Fernsehen

Tschechien sagt ESC 2027 ab – diesmal ist Israel nicht der Grund

Nach mehreren politisch begründeten ESC-Boykotten zieht sich nun auch Tschechien aus dem Wettbewerb zurück. Beim öffentlich-rechtlichen Sender ČT geht es jedoch ums Geld.

4 Min
Daniel Žižka beim ESC 2026 in Wien mit der tschechischen Flagge. Mit „Crossroads“ trat er für Tschechien an.

Daniel Žižka beim ESC 2026 in Wien mit der tschechischen Flagge. Mit „Crossroads“ trat er für Tschechien an.

© Luka Kolanovic/imago

Tschechien wird beim Eurovision Song Contest (ESC) 2027 im bulgarischen Burgas nicht antreten. Der öffentlich-rechtliche Sender Česká televize (ČT) bestätigte seinen Rückzug und begründete ihn mit den derzeitigen Anpassungen seines Budgets. Anders als bei mehreren anderen Ländern steht die Entscheidung damit nicht im Zusammenhang mit der Teilnahme Israels.

„Im Jahr 2027 werden wir die tschechische Flagge nicht auf der Bühne sehen“, erklärte der Sender. Der Eurovision Song Contest sei ein umfangreiches Projekt mit hohen programmlichen, produktionstechnischen und organisatorischen Anforderungen. Wegen der laufenden Budgetanpassungen habe sich ČT gegen eine Teilnahme entschieden. Eine Rückkehr in späteren Jahren schloss der Sender ausdrücklich nicht aus.

Gelder beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk knapp

Auch die European Broadcasting Union (EBU) bestätigte die Absage. ESC-Direktor Martin Green verwies ausdrücklich auf den finanziellen Druck, unter dem Česká televize stehe. Viele öffentlich-rechtliche Sender seien mit begrenzten Budgets und steigenden Kosten konfrontiert.

Damit unterscheidet sich der tschechische Rückzug deutlich von den Boykotten des vergangenen Wettbewerbs. Spanien, die Niederlande, Irland, Island und Slowenien nahmen 2026 aus Protest gegen die Teilnahme Israels nicht am ESC in Wien teil. Irland hat bereits angekündigt, auch beim Wettbewerb 2027 nicht anzutreten. Der Sender RTÉ begründet dies mit den anhaltenden Todesfällen und der humanitären Lage im Gazastreifen.

ESC kostete ČT zuletzt rund 376.000 Euro

Wie teuer eine ESC-Teilnahme für Tschechien ist, hat Česká televize selbst offengelegt. Auf eine Anfrage nach dem tschechischen Informationsfreiheitsgesetz bezifferte der Sender seine externen Kosten für das Projekt im Jahr 2024 auf 9,18 Millionen Kronen. Nach aktuellem Wechselkurs sind das rund 376.000 Euro.

In dieser Summe steckte weit mehr als die eigentliche Teilnahmegebühr an die EBU. ČT nennt unter anderem die Auswahl des tschechischen Beitrags, internationale Übertragungswege, Unterkunft und Transport, Honorare für Künstler und Mitarbeiter sowie die Gestaltung des Bühnenauftritts. Dazu gehören Kostüme, Choreografie, Make-up und Lichtdesign. Auch die Produktion der tschechischen Fernsehfassung wird aus diesem Etat bezahlt.

Ein Vergleich mit Deutschland zeigt, wie unterschiedlich die Kosten zwischen den Ländern verteilt sind. Deutschland zahlte 2024 allein als Teilnahmegebühr an die EBU 454.905 Euro. Im Jahr 2025 waren es 451.216 Euro. Damit lag bereits die deutsche Startgebühr höher als die von ČT für 2024 ausgewiesenen gesamten externen Projektkosten.

Die Zahlen sind allerdings nicht eins zu eins vergleichbar: Für Deutschland veröffentlicht die ARD keine vollständige Summe aller zusätzlichen Kosten für Delegation, Inszenierung und Begleitprogramm. Außerdem richtet sich die EBU-Teilnahmegebühr nach einem Umlagesystem. Deutschland gehört deshalb als großes Mitglied zu den Sendern mit besonders hohen Beiträgen.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Tschechische Haushalte zahlen rund sechs Euro im Monat

Finanziert werden solche Ausgaben aus dem Etat von Česká televize. Tschechische Haushalte zahlen derzeit 150 Kronen pro Monat, umgerechnet rund 6,14 Euro, an Fernsehgebühren. Die Gebühr wird einmal pro Haushalt erhoben und fließt in die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Zum Vergleich: Der Rundfunkbeitrag in Deutschland beträgt derzeit 18,36 Euro im Monat. Dieser Vergleich ist allerdings nur eingeschränkt aussagekräftig, weil aus dem deutschen Beitrag neben den ARD-Anstalten auch ZDF, Deutschlandradio und die Landesmedienanstalten finanziert werden.

Für 2027 bereitet Česká televize nun einen deutlich vorsichtigeren Haushalt vor. Der von Generaldirektor Hynek Chudárek vorgelegte Entwurf liegt 350 Millionen Kronen unter der bisherigen langfristigen Planung, umgerechnet rund 14,3 Millionen Euro. Hintergrund ist nach Angaben des Senders insbesondere die Unsicherheit über die künftige Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Die Regierungskoalition in Prag will die bisherigen Rundfunkgebühren abschaffen und durch eine Finanzierung aus dem Staatshaushalt ersetzen. Nach Berechnungen von ČT könnte das die Einnahmen des Senders deutlich reduzieren. Die geplante Reform ist bislang jedoch nicht in Kraft.

Beim ESC zieht ČT nun bereits Konsequenzen. Tschechien war 2007 erstmals bei dem Wettbewerb angetreten. Sein bislang bestes Ergebnis erreichte Mikoláš Josef 2018 mit „Lie To Me“ und Platz sechs.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner