Rechtsruck

Von 5 auf 25 Prozent: AfD beliebteste Partei bei Sachsens Neuntklässlern

Identifikation, Demokratie, Migration: Was eine Studie über Jugendliche an Gymnasien und Oberschulen in Sachsen zeigen will.

5 Min
Eine Schülerin vertieft in ihre Arbeit (Symbolbild)

Eine Schülerin vertieft in ihre Arbeit (Symbolbild)

© zerocreatives via www.imago-images.de

In Sachsens neunten Klassen ist die AfD die beliebteste Partei. 25 Prozent der befragten Jugendlichen identifizieren sich mit ihr. Zwei Jahre zuvor, in der siebten Klasse, waren es 5 Prozent.

Das geht aus einem Policy Paper hervor, das der Exzellenzcluster „The Politics of Inequality“ der Universität Konstanz gemeinsam mit dem Berliner Think-Tank Das Progressive Zentrum veröffentlicht hat.

Grundlage ist das Forschungsprojekt PerFair. Rund 3000 Schülerinnen und Schüler in Sachsen, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein wurden zweimal befragt: im Winter 2022/23 in Klasse 7 und im Schuljahr 2024/25 in Klasse 9.

AfD in Sachsen: Sprung um 23 Prozentpunkte

Es ist der größte Zuwachs, den die Studie bei einer einzelnen Partei misst. Der sächsische AfD-Landesverband wird vom Landesamt für Verfassungsschutz seit Dezember 2023 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung geführt, das Sächsische Oberverwaltungsgericht bestätigte die Einstufung im Januar 2025 im Eilverfahren.

Auf Platz zwei folgt bei den sächsischen Neuntklässlern die Linke mit 13 Prozent, ein Plus von 10 Punkten. Dahinter kommt die CDU auf 11 Prozent, die Grünen erreichen 6, die SPD 4, das BSW 3 und die FDP 2 Prozent.

Ebenso aufschlussreich ist, wer verschwindet: die Unentschiedenen. In Klasse 7 gaben 38 Prozent der sächsischen Befragten an, die Parteien nicht gut genug zu kennen. In Klasse 9 sind es 12 Prozent.

Zwischen dem zwölften und dem vierzehnten Lebensjahr legen sich die Jugendlichen also fest. In Sachsen fällt diese Festlegung überdurchschnittlich oft zugunsten der AfD aus.

Der Vergleich: Linke vorn in Schleswig-Holstein

In Baden-Württemberg führt bei den Neuntklässlern die CDU/CSU mit 19 Prozent, gefolgt von den Grünen und der AfD mit je 10 Prozent.

In Schleswig-Holstein liegt die Linkspartei mit 24 Prozent vorn, die AfD folgt mit 15 Prozent. Die Ränder wachsen also in beide Richtungen, nur eben in jedem Bundesland unterschiedlich.

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Gymnasium oder Oberschule: Hier verläuft die Trennlinie

Über alle drei Bundesländer hinweg zeigt sich das schärfste Muster nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen den Schulformen.

Bei Jugendlichen mit niedrigem Bildungshintergrund auf nicht-gymnasialen Schulzweigen – in Sachsen sind das die Oberschulen – erreicht die AfD 25 Prozent. Bei Gymnasiasten, deren Eltern beide Abitur haben, sind es 6 Prozent.

Umgekehrt liegen die Grünen in dieser gymnasialen Gruppe mit 18 Prozent vorn. Bei Gymnasiasten aus bildungsfernen Familien wird eher die Linke gewählt, sie kommt dort auf 14 Prozent.

Bemerkenswert stabil bleibt die Union: Sie liegt in allen untersuchten Untergruppen zwischen 13 und 17 Prozent. Die SPD erreicht unabhängig von Schultyp und Elternhaus im Schnitt knapp 6 Prozent, FDP und BSW bleiben überall unter fünf Prozent.

Demokratie: hohe Werte, aber eine klare Kluft

Die Unterstützung für demokratische Werte misst die Studie auf einer Skala von 1 bis 11. Alle Gruppen liegen deutlich über dem Mittelwert 6, und die Werte sind zwischen der siebten und der neunten Klasse sogar leicht gestiegen.

In Sachsen erreichen Neuntklässler an Oberschulen 8,32 Punkte, Gymnasiasten 9,33. Signifikante Unterschiede zwischen den drei Bundesländern finden die Forscher nicht.

Und noch ein Befund widerspricht der naheliegenden Erwartung: Die hohe AfD-Identifikation in Sachsen geht bislang nicht mit einer geringeren Zustimmung zur Demokratie einher.

Der Abstand zwischen den Schulformen dagegen bleibt über beide Befragungswellen bestehen. Genau darin sehen die Autoren ein Mobilisierungspotenzial für Parteien, die sich gegen die bestehenden demokratischen Institutionen stellen.

Migration: In Sachsen ist der Abstand am größten

Die Zustimmung zu der Aussage, die Regierung solle weniger Ausländer ins Land lassen, misst die Studie auf einer Skala von 1 bis 5. Höhere Werte bedeuten mehr Skepsis gegenüber Migration.

Sächsische Oberschüler kommen auf 3,10, sächsische Gymnasiasten auf 2,34. In Schleswig-Holstein liegen die Werte bei 2,56 und 1,98, in Baden-Württemberg bei 2,36 und 2,30 – dort spielt die Schulform kaum eine Rolle.

Nirgends klaffen die Schulformen so weit auseinander wie in Sachsen. Insgesamt bewegen sich die Jugendlichen aber nahe der Skalenmitte, von pauschaler Ablehnung sind die Werte weit entfernt.

Politisches Interesse steigt in allen Gruppen

Auf einer Skala von 1 bis 5 erreichen Gymnasiasten aus Akademikerhaushalten in Klasse 9 einen Wert von 3,30. An anderen Schulformen liegen die Werte bei 2,81 und 2,86.

Gestiegen ist das Interesse allerdings in jeder Gruppe, auch in bildungsferneren Milieus und an nicht-gymnasialen Schulen.

Was die Forscher fordern

Die Autoren sprechen von einer „besorgniserregenden Verschiebung der Parteiidentifikation nach rechtsaußen“ und fordern eine deutliche Stärkung der politischen Bildung, vor allem an nicht-gymnasialen Schulen.

Konkret nennen sie Planspiele, Rollenspiele, offene Diskussionen über aktuelle Politik und echte Mitbestimmung der Schüler bei schulischen Entscheidungen.

Politische Bildung allein greife allerdings zu kurz. Nötig seien Maßnahmen gegen strukturelle Ungleichheiten im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt und im politischen System selbst.

Zur Studie: Was die Zahlen nicht sagen

Befragt wurden Schüler, Eltern und Lehrkräfte, die Schülerbefragung fand schriftlich in den Schulen statt. Für die drei untersuchten Bundesländer ist die Studie repräsentativ.

Die ausgewerteten Verläufe beziehen sich ausschließlich auf Jugendliche, die an beiden Befragungswellen teilgenommen haben.

Eine Wahlumfrage ist das nicht: 14-Jährige dürfen bei Landtags- und Bundestagswahlen nicht abstimmen. Die Auswertung nach Bildungshintergrund und Schultyp erfolgt zudem länderübergreifend, weil die Fallzahlen sonst zu klein würden.

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