Gas – das ist ein Wort, das viele Energieexperten jetzt, zu Beginn des Herbstes und mit Blick auf den nahenden Winter, Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Die deutschen Speicher waren am 14. September zu 55,6 Prozent gefüllt – vor einem Jahr waren es rund 74 Prozent. Zum 1. November schreibt das Gesetz 80 Prozent vor. Sieben Wochen.
Bundesnetzagentur setzt auf Händler und LNG-Terminals
Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller beruhigt: Es liege schon jetzt etwas mehr Gas in den Speichern, als im gesamten vergangenen Winterhalbjahr entnommen wurde; die LNG-Terminals seien nur zu etwa 45 Prozent ausgelastet.
Er setzt auf den Markt: Die Speicher zu füllen sei Aufgabe der Händler, die Lieferverpflichtungen hätten. „Staatliche Eingriffe wären in jedem Fall teuer.“
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Warum sich das Einspeichern von Gas derzeit kaum lohnt
Der Speicherverband Ines hält dagegen: Bei schleppender Einspeicherung könnte ein harter Winter 2026/27 kritisch werden. Der Grund ist banal und entlarvend zugleich: Einspeichern lohnt sich nur bei günstigem Sommer-Winter-Spread – und den gab es in diesem Jahr nicht. Timm Kehler von Zukunft Gas formuliert es präzise: Ein ungünstiger Spread mache Einspeicherungen unattraktiver, hebe bestehende Lieferverpflichtungen aber nicht auf.
Gasspeicher und Marktlogik: Die zentrale Frage an die Bundesregierung
Hier muss man die zentrale Frage an die Regierung stellen. Sie verlässt sich auf einen Markt, der den Speicherbetreibern gerade kein Signal zum Füllen sendet, und verweist gleichzeitig auf gesetzliche Füllstandvorgaben.
Wenn der Markt die Vorgabe nicht erfüllt, bleiben nur teure Notmaßnahmen – genau das, was Müller vermeiden will. Die NEF-Ökonomen schlagen deshalb strategische Puffer systemisch wichtiger Rohstoffe vor, die bei Preisspitzen freigegeben werden: eine Versicherung, die billiger sei als der Schaden, den sie verhindere.
Strategische Reserven gegen Energiepreise und Inflation
Das ist keine Ideologie, das ist Risikomanagement. Deutschland betreibt es derzeit nicht. Und das, nachdem zwei Bundesregierungen durch ein unheilvolles Zusammenspiel außenpolitischer Eskalation und diplomatischer Untätigkeit gegenüber den Krisenlagen von Kiew bis Teheran die Probleme haben wachsen lassen.
Die unbequemste Wahrheit zur Energielage
Die Brüsseler Denkfabrik New Economics Foundation (NEF) hat in einer Studie jüngst modelliert, was ohnehin jeder ahnt: Fossile Preisschocks sind in fast allen untersuchten europäischen Ländern das systemisch bedeutsamste Inflationsrisiko.
Öl- und Gaspreisschocks treiben die Inflation
Ein 50-Prozent-Schock – vergleichbar mit dem Ölpreisanstieg von 47 Prozent im vergangenen Jahr – würde 0,8 bis 1,8 Prozentpunkte zur Gesamtinflation addieren. Für Deutschland rechnen die Forscher bei einem Öl- und Gaspreisanstieg von je zehn Prozent mit bis zu 0,22 Prozentpunkten mehr Inflation.
Maike Schmidt von der NEF zieht die historische Linie vom Opec-Embargo über den russischen Einmarsch in die Ukraine bis zu den Angriffen auf den Iran. Ihre Schlussfolgerung: Die Abhängigkeit von volatilen Öl- und Gaspreisen zu beenden, sei der einzige Weg, die Inflation zu begrenzen.
EZB-Zinsen und Energiekrise: Ein Konstruktionsfehler
Dazu kommt ein Konstruktionsfehler, den die Studie scharf benennt: Die EZB hob im Juni 2026 erstmals seit 2023 die Zinsen an – auf 2,25 Prozent Einlagesatz, während die Eurozone schrumpfte. Sie bekämpft mit einem Instrument gegen Übernachfrage eine Inflation, die aus importierter Energieknappheit stammt.
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Und sie verteuert damit ausgerechnet jene Investitionen, die künftige Schocks verhindern würden. Die NEF schlägt duale Zinssätze vor: ein separater, niedrigerer Satz für grüne Investitionen, damit der Leitzins steigen kann, ohne die Transformation abzuwürgen.
