51 Prozent Kaffee, der Rest geröstete Erbsen, Roggen, Gerste, Zichorie und Zuckerrübenschnitzel: Diese Mischung bekamen DDR-Bürger ab August 1977 als „Kaffee-Mix“ in die Tasse.
Nach acht Wochen musste die Staatsführung öffentlich zurückrudern. Und der Spottname, unter dem heute fast jeder den Mix kennt, ist womöglich erst nach der Wende entstanden.
Kaffee-Mix statt Kosta: Was 1977 in der DDR passierte
Das SED-Politbüro fasste den Beschluss am 26. Juli 1977. Ab dem 1. August ersetzte der Mix die günstigen Sorten „Kosta“ und „Mocca-Fix Silber“, wie das Bundesarchiv in einem Themenbeitrag zusammenfasst.
Kosta hatte 7,50 Mark für 125 Gramm gekostet. Das Rezept für den Ersatz kam aus dem Institut für Getreidewirtschaft in Potsdam-Rehbrücke, abgefüllt wurde er im VENAG-Werk in Halle. So steht es in einer Chronik der Kaffeekrise, die 2022 in der Berliner Zeitung erschien.
Warum die DDR beim Kaffee sparen wollte
Auslöser war eine Missernte in Brasilien 1975/76. Kaffeebohnen wurden weltweit knapp, 1977 lagen die Preise etwa beim Vierfachen von 1975.
Rund 300 Millionen Dollar im Jahr kostete der Rohkaffee die DDR nach eigenen Angaben, zu zahlen in Westwährung. Auf einer ZK-Tagung im August 1977 stellte man die Importkosten nach ihrer Recherche sogar den Ausgaben für die allgemeinbildenden Schulen gegenüber.
Kaffee-Mix verstopfte Filter und Maschinen
Schon technisch funktionierte der Mix schlecht. Das Pulver quoll auf und verstopfte die Filter, vor allem in Kantinen und Gaststätten. Manche Kaffeemaschine soll dem Archiv zufolge sogar explodiert sein.
Geschmacklich fiel das Urteil im Westen vernichtend aus. Ein Kaffeetester einer Hamburger Großrösterei nannte den Mix „muffig-erdig, wirklich gemein“.
„Das reinste Rattengift“: 14.000 Beschwerden
Im Osten klang es noch drastischer. „Er ist das reinste Rattengift“, zitierte der Nordkurier eine der Klagen.
Mehr als 14.000 Beschwerdebriefe gingen bei den Behörden ein. Am 1. September meldete die Stasi der SED-Spitze, „Qualität und Preis“ des Kaffee-Mix würden „von breiten Kreisen der Bevölkerung abgelehnt“.
Besonders empörte viele, dass in den Interhotels weiter echter Kaffee ausgeschenkt wurde. In den Stasi-Berichten taucht deshalb der Vorwurf „Betrug am Arbeiter“ auf.
DDR-Bürger hamsterten echten Kaffee
Gespart wurde dadurch zunächst nichts. Die Leute ließen den Mix liegen und kauften die teureren Sorten Mona und Rondo auf Vorrat.
Bis Mitte September stieg der Kaffeeverbrauch um 2290 Tonnen, ein Plus von 8,5 Prozent. Das musste das Ministerium für Handel und Versorgung am 23. September selbst einräumen. Es versprach einen besseren und billigeren Mix, im Januar 1978 beschloss das Politbüro dann das Aus.
Kaffee aus dem Westpaket
Verlässlich lieferte nur die Westverwandtschaft. Knapp ein Fünftel des in der DDR getrunkenen Kaffees kam Schätzungen zufolge per Westpaket, berichtete die Volksstimme.
Die Führung half dabei sogar nach. Der Zoll sollte bei Kaffee in Paketen und Reisegepäck ein Auge zudrücken, im September 1977 fiel die Mengengrenze für Geschenksendungen ganz weg.
Kaffee gegen Waffen und Lastwagen
Parallel suchte die DDR nach Kaffee ohne Devisen. Äthiopien bekam Rüstungsgüter, Angola Lastwagen vom Typ W50 aus Ludwigsfelde.
Das Chemiewerk Miltitz sollte sogar künstliches Kaffeearoma entwickeln. Die Werksdirektorin nannte die Proben „erbärmlich“, wie Tkalec schreibt.
„Erichs Krönung“: Spottname oder Legende?
Heute kennt fast jeder den Mix als „Erichs Krönung“, ein Wortspiel mit Honecker und der Westmarke Jacobs Krönung. Das Bundesarchiv nennt den Namen ebenso wie „Edescho – Erichs Devisenschoner“.
Ob die Ostdeutschen ihn 1977 tatsächlich so nannten, ist allerdings umstritten. Möglicherweise haben Journalisten den Namen erst nach der Wende verbreitet und voneinander abgeschrieben, ähnlich wie beim „Telespargel“.
Vietnam: Das Erbe der DDR-Kaffeekrise
Langfristig setzte die DDR auf Vietnam. In den 1980er-Jahren baute sie im Hochland Kaffeeplantagen auf und steckte rund 32 Millionen Rubel hinein. Dafür sollte Vietnam 20 Jahre lang die Hälfte seiner Ernte liefern.
Die erste große Ernte erlebte die DDR nicht mehr. Vietnam aber ist heute der zweitgrößte Kaffeeproduzent der Welt, eine Entwicklung, für die die DDR-Kaffeekrise den Grundstein mitlegte.
Ausgerechnet die Krise um einen Kaffee, den keiner trinken wollte, half so am anderen Ende der Welt einen Exportschlager aufzubauen.
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