Es war Herbst 2019. Wir hatten uns entschieden, nicht wieder nach London zu gehen. Wir wollten reparieren helfen, was in der ungestümen Zeit der Wiedervereinigung beschädigt worden war: den Respekt gegenüber all denen, die diese Wiedervereinigung überhaupt erst möglich gemacht haben.
Wir kauften den maroden, aber lebendigen Berliner Verlag und dachten, so kompliziert könne das nicht sein. Man müsse nur miteinander reden und denen mehr Raum geben, die im deutsch-deutschen Verhältnis etwas zu sagen haben.
Der einen Seite dieser Gleichung fehlte schließlich die Plattform. Sie nach drei Jahrzehnten zu besetzen, schien naheliegend. Der Rest wäre Arbeit.
Zumal sich neue strukturelle Herausforderungen abzeichneten. Wie viele Wissenschaftler, Künstler und Unternehmer aus Ostdeutschland hatten wir im Ausland arbeiten dürfen. Was für uns dort längst sichtbar war, blieb für die deutschen Eliten abstrakt. Darauf wollten wir hinweisen, und auf das Humankapital, das im Osten bereitliegt.
So dachten wir. Wie sehr wir uns geirrt hatten.
Nach dem Kauf kamen die Glücksritter
Als unsere Pläne bekannt wurden, meldeten sich viele: Journalisten, Bewerber, Berater, Glücksritter – und freundliche Vertreter gut gefüllter Kassen mit harten Währungen, deren Interesse sich uns nicht erschloss.
Bis auf den SPIEGEL-Reporter Alexander Osang und die FAZ-Reporterin Corinna Budras, zwei Ostdeutsche, ließen wir zunächst niemanden durch die Tür. Man weiß schließlich nie.
Umso mehr wurde hinterher geraunt. Es begann ein Kränkungsmonolog westdeutsch geprägter Medien über einen Versuch medialer Emanzipation aus Ostdeutschland. In Teilen hält er bis heute an.
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Die Wunde in der Mitte der Republik
Wechselseitiger Respekt ist seit der Wende eine der großen Herausforderungen geblieben. Sein Mangel hat eine Wunde in der mentalen Verfassung dieses Landes hinterlassen. Medien sind dabei Beobachter und Verstärker, mitunter auch Verursacher – und am Ende selbst Betroffene.
Dass diese Wunde weiter wächst, zeigt der Mangel an professionellem Respekt in der aktuellen Auseinandersetzung zwischen etablierten westdeutsch geprägten Häusern wie FAZ, Süddeutscher Zeitung und SPIEGEL auf der einen Seite und einem neuen Ostmedium wie der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung auf der anderen.
Die Größe dieser Wunde haben wir 2019 als engagierte Laien unterschätzt. Heute tun wir das nicht mehr. Sie bereitet uns Sorge, denn die Folgen fortgesetzter Ignoranz könnten erheblich sein.
Vielleicht wächst sie inzwischen aber vor allem in jenem kleiner werdenden Teil der Gesellschaft, dem die Hoheit über den Diskurs abhandenkommt. Sinkende Auflagen, die abnehmende Akzeptanz des Öffentlich Rechtlichen Rundfunks und ein Erstarken politischer Ränder sind dafür zumindest ein Indiz – längst nicht nur im Osten.
Grüne fordern Anerkennung für die Lebensleistung Ostdeutscher
Und so sind wir dankbar, wenn sich mehr politische Akteure unserer damaligen Einschätzung anschließen. Was lange vor allem aus Teilen von CDU, BSW und FDP zu hören war, greifen inzwischen auch die Grünen auf.
Am 30. August 2026 forderte die Ost-Arbeitsgemeinschaft der Grünen-Bundestagsfraktion in einem Papier mit dem Titel „Ostdeutschland als Spiegel der Zukunft“ mehr Anerkennung für die biografischen und wirtschaftlichen Leistungen der Menschen im Osten. Ostdeutschland sei „Vorreiter für den Umgang mit regionalen Umbrüchen“, heißt es darin. Das Papier lag der Deutschen Presse-Agentur vor.
Die Grünen kritisieren, Ostdeutsche würden in der öffentlichen Debatte zu häufig pauschal und negativ dargestellt. Dazu kommen konkrete Forderungen zu sozialer Absicherung und Rentengerechtigkeit.
Man könnte das für ein durchschaubares Manöver halten. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wird im September gewählt, die Umfragen sehen die AfD vorn. Ganz so einfach ist es trotzdem nicht.
Was schuldet der Osten dem Westen wirklich?
