Zeitzeugenbericht

Fritz Streletz: Der NVA-General, der im Herbst 1989 den Einsatz von Schusswaffen untersagte

Ohne den hochrangigen DDR-Militär Fritz Streletz wäre aus der friedlichen Revolution von 1989 womöglich eine blutige geworden. Unser Gastautor erinnert sich.

Frank Schumann
Frank Schumann
9 Min
Fritz Streletz

Fritz Streletz

© Bundesarchiv/CC-BY-SA 3.0

Fritz Streletz (1926–2025) war ein hochrangiger deutscher Militär und Politiker in der DDR. Als Generaloberst der Nationalen Volksarmee (NVA) gehörte er zu den einflussreichsten Figuren des ostdeutschen Militärapparates. Während der friedlichen Revolution im Herbst 1989 war Streletz maßgeblich daran beteiligt, dass die Situation in Leipzig und anderen Städten nicht eskalierte. Nach dem Sturz Honeckers erließ er Befehle, die den Einsatz von Schusswaffen und Gewalt gegen Demonstrierende strikt untersagten. Streletz wurde dennoch im sogenannten Mauerschützenprozess von 1993 wegen Anstiftung zum Totschlag verurteilt. Er starb 2025 in Oranienburg. Wie war Fritz Streletz als Mensch?

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Frank Schumann ist Verleger des 1990 gegründeten Verlages Edition Ost, gelernter Spezialglasfacharbeiter und Diplom-Journalist. Drei Jahre fuhr er zur See und war, Australien ausgenommen, auch auf allen Kontinenten unterwegs. Meist publiziert er unter seinem Namen, aber gern auch unter einem seiner fünf Pseudonyme.

Berlin-Lichtenberg am 28. November 2010: Der Wind ging eisig über den Friedhofsvorplatz und trieb Schnee vor sich her. Wir froren und warteten. Froren wie die Schneider, obgleich die Männer Militärs waren. Alles Generale, mich ausgenommen: Ich hatte es nur bis zum Oberleutnant zur See d. R. gebracht. Grund dieser Zusammenkunft war der runde Geburtstag ihres damaligen Chefs, dessen Urne schon einige Jahrzehnte im Rondell der Gedenkstätte der Sozialisten eingemauert war. Armeegeneral Heinz Hoffmann, DDR-Verteidigungsminister einst, wäre heute hundert geworden.

Eigentlich hätte jeder ein paar Worte des Gedenkens an der Mauer sprechen können, doch nein, es galt noch immer unter der gewesenen Generalität eine Hierarchie. An deren Spitze stand Generaloberst Horst Stechbarth, Ex-Chef der Landstreitkräfte der DDR und von 1972 bis 1989 Stellvertretender Minister. Und der hatte sich verfahren. Vermutlich hatte der 85-Jährige in seinem Dorf, südlich von Potsdam gelegen, das Navi im Auto falsch programmiert, und als er seinen Irrtum bemerkte, den er uns telefonisch wissen ließ, befand er sich bereits im Norden von Berlin. Nun hätte auch Generaloberst Fritz Streletz der Gruppe der Generale voranschreiten können, auch er einst ein Stellvertreter des Ministers und überdies des Oberkommandierenden der Streitkräfte des Warschauer Vertrages. Doch nein, das geziemte sich nicht. Wir standen also frierend in Lichtenberg und erwarteten Stechbarths Ankunft.

In dieser kalten Stunde wurde offenbar, was Fritz Streletz zur Ehre wie zum Nachteil gereichte. Der Generaloberst a. D. hielt sich immer bescheiden im Hintergrund, hatte um sich nie großes Gewese gemacht, weshalb er zu keiner Zeit in den öffentlichen Fokus geriet. Mal abgesehen von dem der Berliner Staatsanwaltschaft. Und nach 28 Monaten Untersuchungshaft verurteilte ihn 1993 das Berliner Landgericht zu fünfeinhalb Jahren wegen „Anstiftung zum Totschlag“ – zehn Jahre hatte der Ankläger gefordert. Nach Verbüßung der Haft war Streletz wieder ins Glied zurückgetreten, unauffällig, schweigsam. Er verweigerte hartnäckig, wenngleich freundlich mein Begehr nach seinen Memoiren. Dass er an der – inzwischen fast klassisch zu nennenden – Schrift „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“ mitwirkte, lag wohl an seinem Ko-Autor: Der hatte ihm wahrscheinlich den Befehl dazu erteilt. Armeegeneral Heinz Keßler war bis 1989 sein Vorgesetzter gewesen.

