Open Source

Erfurt, AfD, Antifa und Thukydides: Wenn aus politischen Gegnern Feinde werden

Die Ereignisse in Erfurt werfen grundlegende Fragen über politische Gewalt, Antifa-Proteste, wehrhafte Demokratie und die Lehren eines antiken Historikers auf.

8 Min
Am Rande des Parteitags der AfD in Erfurt kam es wiederholt zur Konfrontation zwischen Demonstranten und der Polizei.

Am Rande des Parteitags der AfD in Erfurt kam es wiederholt zur Konfrontation zwischen Demonstranten und der Polizei.

© IMAGO/Rene Pertzsch

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Die Bilder aus Erfurt vom AfD-Parteitag verstören. Nicht allein wegen einzelner Szenen von Blockaden, Rangeleien oder Gewalt. Sie verstören, weil sie eine viel ältere Frage berühren: Was geschieht mit einer politischen Gemeinschaft, wenn Menschen beginnen zu glauben, dass die eigene moralische Gewissheit sie von den Regeln befreit, die für alle gelten sollen?

Wer die AfD politisch scharf kritisiert oder bekämpft, mag dafür gute Gründe anführen. In einer Demokratie gehören Widerspruch, Demonstrationen und harte politische Auseinandersetzungen zum Wesen einer freien Gesellschaft. Doch eine Grenze wird dort überschritten, wo nicht mehr das Argument gesucht, sondern die physische Verhinderung des Gegners zum politischen Mittel wird. Wo aus Protest ein entfesselter politischer Affekt entsteht, der die Auseinandersetzung ersetzt, stellt sich nicht nur die Frage nach einer einzelnen Veranstaltung. Dann geht es um die Grundlagen demokratischer Streitkultur selbst.

Der griechische Historiker Thukydides (ca. 460–400 v. Chr.) beschrieb während des Peloponnesischen Krieges einen Zustand, für den die Griechen einen eigenen Begriff hatten: Stasis (στάσις). Gemeint war nicht gewöhnlicher Streit oder politische Gegnerschaft, sondern jener gefährliche Moment, in dem eine Gemeinschaft in feindliche Lager zerfällt und der Gegner nicht mehr als Mitbürger mit anderer Auffassung, sondern als existenzieller Feind erscheint.

In seiner Darstellung der inneren Kämpfe auf Kerkyra (dem heutigen Korfu) im Jahr 427 v. Chr. erkannte Thukydides etwas, das weit über diesen historischen Augenblick hinausweist. Er beschrieb nicht nur den Zerfall einer Stadtgemeinschaft. Er beschrieb eine Möglichkeit des Menschen. Besonders deutlich wird dies in seiner berühmten Beobachtung über den Wandel der Sprache: „Sie vertauschten sogar die gewohnte Bedeutung der Worte nach ihrer jeweiligen Einschätzung der Dinge.“ (Thukydides, Der Peloponnesische Krieg III,82)

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Beginn einer moralischen Entgrenzung

Damit beschreibt Thukydides mehr als eine sprachliche Veränderung. Er zeigt den Beginn einer moralischen Entgrenzung. Begriffe verlieren ihre ordnende Kraft. Was früher als Maßlosigkeit galt, erscheint plötzlich als Entschlossenheit. Was Besonnenheit war, wird als Schwäche ausgelegt. Die Zugehörigkeit zum eigenen Lager entscheidet zunehmend darüber, wie Handlungen bewertet werden.

Genau darin liegt die bleibende Aktualität dieses antiken Textes. Nicht, weil Geschichte sich einfach wiederholt. Kerkyra ist nicht Erfurt, die Gegenwart nicht die Antike. Entscheidend ist etwas anderes: Bestimmte Muster menschlichen Verhaltens können unter bestimmten Bedingungen wiederkehren.

Menschen suchen Zugehörigkeit. Gruppen entwickeln gemeinsame Gewissheiten. Politische Überzeugungen können sich zu Identitäten verdichten. Dann entsteht die Gefahr, dass die eigene Seite nicht mehr kritisch geprüft und der Gegner nicht mehr als Teil derselben politischen Gemeinschaft wahrgenommen wird.

