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Hier weile ich ein paar Wochen in einem anhaltinischen Dorf, sanfte Hügel und sauber abgeerntete Felder ringsum. Ein Sportplatz, ein Fluss, ein paar Brücken darüber. So heißt auch das Dorf: Brücken. Die Kirschen, die hier berühmt sind, sind vertrocknet und liegen auf den Gehwegen, Äpfel und Pflaumen reifen am Wegesrand. Im Nachbarort gibt es ein Schloss von Otto dem Großen, ein paarmal haben wir hier gegessen, man sitzt schön im Schlosshof und verzeiht dem Essen, dass es so viel kostet wie in Berlin, es ist irgendwie auch essbar.
„Das historische Renaissanceschloss in Wallhausen steht an dem Ort, an dem im Jahr 912 der erste römisch-deutsche Kaiser, Otto der Große, geboren wurde. Das denkmalgeschützte Gebäude befindet sich seit 2005 in Privatbesitz und wird heute als Hotel, Restaurant und Kulturort genutzt“, erfahre ich. Otto heißen viele Männer hier.
Blick von der Burg Giebichenstein
© Wera Herzberg
Wo hat die AfD nur ihre Augen
Ich will nach Halle fahren zu einer Theateraufführung von Freunden, natürlich besteht Ersatzverkehr mit Bussen, die Haltestelle liegt in eben diesem Nachbarort mit dem Schloss. Mit dem Fahrrad sind es nur ein paar Minuten, zu Fuß dann schon mindestens eine Dreiviertelstunde von meinem Dorf bis zu dem etwas größeren Ort Wallhausen.
Ich werde mein Fahrrad im Hof des Schlosses abstellen, da wird es sicherer sein als in der einzigen Verkaufsstelle, denke ich, die Berlinerin, obwohl ich nie mein Fahrrad dort abschließe, wie auch die anderen, wenn ich hier in Wallhausen einkaufen gehe. Ach, wie kann man sich irren, als Großstädterin.
Also schließe ich mein Fahrrad an im Schlosshof. Mit dem Bus nun nach Halle, pünktlicher als die Bahn, dafür eine halbe Stunde länger. Vollgestellt mit Koffern, viele Reisende sind aus anderen Ländern gekommen. Wo hat die AfD, die man hier wählt, nur ihre Augen, längst hat sich die Welt verändert, längst ist es auch hier normal, dass die Hälfte der Bürger sonstwoherkommt.
In Halle orientiere ich mich dummerweise mit dem Handy, aber auch das scheint gelitten zu haben in der Sonne; oder vielleicht habe ich auch gelitten. Ich fahre hin und her mit verschiedenen Straßenbahnen und komme meinem Ziel doch nicht näher. Dann endlich finde ich doch einen Weg, ich laufe durch die aufgeheizte Stadt, steige die vielen Stufen der Burg Giebichenstein nach oben und sehe mir in der letzten Abendsonne ein leichtes Sommerstück an.
Unten fließt die Saale, oben fließt der Schweiß. Die Schauspieler erfüllen ihre Aufgaben, singen zart im Abendwind. Die Zuschauer trinken halbtrockenen Wein. Niemand ärgert sich, man schaut in der Pause ins liebliche Tal, klatscht höflich am Ende und tastet sich die steilen Stufen wieder herunter.
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Wie ein Kind, das nicht hören will
Am nächsten Tag fahre ich zurück mit dem Schienenersatzverkehr, pünktlich wieder, wieder eine bunte Gruppe von Reisenden aus verschiedensten Ländern. Der Bus ist ein normaler Stadtbus, für Koffer und viel Gepäck nicht wirklich geeignet, aber ohne Aufregung stellt man sein großes Gepäck vor die eigenen Füße, es wackelt in den Kurven, fällt auch mal um, alles ist friedlich.