Poschardt nennt den Osten die Avantgarde der Republik
Wer Ulf Poschardt in der WELT liest, stellt fest, dass selbst in den Titeln des Axel Springer Verlages der Begriff der ostdeutschen „Avantgarde“ angekommen ist. Vor zehn Jahren wäre eine solche Zuschreibung dort kaum vorstellbar gewesen. Nun wird Ostdeutschland als möglicher Taktgeber politischer und kultureller Veränderung beschrieben.
Poschardt griff dafür einen Text von Dirk Jehmlich vom 20. August 2026 in der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung auf, der unter dem Titel „Vibe Shift in Deutschland: Warum das Land nicht nach rechts, sondern nach vorn rückt“ erschien. Eine Woche später folgte Poschardts Kommentar „Vibe Shift: Ostdeutschland ist die Avantgarde der Bundesrepublik“.
Der Ostdeutschtümelei unverdächtig, wirft Poschardt westlich geprägten Milieus und Eliten Arroganz, Ressentiment und ein veraltetes Feindbild vor. Er begründet das historisch: DDR-Diktatur, friedliche Revolution und Umbruch hätten einen ausgeprägten Sinn für Unabhängigkeit hervorgebracht – und die Bereitschaft gesenkt, sich unhinterfragt anzupassen.
Der FAZ-Text, der online seinen Bezug verlor
Mit dem Markteintritt der OAZ hat sich der Diskurs im deutsch-deutschen Innenverhältnis erkennbar dynamisiert. Sichtbar wurde das am 13. August 2026, als FAZ-Korrespondent Reinhard Bingener unter der Überschrift „Wehe, wenn die Langmut im Westen endet“ ungewöhnlich scharf über ein vermeintliches ostdeutsches Sonderbewusstsein schrieb und dem Westen eine „therapeutische Langmut“ bescheinigte, die enden dürfte.
Bemerkenswert ist die Entstehungsgeschichte dieses Textes. In der Printfassung nahm Bingener ausdrücklich auf die OAZ Bezug, zwischen Print- und Onlineveröffentlichung verschwand dieser Bezug. Aus einem Beitrag, der auf ein neues ostdeutsches Medienangebot reagierte, wurde digital ein eigenständiger Aufschlag der FAZ zur Ost-West-Debatte.
Die Resonanz war erheblich und kontrovers. Spätestens damit war aus einem Streit über die mediale Repräsentation Ostdeutschlands wieder eine bundesweite Debatte geworden. Interessant ist dabei weniger, wer sie eröffnet hat, als wer auf wen reagierte – und wie sich dabei die Deutung des Ausgangspunktes verschob.
Zwei Strömungen, zwei Temperaturen
In dieser Debatte lassen sich inzwischen zwei Strömungen erkennen.
Die erste reagiert abwehrend auf strukturelle Veränderungen, die im Osten früher und mittlerweile energischer thematisiert werden. Die FAZ legt mit meinungsgetriebenen Vorhaltungen nach, Süddeutsche Zeitung und SPIEGEL sekundieren, einzelne öffentlich-rechtliche Formate verstärken die Deutungsmuster. In Stil und Zielsetzung wirkt das wie eine Verlängerung jener Aufregung, die schon die Übernahme des Berliner Verlages 2019 begleitet hat.
Dabei wiederholt sich ein bekanntes Verfahren: Die eigenen Autoren, Experten und Zeugen gelten als renommiert, Vertreter der anderen Seite werden ignoriert oder mit dem Attribut „umstritten“ versehen. Was solche Zuschreibungen anrichten, sobald sie in die Trainingsdaten und Wissensgraphen großer KI-Systeme wandern, ist bislang kaum untersucht. Wirken werden sie.
Das ist kein Diskurs auf Augenhöhe. Es ist die Verteidigung einer Deutungshoheit, die trotzdem an Wirkung verlieren wird. Nicht nur im Osten weiß man: Jegliches hat seine Zeit.
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Eine neue Debattenrichtung
Daneben wächst eine zweite Strömung. Sie ist offener, neugieriger und erkennbar eher bereit, eigene Gewissheiten infrage zu stellen.
Springer-Chef Mathias Döpfner schlug in seinem WELT-Beitrag „Rettet den Westen“ einen Bogen von Athen über Rom und Jerusalem bis Königsberg, zu den historischen Orten von Demokratie, Recht und Aufklärung. Interessant ist daran weniger die historische Aufzählung als das Eingeständnis, dass auch der Westen fehlbar ist. Döpfners Diagnose von Hybris und zu spätem, zu zaghaftem Reagieren treibt die Debatte voran.