Die unbequeme Erkenntnis des Thukydides lautet deshalb vielleicht: Der Mensch verliert seine Fähigkeit zur Selbsttäuschung nicht dadurch, dass er überzeugt ist, für eine gute Sache zu kämpfen. Moralische Gewissheit schützt nicht automatisch vor Maßlosigkeit. Genau hier beginnt das eigentliche Problem der Stasis: Der politische Gegner verschwindet – und an seine Stelle tritt der moralische Feind.

Eine freiheitliche Ordnung zerbricht selten an einem einzigen Ereignis. Häufig beginnt ihre Erosion dort, wo sich eine Gesellschaft langsam daran gewöhnt, dass unterschiedliche Maßstäbe gelten: dass beim eigenen Lager entschuldigt wird, was man beim politischen Gegner als Gefahr erkennt.

Thukydides-Statue in Wien

Thukydides-Statue in Wien

© Bennett Dean/Imago

Eine zerbrechliche Ordnung

Auch die späte römische Republik kannte diese Entwicklung. Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.) erlebte eine Zeit, in der die republikanische Ordnung zunehmend durch persönliche Feindschaften, Machtkämpfe und politische Gewalt belastet wurde. Für Cicero bestand eine Republik nicht allein aus Institutionen, Ämtern oder Mehrheitsentscheidungen. Sie beruhte auf einer tieferen gemeinsamen Grundlage: der Bindung aller Bürger an ein gemeinsames Recht, dem „consensus iuris“ (Cicero, De re publica I,39).

Eine politische Gemeinschaft kann unterschiedliche Weltanschauungen, leidenschaftliche Debatten und harte Gegensätze aushalten. Was sie jedoch nicht dauerhaft erträgt, ist der Verlust jener gemeinsamen Regeln, nach denen dieser Streit geführt wird. Wo das Recht nur noch als Werkzeug gegen den Gegner betrachtet wird, verliert die Republik ihr Fundament.

Wie zerbrechlich diese Ordnung werden kann, zeigte sich bereits in Ciceros eigener Zeit. Der Volkstribun Publius Clodius Pulcher (ca. 92–52 v. Chr.) steht exemplarisch für eine Entwicklung, in der organisierter Druck auf der Straße politische Verfahren zunehmend überlagerte. Entscheidend war nicht allein die einzelne Gewalttat, sondern die Gewöhnung daran, dass politische Ziele auch außerhalb gemeinsamer Regeln durchgesetzt werden konnten.

Eine ähnliche Warnung enthält der Blick auf die Weimarer Republik. Auch hier gilt: Geschichte wiederholt sich nicht, und historische Gleichsetzungen helfen selten weiter. Doch bestimmte Muster politischer Entgrenzung lassen sich erkennen. Die Gewaltbereitschaft verschiedener politischer Lager, die Aufmärsche von SA, Rotfrontkämpferbund und anderen Gruppierungen verwandelten Teile des öffentlichen Raumes zunehmend in eine Arena der Konfrontation. Die Republik verlor nicht nur durch ihre Gegner an Stabilität, sondern auch durch den schwindenden Glauben vieler Menschen, dass demokratische Institutionen den Konflikt noch ordnen könnten.

Das Trojanische Pferd der guten Sache

Gerade deshalb ist die Frage nach den Mitteln entscheidend. Die wehrhafte Demokratie des Grundgesetzes bedeutet nicht, dass der Staat seine Gegner mit deren Methoden bekämpft. Sie verteidigt sich durch Recht, Verfahren, Gerichte, freie Öffentlichkeit und die konsequente Anwendung demokratischer Regeln.

Hier liegt auch die schwierige Frage im Umgang mit Bewegungen wie der Antifa. Antifaschismus als Ablehnung totalitärer und menschenfeindlicher Ideologien gehört zur historischen Erfahrung der Bundesrepublik. Problematisch wird es jedoch dort, wo einzelne Akteure im Namen dieses Anspruchs Mittel rechtfertigen, die dem demokratischen Prinzip selbst widersprechen. Dann entsteht das Trojanische Pferd der guten Sache: Nach außen steht der Anspruch, Demokratie zu schützen. Im Inneren aber kann sich eine Haltung entwickeln, die vergisst, dass demokratische Ziele nur durch demokratische Mittel glaubwürdig bleiben.

Trojanisches Pferd in der türkischen Hafenstadt Canakkale, die für ihre historischen Stätten bekannt ist.

Trojanisches Pferd in der türkischen Hafenstadt Canakkale, die für ihre historischen Stätten bekannt ist.