Bevor ich mein Fahrrad hole in Wallhausen, will ich ein paar Dinge einkaufen, sie in einer großen Papiertüte verstauen. Die Frau an der Kasse warnt mich, die Tüte werde reißen, also umklammere ich meine Einkäufe und will die paar Schritte zu meinem Fahrrad gehen, das ich dort an der Schlossmauer angekettet hatte. Feuerwehren, Polizeiautos und eine Menge uniformierter Feuerwehrleute auf dem Weg dahin.
„Hier können Sie nicht durch“, sagt man mir. „Doch“, sage ich, „ich muss mein Fahrrad holen. Es steht auf dem Hof vom Schloss.“ „Da können Sie nicht hin, da hat es gebrannt.“ „Aber ich muss dahin, ich komme sonst nicht in meinen Ort, schon gar nicht mit dem Einkauf.“ „Nehmen Sie sich ein Taxi.“ „Ein Taxi, hier?“
Ich gehe einfach weiter in Richtung Schlosshof mit meiner großen Einkaufstüte. „Halt“, höre ich, „zurück! Da dürfen Sie nicht lang!“ „Ich will mein Fahrrad!“ Man wird schnell zu einem nörgelnden Kind, das kein Argument hören will.
Große Teile des zweiten Obergeschosses wurden bei dem Brand zerstört. Der Schaden wird auf mehrere Millionen Euro geschätzt.
© Wera Herzberg
„Das geht jetzt nicht, es hat gebrannt, es ist sehr gefährlich, da fallen die Ziegel vom Dach.“ „Aber ich kann doch nicht in der Hitze die paar Kilometer zu meinem Ort laufen, da bekomme ich ja eine Herzattacke.“ So kläglich, wie ich es vorbringe, da glaube ich tatsächlich selbst dran. „Bleiben Sie stehen, vielleicht gibt es Ihr Fahrrad nicht mehr, es war ein fürchterlicher Brand. Hier können Sie nicht durch!“
Ich gehe einfach weiter an den Feuerwehren vorbei, ich kann es einfach nicht glauben, ich will es nicht glauben. „Haaaalt!“, ruft man hinter mir her, ich höre noch: „Fahrrad, da auf dem Hof vom Schloss.“ Da kommt endlich eine junge Frau in einer schwarzen, schweren Uniform: „Wo steht Ihr Fahrrad?“
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Zu Hause sehe ich die Bilder und schäme mich
Ich gebe ihr meine Fahrradschlüssel, mich selbst für meine Dummheit beschimpfend: Wieso habe ich geglaubt, das Fahrrad wäre auf dem Schlosshof sicherer als vor der Kaufhalle? Sie verschwindet zwischen den vielen Fahrzeugen, und nach einer langen Wartezeit glaube ich schon, das Fahrrad kann ich vergessen, die Frau hat mich vergessen, das Fahrrad ist im Feuer geschmolzen – da sehe ich sie, wie sie mein Fahrrad neben sich herschiebt. Es sieht unversehrt aus.
„War es Brandstiftung?“, frage ich. Das dürfe sie mir nicht sagen, es werde noch untersucht. „Ja, vermutlich.“ Ich wünsche ihr baldigen Feierabend und bedanke mich überschwänglich. Sie sieht müde aus. Auch die Männer in den schweren Uniformen sind erschöpft. Die volle Einkaufstüte packe ich in den Korb, fahre auf der Landstraße zu meinem Dorf. An den Laternenpfählen hängen nur die blauen AfD-Plakate mit dem Slogan: „Alles ist möglich.“
Zu Hause lese ich von dem katastrophalen Brand, sehe die Bilder und schäme mich, dass ich den Feuerwehrleuten solche Umstände gemacht, mein eigenes Unglück über das eigentliche Unglück gestellt habe, das mir erst jetzt richtig deutlich wird. Eine Nachbarin schreibt mir und schickt Fotos: „Guten Abend. Heute war ein trauriger Tag für uns.“
Wera Herzberg, Jahrgang 1948, hat in Berlin studiert. Sie hat an verschiedenen Theatern als Schauspielerin und Regisseurin gearbeitet und war Dozentin für Schauspiel und Regie an Schauspielschulen in Berlin, Potsdam und Hannover.
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