Acht Millionen Mark hatten sie ihm vor vier Jahren für seinen Wahlkampf spendiert und er gewann. Jetzt lassen sie ihn im Stich. Gerhard Schröder habe sie, die Gewerkschaften, enttäuscht, sagen sie; die Arbeitslosigkeit nicht abgebaut und seine Versprechen nicht annähernd eingelöst. Nun will die IG Metall 6,5 Prozent mehr Lohn, oder doch immerhin so um die vier Prozent herum, und zieht in den Streik - mit Trillerpfeifen und roten Bannern. Soll er doch allein siegen, sie wollen mehr Geld. Die treuesten Gefährten der Sozialdemokraten gehen von der Fahne, immerhin gibt es ja noch eine rote Partei, bei der man sich besser aufgehoben fühlen könnte. Und übel nehmen soll ihnen das keiner, schließlich paktiere die SPD ja auch mit der PDS. Nix kommt von nix.Dabei klingt die IG-Metall-Forderung auf den ersten Blick gar nicht so unplausibel. Jahrelang sei man den Appellen Schröders gefolgt und habe sich mit bescheidenen Zuwachsraten beim Lohn zurückgehalten. Die Arbeitgeber hätten kassiert, aber die Zahl der Arbeitslosen sei gestiegen. Die Gehälter der Oberbosse ebenfalls um bis zu neunzig Prozent. Jetzt habe man die Nase voll. Basta.Jetzt wird gestreikt ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem Schröder verwundbar ist. Die Konjunktur lahmt, und die Arbeitgeber lamentieren, eine Lohnerhöhung über drei Prozent sei von der Industrie nicht zu verdauen. Die ganz Großen können das vielleicht, sie haben einen großen Magen. Der Mittelstand indessen gehe vor die Hunde. Ausgerechnet der Mittelstand, mit dessen Wohlwollen Schröder den Wind umkehren möchte, der ihm und seiner rot-grünen Koalition ins Gesicht weht. So endet eine Freundschaft.Gewarnt sein hätte er können. Schon einmal haben die Gewerkschaften einer befreundeten Regierung ins Handwerk gepfuscht. Willy Brandt, der Wahlsieger von 1972, stand nach gut einem Jahr - zugegeben lascher - Regentschaft vor der Forderung des ÖTV-Bosses Heinz Klunker. Er verlangte für seine Müllmänner ganze vierzehn Prozent Lohnzuschlag. Brandt ließ es nicht darauf ankommen und ging vor dem Kumpel Klunker in die Knie. Im Frühjahr 1974 warf er das Handtuch - nicht so sehr wegen des Ostspions Guillaume, dessen Enttarnung er hätte verdauen können, er hatte sein Rückgrat vor der ÖTV verloren.Kanzler werden wegen ihrer Stärke gewählt oder bestätigt. Mit den Gewerkschaften ist kein ewiger Bund zu schließen, wenn s um die Kohle geht.Also was nun? Damals hätte Brandt als öffentlich-rechtlicher Arbeitgeber Nein sagen können. Diesmal ist Schröder aufs Einknicken der Metallarbeitgeber angewiesen. Gelingt es dem Genossen der Bosse, seine neuen Freunde einen Schritt weiter auf die vier Prozent hin zu locken, sinken die Chancen auf einen raschen Aufschwung, ob seine Wahlchancen dadurch steigen, weiß der Kuckuck. Bleiben die Arbeitgeber hart und sperren gar aus, sinken seine Wahlchancen weiter, ob die Konjunktur dann anzieht, weiß der Kuckuck.Einen direkten Einfluss auf die Lohnfindung hat er ja nicht. Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind autonom. Warum sollen sie ihm einen Gefallen tun? Aus Dankbarkeit, dass der SPD-Kanzler so viel Verständnis für die Bosse gezeigt hat? Aus Freundespflicht von Rot zu Rot?Schröders Hauptfeldwebel Müntefering weiß es besser. Niemand im eigenen Lager möge darauf bauen, dass Schröder, wie es bisher ja wohl seine Art war "das Zweite oder dritte Kaninchen" aus dem Hut ziehe. Denn: "Es sind keine Kaninchen mehr im Hut." Man hat so seine Probleme mit alten Freunden.
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