© Zoonar.com/Multipedia/Imago

Eine ernüchternde Wahrheit

So zeigt die Geschichte eine ernüchternde Wahrheit: Auch eine gute Sache befreit den Menschen nicht von der Prüfung seiner eigenen Mittel. Gerade wer Demokratie verteidigen will, muss bereit sein, sich an ihren Maßstäben messen zu lassen. Gerade an dieser Stelle entscheidet sich die Qualität einer demokratischen Kultur. Denn die erste Entgrenzung politischer Konflikte beginnt häufig nicht mit Gewalt, sondern mit Sprache.

Die deutsche Geschichte gibt Begriffen wie „Nationalsozialismus“ und „Faschismus“ ein besonderes Gewicht. Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus gehört zu den moralischen Grundlagen der Bundesrepublik. Sie verpflichtet dazu, tatsächlichen Extremismus klar zu erkennen, zu benennen und ihm entschieden entgegenzutreten. Gerade deshalb verlangt diese historische Verantwortung aber auch begriffliche Genauigkeit. Wo Begriffe, die aus der Erfahrung einer singulären historischen Katastrophe stammen, ihre Unterscheidungskraft verlieren und zum allgemeinen Instrument politischer Delegitimierung werden, verlieren sie am Ende auch einen Teil ihrer warnenden Kraft.

Hier zeigt sich erneut die Aktualität von Thukydides. Die Krise einer politischen Gemeinschaft beginnt nicht erst, wenn Barrikaden errichtet werden. Sie beginnt dort, wo eine gemeinsame Sprache verlorengeht. Wo der politische Gegner nicht mehr als jemand erscheint, dessen Position man entschieden ablehnt, sondern ausschließlich als moralisch verwerflicher Feind, wird der Raum demokratischer Auseinandersetzung kleiner.

Auch deshalb lohnt ein genauer Blick auf politische Deutungen. Wenn die Verhinderung eines zugelassenen politischen Gegners als „Großes Fest der Demokratie“ (Göring-Eckardt) beschrieben wird, entsteht eine Spannung, über die eine freie Gesellschaft nachdenken sollte. Demokratischer Protest ist ein unverzichtbarer Ausdruck politischer Freiheit. Doch Demokratie zeigt ihre Stärke nicht darin, dass der Gegner verschwindet, sondern darin, dass sie ihn im Rahmen des Rechts und des Arguments stellt.

Mehr als ein lokaler Konflikt

Erfurt ist vor diesem Hintergrund mehr als ein lokaler Konflikt. Es ist ein Warnbild für eine Entwicklung, die jede Demokratie ernst nehmen sollte. Nicht, weil unsere Gegenwart mit Kerkyra, Rom oder Weimar gleichzusetzen wäre. Sondern weil diese historischen Erfahrungen eine bleibende anthropologische Einsicht enthalten: Politische Ordnungen scheitern nicht nur an ihren erklärten Feinden. Sie geraten auch dann unter Druck, wenn das gemeinsame Vertrauen in Sprache, Maß und Regeln verloren geht.

Die eigentliche Prüfung einer Demokratie besteht deshalb nicht nur darin, wie sie mit ihren Gegnern umgeht. Sie besteht auch darin, ob ihre Verteidiger bereit sind, sich selbst an jene Maßstäbe zu binden, die sie bewahren wollen.

Vielleicht liegt genau darin eine weitere ernüchternde Erkenntnis des Thukydides: Die Grenze zwischen Maß und Maßlosigkeit verläuft nicht einfach zwischen politischen Lagern. Sie verläuft als Möglichkeit durch den Menschen selbst.

Wer das Gemeinwesen schützen will, muss deshalb nicht nur seine Gegner prüfen. Er muss auch die eigenen Mittel prüfen. Denn eine Republik verliert ihren inneren Halt nicht erst, wenn ihre Feinde stark werden. Sie verliert ihn dort, wo die Überzeugung, für das Gute zu kämpfen, wichtiger wird als die Ordnung, die das Gute überhaupt schützt.

Klaus Knorr (Jahrgang 1954) war Lehrer für Latein, Geschichte und auch Philosophie. Er beschäftigt sich aus privatem Interesse seit vielen Jahren mit europäischer Geistes-, Kultur- und Bildungsgeschichte sowie deren Bedeutung für aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen. In seinen Essays verbindet er historische Erfahrungen, staatsphilosophische Fragestellungen und gegenwartsbezogene Analysen.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner