologischen Schlagseite liefert die Studie selbst eine Antwort. Generell kann wohl von dieser Art „Wissenschaft“ abgesehen werden.
Klaus Dittrich: An der Saale geboren; Kindheit und Jugend an der Mulde; eigenständiges Leben an der Saale, Elbe, Oder, Berliner Spree und jetzt an der Brandenburger Spree – kurz, ein Anwohner der Flüsse. Bekennender „Ossi“; auch nach 70 Jahren. Dr. phil, parteilos.
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