Die Europäische Union zahlt für Rohölimporte inzwischen fast zehn Milliarden Euro mehr pro Monat als im vergangenen Jahr, obwohl sie kaum mehr Öl einkauft. Im zweiten Quartal 2026 belief sich die monatliche Importrechnung auf durchschnittlich 27,6 Milliarden Euro. Im Gesamtjahr 2025 waren es noch 17,7 Milliarden Euro gewesen. Das entspricht einem Anstieg von 55,8 Prozent.
Die Zahlen stammen aus einer Auswertung der europäischen Statistikbehörde Eurostat und wurden am Donnerstag von Euronews aufgegriffen. Als wesentlicher Preistreiber gilt der Krieg der USA und Israels gegen den Iran.
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Fast 56 Prozent höhere Kosten für kaum mehr Öl
Die Ölmenge, die die EU monatlich aus dem Ausland bezieht, stieg laut Eurostat gegenüber dem Durchschnitt des Jahres 2025 lediglich um 1,2 Prozent: von 36,3 auf 36,7 Millionen Tonnen. Für eine Tonne importiertes Rohöl mussten die EU-Staaten im zweiten Quartal jedoch durchschnittlich 750 Euro zahlen, nach 487 Euro im Vorjahr. Damit lag der Preis nur zwei Euro unter dem Höchststand aus dem Krisenjahr 2022.
Im direkten Vergleich mit dem Vorjahresquartal wuchs die Ölrechnung von 50,3 auf 82,7 Milliarden Euro. Das sind 32,4 Milliarden Euro zusätzlich in nur drei Monaten. Die importierte Menge stieg dabei lediglich von 105,2 auf 110,2 Millionen Tonnen.
Die gesamten Energieimportkosten stiegen laut Euronews im selben Zeitraum von 81,4 auf 115,6 Milliarden Euro. Rund 95 Prozent dieses Anstiegs entfielen auf Rohöl.
Straße von Hormus: Warum Europa den Preisschock spürt
Seit den gemeinsamen Angriffen der USA und Israels auf den Iran Ende Februar ist der Ölhandel durch die Straße von Hormus schwer gestört. Auch Produktionsanlagen sind betroffen.
Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) passierten die Meerenge 2025 täglich rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte, etwa ein Viertel des weltweiten Ölhandels auf dem Seeweg. Nur ein kleiner Teil gelangte direkt nach Europa. Doch Lieferstörungen treiben die Weltmarktpreise.
Der Energieexperte Szymon Kardas vom European Council on Foreign Relations beschrieb gegenüber Euronews, wie unbeständig der Tankerverkehr inzwischen ist: In manchen Wochen nähere er sich dem Vorkriegsniveau, um danach erneut einzubrechen. Hinzu komme laut Wolfgang Eichhammer vom Institute for European Energy and Climate Policy die starke Nachfrage aus Asien, insbesondere aus China.
Europa ist besonders verwundbar: 2024 deckte die EU laut Eurostat 96,6 Prozent ihres Ölbedarfs durch Nettoimporte. Ihre größten Rohöllieferanten im zweiten Quartal 2026 waren die USA (18,8 Prozent), Norwegen (14,3 Prozent) und Kasachstan (13,4 Prozent).
Diesel und Benzin: Tanken wird deutlich teurer
Der Preisanstieg zeigt sich auch an europäischen Tankstellen. Nach den von Euronews ausgewerteten EU-Zahlen kostete Diesel Anfang Januar durchschnittlich 1,54 Euro je Liter. Am 19. Oktober waren es 2,14 Euro. Eine Tankfüllung von 50 Litern verteuerte sich damit rechnerisch von 77 auf 107 Euro.
Benzin verteuerte sich im EU-Durchschnitt von 1,60 auf zuletzt 1,99 Euro je Liter. Ende September übertrafen beide Kraftstoffarten sogar ihre bisherigen Höchststände von 2022. Das sind EU-Durchschnittswerte, keine deutschen Tankstellenpreise.
Der Energieökonom Xiaoyi Mu von der University of Dundee rechnet laut Euronews auch mit höheren Preisen für Lebensmittel und den öffentlichen Verkehr. Denn teurer Diesel verteuert den Transport mit Lastwagen und Bussen.
EU-Energieminister beraten über Entlastung
Die Preisentwicklung beschäftigt am Donnerstag auch die Energieminister der EU. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters beraten sie vor dem Winter über Versorgungssicherheit und bezahlbare Energie. EU-Energiekommissar Dan Jørgensen sprach am Mittwoch von einer „sehr ernsten Lage“. Zwar sehe er derzeit keine akute Gefährdung der Versorgung, doch Energie müsse für Haushalte und Unternehmen auch bezahlbar bleiben.
Die EU-Kommission spricht laut Reuters mit Raffinerien über eine höhere Produktion. Auf der Tagesordnung stehen auch niedrigere Stromkosten. Eurostat meldete für das zweite Quartal zudem ein EU-Handelsdefizit von 21,8 Milliarden Euro, das erste seit 2023. Der Fehlbetrag im Energiehandel wuchs gegenüber dem ersten Quartal deutlich.
Eine schnelle Entlastung erwarten die von Euronews befragten Fachleute nicht. Kardas hält es für möglich, dass die Kostenfolgen des Krieges bis 2027 anhalten. Auch zusätzliche Transport- und Versicherungskosten könnten die Importrechnung weiter erhöhen.
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