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George Bernard Shaw und die unheilvolle Macht des politischen Geschwätzes

Der irische Dramatiker wusste um den fragwürdigen Erfolg wortreicher Selbstdarsteller. Seine Kritik an politischer Rhetorik ist bis heute aktuell.

Wolfgang Sachsenröder
8 Min
Bundestagsitzung: Stelldichein der Schwätzer?

Bundestagsitzung: Stelldichein der Schwätzer?

© Jens Schicke/Imago

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Europas Demokratie erodiert nicht nur von den Rändern her, sondern auch durch den Verlust von Respekt vor den Parlamenten und Parlamentariern. Der politische Diskurs verkommt ebenso durch „wortreiche Schwätzer“ wie überzogene Kritik in den sozialen Medien. Die Gefahr ist nicht neu.

George Bernard Shaw (1856–1950), der überaus erfolgreiche irische Dramatiker, Satiriker und Politiker, war bis ins hohe Alter scharfsichtig und scharfzüngig. Zu seinen bissigsten Bemerkungen gehört Folgende: „Public life is the paradise of voluble windbags“, ins Deutsche übersetzt: „Das öffentliche Leben ist das Paradies der wortreichen Schwätzer.“ Es stammt aus seinem Buch „Back to Methuselah: A Metabiological Pentateuch” von 1921, und aus dem Kapitel, in dem es um die Zusammenhänge zwischen Begabung und Erziehung geht sowie um den Unterschied zwischen Redefluss und eigenen Ideen.

Eloquenz ist fast immer ein Vorteil gegenüber introvertierten oder schüchternen Mitmenschen, ob der Wortschwall aber inhaltlich und intellektuell Substanz hat, ist eine andere Frage. Wir kennen sie alle, oft schon vom Kindergarten und aus der Schule, selbstbewusste und sich selbst zu Anführern ernennende Typen, die immer als erste eine Antwort parat haben oder weniger Entschlossenen Richtung, Lösung und Ausweg zeigen.

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Autorität auf tönernen Füßen

Das Erstaunliche ist dabei, dass sie fast immer Gefolgschaft finden und für eine Autorität gehalten werden, die oft genug auf tönernen Füssen steht, wenn man genauer hinschaut. „Wie man kommt gegangen so wird man empfangen“ heißt das alte Sprichwort, denn körperliche Merkmale spielen ebenfalls eine Rolle. Körpergröße und gutes Aussehen helfen ebenfalls zu spontaner Anerkennung, bis hin zu unverdienten Vertrauensvorschüssen. Aber entscheidend bleibt die Eloquenz, oft zusammen mit einer überzeugenden Körpersprache. Im praktischen Leben, in Firmen und Organisationen gibt es natürlich immer mehr Indianer als Häuptlinge, aber Wichtigtuer und Klugschwätzer werden aber oft genug eingestellt und befördert, weil die Entscheidungsebene sie nicht ausreichend durchschaut.

Shaw kannte die Politik nicht nur aus der Beobachterperspektive. Er war nicht nur ein einflussreiches Mitglied in der sozialistischen Fabian Society, sondern zwischen 1897 und1903 auch in der kommunalen Selbstverwaltung Londons tätig, zunächst in der Gemeindeverwaltung, später als Stadtrat im damaligen Bezirk St. Pancras. Für einen Intellektuellen wie Shaw waren diese praktischen Erfahrungen offenbar ernüchternd. In seinem Theaterstück „Major Barbara“ von 1905 lässt er einen reichen Unternehmer sarkastisch über seinen Sohn sagen: „Er weiß nichts, glaubt aber, alles zu wissen. Das deutet klar auf eine Karriere als Politiker hin.“

Der Begriff Parlament ist historisch mit dem französischen Wort „parler“ gleich „reden“ verknüpft, das seit 1254 als „Parlement de Paris“ am Hof König Ludwigs des IX. als Gerichtshof institutionalisiert war. Ab 1444 bilden sich in den Provinzen weitere Parlamente. Ebenfalls seit dem 13. Jahrhundert werden die Beratungen der englischen Könige mit geistlichen und weltlichen Würdenträgern und zunehmend Vertretern der Grafschaften und Städte zum „Parliament“. Daraus entsteht allmählich die zentrale Institution der politischen Mitwirkung und später der Gesetzgebung.

Bis ins hohe Alter scharfsichtig und scharfzüngig: George Bernard Shaw

Bis ins hohe Alter scharfsichtig und scharfzüngig: George Bernard Shaw

© United Archives

In Deutschland wird nach Vorläufern als Hof- und Reichsversammlungen erst 1495 unter Maximilian I. in Worms der Reichstag institutionalisiert. Von 1663 bis 1806 tagte in Regensburg der „Immerwährende Reichstag“ als ein Ort politischer Beratung und Verhandlung und im frühen 19. Jahrhundert entstanden Landesparlamente in einer Reihe deutscher Kleinstaaten. Mit der Nationalversammlung in Frankfurt am Main von 1848 entstand erstmals ein gesamtdeutsches Parlament, das seinen Auftrag aus der Volkssouveränität ableitete, sich aber gegen die Fürsten nicht durchsetzen konnte. Somit beginnt die deutsche Parlamentsgeschichte mit begrenzten demokratischen Rechten erst 1871 in Berlin.