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Eigentlich hätte Fritz Streletz in jedem Herbst im Fernsehen auftauchen müssen. Als Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates – und das war er in der Nachfolge Honeckers seit 1971 – gehörte er zu den Schlüsselfiguren der „Wende“. Im Herbst 1989 hatte er maßgeblich dafür gesorgt, dass kein Tropfen Blut floss und Millionen Schießeisen in den Waffenkammern unangetastet blieben. Seine nahezu demutsvolle Zurückhaltung entsprach seinem Verständnis eines Militärs, eines sozialistischen Militärs. Ich bin auf die Verfassung der DDR vereidigt, nicht auf Erich Honecker, hatte er Krenz gesagt, als dieser konspirierte und ihn einweihte. Streletz fertigte den Befehl zur Gewaltlosigkeit aus, den sie beide dem noch amtierenden Honecker zur Unterschrift unterschoben.

Und Streletz – nicht Gorbatschow – hatte dafür gesorgt, dass die sowjetischen Panzer in ihren Kasernen blieben. In jedem Oktober/November hielt die Sowjetarmee planmäßig Manöver ab. In der aufgeheizten Lage im Herbst ‘89 hätten sowjetische Militärkolonnen auf DDR-Straßen mehr als nur zu Missverständnissen geführt. Also wandte sich Streletz an Wünsdorf und bat das sowjetische Oberkommando: „Bleibt in den Kasernen!“ Später – aber das interessierte im Westen keinen mehr, weil man sich auf die zweckdienliche Legende festgelegt hatte, dass der Kreml die Hardliner in Ostberlin an die Kette gelegt habe – erklärten Armeegeneral Snetkow, Chef der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte, und der Oberkommandierende der Streitkräfte des Warschauer Vertrages, Armeegeneral Lushew, dass nicht Gorbatschow ihnen den Befehl zur Zurückhaltung erteilt habe. Man sei der Bitte der DDR-Führung gefolgt. Also der von Streletz.

Der General im Hintergrund

Fritz Streletz, aus Leipzig kommend, diktierte am 13. Oktober um 16 Uhr Anneliese Rudolf, der Sekretärin von Krenz, den Befehl Nr. 9/89 des Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates – und der hieß noch immer Honecker. Der Einsatz von Schusswaffen wird grundsätzlich untersagt, lautete der Befehl. Eine Stunde später waren Streletz und Krenz damit bei Honecker. Streletz trug vor und legte das Papier auf den Tisch. Honecker verlangte nach Karten von Leipzig. Wozu das, fragten sich die beiden und machten klar, dass selbst Absperrungen, die Honecker in der Messestadt zu errichten wünschte, als Provokation aufgefasst werden und zu nicht kalkulierbaren Konsequenzen führen würden. „Nach längerer Diskussion“ habe Honecker schließlich den vorbereiteten Befehl unterzeichnet.

Und Streletz erließ am 3. November auch den Befehl Nr. 11/89, unterzeichnet vom neuen Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates. Am 4. November sollte in Berlin eine Massendemonstration stattfinden. Die DDR-Spitze hatte „Hinweise“ aus Moskau, Warschau und vom MfS erhalten, „dass morgen eine größere Menschenmenge am Brandenburger Tor die Mauer durchbrechen wolle“, erinnerte sich Krenz. Streletz und er seien sich der Verantwortung bewusst gewesen, die „die DDR in diesen Tagen auch für Europa und die Welt trägt“. Und in diesem Befehl von Streletz an die bewaffneten Organe hieß es neuerlich: „Die Anwendung der Schusswaffe im Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzlich verboten.“

Als spätabends am 9. November kopflos die Grenze geöffnet wurde, sorgte Stabschef Streletz für Ordnung im Chaos. Er beruhigte die sowjetische Militärführung in der DDR, die sich in „Erhöhter Gefechtsbereitschaft“ befand, und hielt den Kontakt zum Oberkommandierenden der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Vertrages. Am nächsten Morgen bildete Streletz auf Veranlassung von Krenz eine „operative Führungsgruppe des Nationalen Verteidigungsrates“, in der alle Informationen über die Vorgänge an der Grenze zusammenflossen.

Die Alliierten betrachteten die Maueröffnung in Berlin als unzulässigen Eingriff in ihre Hoheitsrechte. In Moskau sei man beunruhigt über die Lage in der Viermächtestadt, teilte auch der sowjetische Botschafter telefonisch mit. „Obwohl ich nicht schlecht russisch spreche, übergebe ich den Hörer an Generaloberst Streletz. Er informiert militärisch exakt den sowjetischen Botschafter“, überlieferte Krenz. Streletz informierte anschließend auch Gorbatschow direkt …

Ein preußischer Militär vom Scheitel bis zur Sohle, schrieb eine westdeutsche Gazette, als Streletz in der Berliner Landesbibliothek einmal das Buch eines ehemaligen Waffenbruders vorstellte. Was ich bestätigen konnte, ich saß neben ihm und spürte, wie sein gestreckter Fuß wippte, als steckte er noch immer in den Stiefeln. Aber von seinem Wesen her war Streletz ein freundlicher und friedfertiger Mann, Bergmannssohn aus Schlesien, was man selbst im hohen Alter noch beim Sprechen hörte. Erstaunlich, dass einer wie er die Uniform wie eine zweite Haut tragen konnte.

