Erst mit Öl, Gas und anderen klimaschädlichen Industrien Geld verdienen und anschließend am Wiederaufbau nach Überschwemmungen, Dürren oder Waldbränden profitieren: Für wohlhabende Investoren kann die Klimakrise gleich doppelt lukrativ sein. Zu diesem Ergebnis kommt die Hilfsorganisation Oxfam in einem neuen Bericht, der am Dienstag (27. Oktober) veröffentlicht wurde.
Die Untersuchung mit dem Titel „Disaster Divide“ beschreibt, wie große Investoren sowohl an den Ursachen der Erderwärmung als auch an der Bewältigung ihrer Folgen verdienen können.
„Die Ultrareichen setzen den Planeten in Brand und stellen uns dann die Feuerlöscher in Rechnung“, erklärte Oxfam-Chef Amitabh Behar in einer Pressemitteilung. „Sie profitieren von der Verschmutzung. Sie profitieren von der Katastrophe. Und sie profitieren erneut von den Aufräumarbeiten.“
Kriege als Klimakiller: Warum ihre Auswirkungen hartnäckig ignoriert werden
Sechs Billionen Euro für Klimaschutz: Ökonomen rechnen mit der teuren Energiewende ab
BlackRock und Vanguard: Beteiligungen im Wert von einer Billion US-Dollar
Für die Untersuchung hat Oxfam einen sogenannten „Destroy & Rebuild Index“ erstellt, zu Deutsch einen Index für Zerstörung und Wiederaufbau. Er umfasst 217 Unternehmen aus zwei Bereichen: Firmen, deren Geschäftstätigkeit den Klimawandel antreibt, und Unternehmen, die mit Katastrophenschutz, Klimaanpassung oder Wiederaufbau Geld verdienen.
Dazu gehören Öl- und Gaskonzerne auf der einen sowie Anbieter von Klimaanlagen, Hochwasserschutz, Feuerwehrausrüstung und Versicherungen auf der anderen Seite.
Laut Oxfam erwirtschafteten die untersuchten Unternehmen 2025 durchschnittlich 1,8 Milliarden US-Dollar Gewinn und schütteten im Schnitt mehr als eine Milliarde US-Dollar an ihre Aktionäre aus.
Besonders auffällig sind die Beteiligungen zweier US-Finanzgiganten. BlackRock und Vanguard halten zusammen Anteile an 92 Prozent der untersuchten Unternehmen. Der Gesamtwert dieser Beteiligungen übersteigt eine Billion US-Dollar.
Allerdings verwalten beide Konzerne nicht nur das Vermögen besonders reicher Menschen, sondern auch Geld von Pensionsfonds und gewöhnlichen Sparern. Ihre Beteiligungen sind daher kein Beleg dafür, dass die gesamten Gewinne ausschließlich Superreichen zufließen.
Die Zahlen zeigen aber, wie stark Investitionen in klimaschädliche Industrien und das Geschäft mit den Folgen der Erderwärmung finanziell miteinander verbunden sind.
Menschen waten durch die überfluteten Straßen von Kathmandu in Nepal. Nach heftigen Regenfällen war der Bagmati-Fluss über die Ufer getreten. Oxfam warnt vor den besonders schweren Folgen solcher Katastrophen für ärmere Bevölkerungsgruppen.
© Subaas Shrestha/imago
Klimakatastrophen werden zum Milliardengeschäft
Besonders schnell wächst nach Angaben von Oxfam der Markt für Katastrophenvorsorge und Wiederaufbau. Sein weltweites Volumen könnte von derzeit rund 70 Milliarden auf 92 Milliarden US-Dollar jährlich bis 2029 steigen.
Ein weiteres Beispiel liefert der Lebensmittelhandel. Nach extremen Wetterereignissen in Westafrika stiegen die Kakaopreise 2024 laut Oxfam zeitweise um rund 231 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Organisation kritisiert, dass die örtlichen Kakaobauern von diesen Preissteigerungen nicht profitiert hätten.
Während Verbraucher höhere Preise bezahlen müssen und kleinere Produzenten unter Ernteverlusten leiden, können große Handelsunternehmen von Preisschwankungen profitieren.
Nach Berechnungen von Oxfam ist das Vermögen von Milliardären, die große Lebensmittelunternehmen besitzen, seit 2020 inflationsbereinigt um mehr als 130 Milliarden US-Dollar gestiegen.
Die Organisation sieht darin ein strukturelles Problem: Wer sowohl an fossilen Energieträgern als auch an den Folgen der Erderwärmung verdient, könnte weniger wirtschaftlichen Anreiz haben, konsequenten Klimaschutz zu unterstützen.
Dass die untersuchten Investoren tatsächlich gezielt Klimaschutzmaßnahmen verzögern, lässt sich aus den Beteiligungsdaten allein allerdings nicht ableiten. Diese Schlussfolgerung ist eine Bewertung von Oxfam.
Reichste 0,1 Prozent verursachen mehr CO₂ als 3,5 Milliarden Menschen
Die Studie untersucht auch die ungleiche Verteilung klimaschädlicher Emissionen. Demnach verursachen die reichsten 0,1 Prozent der Weltbevölkerung, rund acht Millionen Menschen, insgesamt mehr CO₂-Emissionen als die ärmsten 3,5 Milliarden Menschen zusammen.
Oxfam berücksichtigt dabei nicht nur den persönlichen Konsum, etwa durch Flugreisen und große Immobilien, sondern auch Emissionen, die den Menschen über ihre Investitionen zugerechnet werden.
Die Organisation hat zudem berechnet, dass die Emissionen des reichsten einen Prozents aus einem einzigen Jahr langfristig rund 1,9 Millionen zusätzliche hitzebedingte Todesfälle verursachen könnten. Etwa 78 Prozent davon würden auf Länder mit niedrigen und unteren mittleren Einkommen entfallen. Dabei handelt es sich um Modellrechnungen über künftige Klimafolgen, nicht um bereits eingetretene Todesfälle.
Oxfam fordert höhere Steuern für Superreiche
Die Hilfsorganisation verlangt von Regierungen, besonders vermögende Menschen und klimaschädliche Unternehmen stärker zur Finanzierung des Klimaschutzes heranzuziehen.
Dazu gehören höhere Vermögens- und Einkommensteuern, eine dauerhafte Besteuerung fossiler Energiekonzerne und zusätzliche Abgaben auf besonders klimaschädlichen Luxus wie Privatjets.
Außerdem fordert Oxfam mehr finanzielle Unterstützung für ärmere Staaten, vor allem durch Zuschüsse statt Kredite.
Die zentrale Kritik der Organisation richtet sich gegen die Verteilung der finanziellen Folgen des Klimawandels: Während wohlhabende Investoren von verschiedenen Seiten der Klimakrise profitieren können, tragen Menschen in ärmeren Ländern häufig die schwersten wirtschaftlichen und gesundheitlichen Schäden.
30 Millionen US-Dollar pro Stunde: Ölkonzerne verdienen am Iran-Krieg Milliarden auf Kosten der Verbraucher
Der Weltuntergang fällt aus: Gibt es ohne Panik keinen Klimawandel mehr?
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]