Auch die NZZ, jeder Sympathie für ostdeutsche Befindlichkeiten unverdächtig, widmete sich dem Thema am 20. August 2026 und fragte, was sich vom Osten lernen lasse. Das Gespräch mit Chefredakteur Florian Eder war von Neugier und Respekt für die unterschiedlichen Standpunkte geprägt.
Es geht also. Übergreifender Austausch gelingt, sobald elementare Regeln medialer Professionalität gelten: zuhören, unterscheiden, argumentieren – und dem Gegenüber zugestehen, dass auch dessen Erfahrungen Erkenntniswert besitzen könnten.
Es geht längst nicht mehr um Ost und West
Denn dies ist keine Debatte mehr zwischen Ost und West. Auch keine zwischen links und rechts. Sie verläuft zwischen Vergangenem und Zukünftigem, zwischen dem Festhalten an tradierten Gewissheiten und der Bereitschaft, sie in einer veränderten Welt zu überprüfen.
Und sie ist eine Debatte über Stil und Würde. Darüber, ob Medien Respekt im innerdeutschen Dialog befördern oder Respektlosigkeit kultivieren.
Denn ohne eine Veränderung unserer Debattenkultur verzehren wir mit überzogener Kritik an ostdeutschen Lebenswirklichkeiten intellektuelle und wirtschaftliche Substanz. Schwerer wiegt etwas anderes: Wer schon auf nationaler Ebene unterschiedliche Erfahrungen und Interessen nicht konstruktiv verhandeln kann, wird in den kommenden internationalen Systemkonflikten schwerlich bestehen.
Eine Gesellschaft, die ihre inneren Konflikte nicht souverän moderiert, öffnet ihren systemischen Wettbewerbern Räume. Diese später wieder zu schließen, kostet ein Vielfaches.
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„Sie waren nicht eingeladen“
Und deshalb gehört zur intellektuellen Redlichkeit dieser Debatte noch etwas: An der gegenwärtigen desolaten Entwicklung Deutschlands sind die Ostdeutschen nicht schuld.
Sie waren in den vergangenen drei Jahrzehnten in den entscheidenden Gremien dieses Landes schlicht nicht in kritischer Masse vertreten. Nicht in den Parteizentralen, nicht in den Chefredaktionen, nicht in den Aufsichtsräten und erst recht nicht an den Spitzen der Universitäten. Und ja, Frau Merkel war Bundeskanzlerin und Herr Gauck Bundespräsident. Doch beide waren und sind Exponenten einer Überangepasstheit, die nur sie persönlich weit getragen hat.
Die meisten Ostdeutschen waren und sind nicht eingeladen. Das ist keine Beschwerde, es ist eine Feststellung.
Vielleicht hätten ihre Erfahrungen bessere Entscheidungen ermöglicht. Vielleicht hätte eine Gesellschaft, die binnen weniger Jahre den Zusammenbruch eines politischen Systems, die Entwertung vertrauter Gewissheiten und die vollständige Transformation ihrer Ordnung erlebt hat, manche Warnzeichen früher erkannt.
Vielleicht wäre heute auch weniger Angst vor Veränderung im Umlauf. „Habt keine Angst!“, sagte Johannes Paul II. im Oktober 1978 bei seiner Amtseinführung. In Polen und in Ostdeutschland hat dieser Satz eine Wirkung entfaltet, die man in Bonn nie ganz verstanden hat. Die Geschichte der Solidarność ist ein Hinweis darauf, dass Veränderung oft von den Rändern einer Gesellschaft ausgeht, bevor das Zentrum sie aufgreift – meist erst, nachdem es sie lange genug bekämpft hat.
Wir wissen es nicht. Was wir wissen: Wer an Entscheidungen nicht beteiligt war, kann für deren Folgen schwerlich verantwortlich gemacht werden. Ursachen und Wirkungen sollte man deshalb nicht verwechseln.
Vielleicht wäre genau das der nächste Schritt dieser Debatte: weniger Reflexion über die vermeintlichen Defizite des jeweils anderen, mehr Reflexion der eigenen Gewissheiten.
Nach mehr als dreieinhalb Jahrzehnten deutscher Einheit wäre das nicht zu viel verlangt. Auch nicht für die FAZ.
Am Ende steht dann gar keine besonders komplizierte Frage. Was würde eigentlich passieren, wenn Ost- und Westdeutsche einander nicht mehr erklären, sondern einander wieder zuhören würden?
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Transparenzhinweis: Der Autor ist Verleger der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung, der Berliner Zeitung und des Berliner Kuriers sowie der Weltbühne.
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