Digitalwährung

EU-Parlament ebnet Weg für digitalen Euro: Was steckt dahinter?

Digitales Zwilling-Bargeld, ausgegeben von der EZB – ab 2029 soll das Realität werden. Ersetzt der digitale Euro irgendwann Scheine und Münzen? Chancen, Risiken und offene Fragen im Überblick.

5 Min
Der digitale Euro soll ab 2029 nutzbar sein.

Der digitale Euro soll ab 2029 nutzbar sein.

© Christian Ohde/imago

Das Europäische Parlament hat am Donnerstag in Straßburg grünes Licht für Verhandlungen mit den EU-Mitgliedstaaten über die Einführung eines digitalen Euro gegeben.

Damit rückt eines der größten währungspolitischen Vorhaben der Europäischen Zentralbank (EZB) in die Schlussphase. Die Trilogverhandlungen zwischen Parlament, Rat und Kommission sollen unter irischer Ratspräsidentschaft in Kürze beginnen und bis Jahresende abgeschlossen sein. Nach einer 2027 startenden Pilotphase könnte der digitale Euro ab 2029 im Alltag verfügbar sein. Was bedeutet das für Verbraucher, Handel und Banken?

Was der digitale Euro ist

Der digitale Euro wäre eine elektronische Form von Zentralbankgeld, ausgegeben und garantiert von der EZB. Anders als das Guthaben auf einem Girokonto, das rechtlich eine Forderung gegen eine Geschäftsbank darstellt, wäre der digitale Euro direktes Zentralbankgeld – vergleichbar mit Bargeld, nur in digitaler Form. Nutzer sollen ihn in einer digitalen Geldbörse (Wallet) halten und sowohl online als auch offline einsetzen können.

Bei Offline-Zahlungen fließt der Betrag direkt zwischen zwei Endgeräten, ohne dass Dritte davon Kenntnis erhalten, heißt es. Ausgegeben wird das Geld weiterhin über Banken und Zahlungsdienstleister; die Konten sollen laut EZB rechtlich wie Treuhandkonten funktionieren.

Die Argumente der Befürworter

Die EZB begründet das Projekt mit drei Zielen. Erstens strategische Unabhängigkeit: Nach Angaben der Notenbank entfielen im ersten Halbjahr 2024 rund 66 Prozent aller Kartenzahlungen im Euroraum auf internationale, überwiegend US-amerikanische Anbieter wie Visa, Mastercard oder PayPal. In zwei Dritteln der Euroländer gibt es keine nationale Kartenalternative.

Zweitens sollen die Kosten im Zahlungsverkehr sinken – Händler zahlen heute für jede Kartenzahlung Gebühren.

Drittens verspricht die EZB einen Datenschutz nach dem Vorbild des Bargelds – Transaktionen sollen verifiziert werden, ohne persönliche Daten offenzulegen.

Zum Verhandlungsmandat des Parlaments gehören eine Pflicht der meisten Unternehmen zur Annahme, kostenfreie Basisdienste, eine Obergrenze für individuelle Guthaben sowie die Verpflichtung der Euro-Staaten, Bargeld dauerhaft zugänglich zu halten. Für gewerbliche Anwender eröffnet die neue Infrastruktur laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zudem automatisierte Zahlungen, etwa in der Logistik oder bei nutzungsabhängigen Abrechnungen.

Um einen digitalen Bankrun zu verhindern – also den massenhaften Abzug von Einlagen aus Geschäftsbanken in Krisenzeiten –, soll die Haltemenge pro Person begrenzt werden. Diskutiert werden laut DIHK Beträge zwischen 500 und 3000 Euro – das Guthaben soll nicht verzinst werden. Andere Aspekte des Projekts stoßen auf Kritik.

Die Kritik: Bankenstabilität, Datenschutz und Bargeldzukunft

Der digitale Euro wird auch kritisch gesehen. Nach Angaben von drei am Verhandlungsprozess beteiligten Quellen, die Euronews zitiert, gilt das Vergütungsmodell für Banken und Zahlungsdienstleister als heikelster Streitpunkt. Umstritten ist, welche Banken und Zahlungsdienstleister für ihre Rolle im System des digitalen Euro entschädigt werden sollen, in welcher Höhe und wer die Kosten trägt – Händler, Endkunden oder die EZB selbst.

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Der Europaabgeordnete Fabio De Masi (BSW) bezweifelt etwa, dass die Endkunden von niedrigeren Gebühren profitieren. In einem Beitrag auf X schrieb er, die Berechnungsformel für Händlerentgelte sei intransparent und hänge davon ab, welche Kosten marktbeherrschende Netzwerke wie Visa und Mastercard geltend machten.

Der Wirtschaftsjournalist Norbert Häring, Redakteur beim Handelsblatt und langjähriger Kritiker des Vorhabens, äußerte im Interview mit der Berliner Zeitung kürzlich weitere grundsätzliche Bedenken. Etwa die Zusicherung, der digitale Euro werde „nicht programmierbar“ sein, hält Häring für irreführend. Ausgeschlossen werde lediglich programmierbares Geld – also Guthaben mit fest eingebauten Bedingungen wie einem Verfallsdatum.

„Programmierbare Zahlungen“ hingegen, bei denen Bedingungen an den Inhaber und dessen persönliche Merkmale geknüpft sind, seien im Verordnungsentwurf ausdrücklich vorgesehen. Als hypothetisches Beispiel nennt er eine an ein individuelles CO₂-Budget gekoppelte Klimaabgabe an der Zapfsäule. Für Häring entsteht damit eine Infrastruktur, die grundsätzlich zur Verhaltenssteuerung durch Staat oder Konzerne genutzt werden könnte.

Häring bezweifelt zudem, dass das Projekt Europas Abhängigkeit von US-Anbietern verringert, da Banken und Zahlungsdienstleister die Kundenschnittstelle behalten sollen. Als Gegenmodell verweist er auf das brasilianische System PIX, das die dortige Zentralbank ohne Beteiligung der Kartenkonzerne betreibt.

Kritiker warnen zudem grundsätzlich vor einer stärkeren Nachvollziehbarkeit digitaler Zahlungsströme und sehen Risiken für die Privatsphäre, auch wenn die EZB betont, keine individuellen Zahlungsprofile erstellen zu wollen. Zudem verweisen Experten auf allgemeine IT-Sicherheitsrisiken, denen jede digitale Zahlungsinfrastruktur ausgesetzt ist – etwa Cyberangriffe oder technische Ausfälle.

Häring sieht in diesem Zusammenhang etwa die geplante Verknüpfung mit der europäischen digitalen Identität (EUDI-Wallet) kritisch, die ab 2027 verfügbar sein soll. In der Kombination entstünden umfangreiche Datenbestände, die Ziel von Angriffen oder späterer staatlicher Nutzung werden könnten.

Langfristig, so Häring, könne der digitale Euro zudem das Bargeld verdrängen, weil dessen Infrastruktur mit sinkender Nutzung teurer werde.

Wie es weitergeht

Die intensivsten Verhandlungen werden nach Angaben von Euronews im Herbst erwartet, die endgültige Einigung soll bis Jahresende stehen. Startet die Pilotphase wie geplant 2027, könnte der digitale Euro ab 2029 im Portemonnaie – oder auf dem Smartphone – der Europäer ankommen.

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