Erneuerbare Energien senken Strompreise
Die Zahlen dahinter sind eindrücklich. In der EU setzte Gas 2022 in 55 Prozent der Zeit den Strompreis, obwohl es nur 19 Prozent des Stroms erzeugte. Der IWF berechnet, dass jeder Prozentpunkt mehr Erneuerbaren-Anteil die Großhandelsstrompreise im Schnitt um 0,6 Prozent senkt.
In Spanien, das seine Wind- und Solarkapazität seit 2019 verdoppelt hat, waren fossile Kraftwerke im ersten Halbjahr 2025 nur noch in 19 Prozent der Fälle preisbestimmend – nach 75 Prozent zuvor. Die Großhandelspreise lagen 32 Prozent unter dem EU-Schnitt.
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Das ist die Antwort auf die Frage, warum ein Krieg am Persischen Golf deutsche Familien trifft: weil wir uns treffen lassen.
Und schützt die Bundesregierung das deutsche Volk?
Die ehrliche Antwort lautet: teilweise, verspätet und ohne Strategie.
Sinkende Energiepreise und Verfahren gegen Raffineriebetreiber
Was man ihr zugutehalten muss: Bei Strom, Gas und Fernwärme sind die Preise im Jahresvergleich gefallen, auch wegen staatlicher Maßnahmen. Das Kartellamt hat Verfahren gegen alle zwölf Raffineriebetreiber eingeleitet – möglicher Ausgang: die Abschöpfung missbräuchlicher Gewinne.
Und Katherina Reiches Warnung vor Aktionismus ist nicht falsch: Der Tankrabatt hat 1,6 Milliarden Euro gekostet, ohne dass bis heute klar ist, wem er genützt hat.
Spritpreise, 12-Uhr-Regel und fehlende Entlastung
Was gegen sie spricht, wiegt schwerer. Erstens: Die Regierung wusste seit Februar 2025, dass die Preisnotierungen im Mineralölsektor ein Wettbewerbsrisiko darstellen – die Empfehlung des Kartellamts zur Regulierung liegt unbearbeitet.
Zweitens: Die 12-Uhr-Regel wirkt nicht nachweisbar preisdämpfend, aber der Bund überlässt ihre Durchsetzung Ländern, die um Hilfe rufen. Drittens: Der einzige Mechanismus, mit dem schnell und zielgenau entlastet werden könnte, existiert nur auf dem Papier.
Gasspeicher ohne strategische Reserve: Das nächste Risiko
Viertens: Die Gasspeicher sind 19 Prozentpunkte leerer als vor einem Jahr, die Regierung setzt auf einen Markt, dessen Preissignal gerade gegen das Einspeichern spricht, und verfügt über keine strategische Reserve.
Steuern auf Spritpreise: Der Staat könnte entlasten
Vertreter der Branche haben recht, wenn sie sagten, dass der Staat beim Spritpreis über Steuern kräftig mitverdient. Nur folgt daraus nicht Untätigkeit, sondern eine Wahl: Wer 50 bis 60 Prozent des Preises setzt, kann auch entlasten – wenn er will. Polen und Luxemburg beweisen, dass es technisch geht. Ob es klug ist, ist eine andere Debatte, und sie wird in Deutschland seit Monaten nicht entschieden, sondern nur geführt.
Heizölpreise und Raffineriekapazitäten: Entspannung erst 2027?
Bleibt der Zeitfaktor. En2x-Sprecher Alexander von Gersdorff erwartet selbst bei einem Friedensschluss eine vollständige Marktnormalisierung erst „weit bis ins Jahr 2027“, weil viel Raffineriekapazität verloren gegangen ist.
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Seine Empfehlung an Heizölkunden – kleine Mengen bestellen und auf Besserung hoffen – ist ehrlich gemeint und bezeichnend: Der Bürger soll spekulieren, weil ihn niemand schützt. Eine Preisprognose nennt er „schwierig bis unmöglich“.
Was die Bundesregierung jetzt gegen den nächsten Preisschock tun müsste
Eine Regierung, die Schaden vom Volk abwenden will, müsste jetzt drei Dinge tun: die Empfehlungen ihrer eigenen Wettbewerbsbehörde umsetzen den Direktzahlungsmechanismus endlich funktionsfähig machen, und die Gasspeicher unabhängig von der Laune des Sommer-Winter-Spreads füllen. Keines dieser Dinge ist ideologisch. Alle drei sind seit Monaten bekannt. Und alle drei sind unerledigt.
Der Krieg im Nahen Osten ist nicht unmittelbar die Schuld dieser Bundesregierung. Dass Deutschland ihm so ungeschützt ausgeliefert ist – das schon.
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