Mit 18 bei der Wehrmacht (drei Mal verwundet), mit 19 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft (dreieinhalb Jahre), mit 23 Deutsche Volkspolizei, dann Nationale Volksarmee. Nach dem Besuch der Generalstabsakademie der UdSSR Ende der fünfziger Jahre machte er seinen Weg. Im Prinzip diente er der DDR vom ersten bis zum letzten Tage in des Wortes korrekter Bedeutung. Und als Militärpolitiker handelte er gemäß einem anderen Wort, welches das Credo seines Dienstherrn war: Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.

Der Nachfolgestaat der DDR lohnte ihm dies mit einer Rente, die 250 Euro unter der eines Stabsfeldwebels der Bundeswehr lag.

Im November 2010 kamen hochrangige DDR-Offiziere zusammen: Admiral a. D. Theo Hoffmann (1935-2018, letzter DDR-Verteidigungsminister), Generalleutnant a. D. Manfred Grätz (*1935), Generaloberst Horst Stechbarth (1925-2016, Chef Landstreitkräfte und Stellv. Minister von 1972-1989), Generaloberst a. D. Fritz Streletz (1926-2025), Generalleutnant a. D. Manfred Volland (1933-2019)

Im November 2010 kamen hochrangige DDR-Offiziere zusammen: Admiral a. D. Theo Hoffmann (1935-2018, letzter DDR-Verteidigungsminister), Generalleutnant a. D. Manfred Grätz (*1935), Generaloberst Horst Stechbarth (1925-2016, Chef Landstreitkräfte und Stellv. Minister von 1972-1989), Generaloberst a. D. Fritz Streletz (1926-2025), Generalleutnant a. D. Manfred Volland (1933-2019)

© Frank Schumann

Seine zweite Haut, die Generalsuniform der NVA, trug er übrigens auch im Juni 1989, als er an einem gemeinsamen Seminar von SPD und SED in Saarbrücken teilnahm. Er hielt dort einen Vortrag zur Sicherheitspolitik und -struktur in Europa. Damals gab es noch so etwas.

Der letzte Wunsch des Fritz Streletz

Wir trafen uns gelegentlich auf Veranstaltungen, oft war er braungebrannt, was von der kubanischen Sonne herrührte. Raoul Castro lud ihn nach der Haft in jedem Jahr zu einem Erholungsurlaub ein, wie auch Margot Honecker aus Chile und andere namhafte Persönlichkeiten aus dem Osten Deutschlands. In China sah man ihn ebenfalls gern. Einmal brachte ich ihm eine Kaligraphie auf Reispapier, die ihm ein Generalmajor der Volksbefreiungsarmee aus Hochachtung geschrieben hatte: Streletz hatte sie 2016 in Peking liegen lassen.

Als ich Fritz Streletz in seiner Strausberger Mietwohnung besuchte, hatte er den Sturz in seiner Badewanne bereits überstanden, der Witwer hatte sich damals nicht aus seiner misslichen Lage befreien können und stundenlang im kalten Wasser gelegen, was einen längeren Krankenhausaufenthalt nach sich zog. Er sah das journalistische Glimmen in meinen Augen und sagte, dass sei keine Nachricht, ein Soldat stirbt nicht im Badezimmer.

Fritz Streletz starb am 24. März 2025 in Oranienburg. Er wurde 98 Jahre alt.

Fritz Streletz starb am 24. März 2025 in Oranienburg. Er wurde 98 Jahre alt.

© Frank Schumann

Ich weiß nicht, ob er da an Hindenburg dachte. Der preußische Generalfeldmarschall und Kriegsverbrecher, später Reichspräsident, soll nämlich einmal erklärt haben: „Der Krieg bekommt mir wie eine Badekur.“ Jedenfalls erholte sich Fritz Streletz von diesem Unfall nie mehr richtig, er verstarb am 24. März 2025 in einem Pflegeheim in Oranienburg.

Zur Trauerfeier in Strausberg waren viele gekommen, der letzte Lebende aus der Runde von 2010, Generalleutnant Manfred Grätz, begann seine Trauerrede mit dem Satz: „Als ich das letzte Mal mit meinem Freund Fritz Streletz telefonierte – es ist schon eine Weile her – wollte ich ihn für ein Gespräch mit der Berliner Zeitung über seine Lebensleistung gewinnen. Er fühle sich gerade nicht sehr wohl, sagte er mir, er wolle aber mindestens hundert Jahre alt werden, und da gebe es noch viel Zeit, um über Vergangenes zu reden.“

Das hatte er mir auch immer gesagt, wenn ich ihn bedrängte. Am 28. September hätte er die 100 erreicht. Er hat seine persönliche Zielmarke nur knapp verfehlt.

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