Vielfach untersucht in der Antike

In der Weimarer Republik geriet der Reichstag zunehmend in die Kritik von Nationalkonservativen, Nationalsozialisten, Kommunisten und Teilen der Presse als „Quasselbude“, zumal wechselnde Mehrheiten und instabile Koalitionen hinzukamen. Die Debatten seien bloßes Gerede und der Staat zur Beute von Parteiinteressen oder wirtschaftlichen Interessengruppen geworden, unfähig zu den notwendigen politischen Entscheidungen.

In Deutschland, Italien, Spanien und Vichy-Frankreich führte das zum Faschismus und in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Erst nach 1945 erlebten die europäischen Parlamente eine lange Phase der Anerkennung, die sich nun in den letzten Jahren wegen der zunehmenden Zersplitterung der Parteiensysteme und der Zuwächse an den linken und rechten Rändern aufzulösen scheint.

Seit der Antike wird sie vielfach untersucht und beschrieben, von Aristoteles, der drei zentrale Überzeugungsmittel definiert, Ethos (Glaubwürdigkeit), Pathos (Emotion) und Logos (Argumentation), über Demosthenes und Cicero bis zu Thomas Hobbes, der auf die Gefahren manipulativer Rhetorik hinweist. Max Weber geht in seinem oft zitierten Werk von 1919, „Politik als Beruf“, vor allem auf die Beziehung zwischen charismatischer Führung und politischer Gefolgschaft ein sowie das Spannungsfeld zwischen Verantwortung und Überzeugung. Berechtigte Kritik aus der Mitte (Herbert von Arnim, Der Staat als Beute, 1993) und zerstörerische Kritik am Parlamentarismus von linken und rechten Rändern hat nie aufgehört, wird aber im Zeitalter der sozialen Medien immer mehr zur Flut.

Ihr Anwachsen hat eine ganze Reihe von nachvollziehbaren Gründen im Verhalten und Fehlverhalten von Politikern, von Kabinetten und nationalen Parlamenten bis in den kleinsten Gemeinderat. Aus Respekt vor Institutionen und Ämtern sollten hier keine Politikerinnen und Politiker namentlich erwähnt werden, wohl aber Prototypen und das ungeschickte oder tadelnswerte Verhalten historischer Amtsträger, deren Mandate längst abgelaufen sind.

Quasseln als Berufskrankheit

Dazu gehört eine schillernde Figur, die es in der Frühzeit der Bonner Republik bis zum Parteivorsitzenden und Vizekanzler brachte und bei offiziellen Anlässen provokativ das Ritterkreuz trug. Vor allem brüstete er sich damit, dass er auf jedes beliebige Stichwort eine ganze Stunde reden könne. Seine Verdienste insgesamt sind nicht abzustreiten, aber eine wie bei ihm oft von Zweck und Verantwortung losgelöste Eloquenz gehört zu den politischen Talenten, die gerade heute Wähler und Beobachter an der Demokratie zweifeln lassen.

Insgesamt bleibt der Eindruck, dass zu viele Politprofis ohne Rücksicht auf die gerade zur Debatte stehende Frage und ohne langes oder wenigstens kurz angedeutetes Nachdenken ungerührt ihre Worthülsen und Textbausteine herunterspulen und auch bei sachlichen Nachfragen der Moderatoren bedenkenlos das Gleiche noch einmal wiederholen.

Wenn man fast täglich über sehr ähnliche Themen reden muss, scheint das Gehirn ohne Vorwarnung auf Sparflamme zu schalten und dem Redner vorgefertigte Textbausteine sozusagen in den Mund zu legen.

Hinzu kommt das „reden müssen“, denn ein „Das weiß ich nicht“ kommt als Antwort niemals in Frage. Wer einmal selbst auf dem Podium saß und mit Fragen konfrontiert wurde, für die er nicht kompetent ist, kennt dieses Erstaunen über das, was ihm da plötzlich über die Lippen geht. Denn leicht und oft allzu leicht wird „quasseln“ zu einer Berufskrankheit. Das beschränkt sich keineswegs auf die Politik, sondern trifft viele andere Berufsredner wie Verkäufer jeder Art, Moderatoren, Entertainer, Motivationstrainer, selbst Geistliche. In der Adenauer-Ära zog ein Pater Leppich, als „Maschinengewehr Gottes“ bekannt, bis zu 40.000 Zuhörer in seinen Bann und weltweit inspirieren immer neue religiös-charismatische Redner die Massen.

Charisma kann man sich antrainieren

In allen genannten Bereichen ist Charisma hilfreich, in der Politik ganz besonders, aber nicht immer gleich notwendig. Bei Ämtern in Gemeinde- und Stadträten mit mehr Verwaltungsarbeit als Wahlkämpfen reichen sicher auch Verlässlichkeit und Jovialität und nicht so viel Begeisterungsfähigkeit. Je umkämpfter das politische Amt, desto eher hilft Charisma zur Wahl, besonders in Zeiten wie dieser, in der in Europa die Zersplitterung der Parteiensysteme ideologische Grundüberzeugungen und lebenslange Mitgliedschaften weitgehend verschwinden lässt.

Bei manchen Menschen scheint es angeboren, was sicher auch zutrifft, aber Politik- und Managementberater haben es mit Hilfe von Psychologen und Soziologen auch zu weiten Teilen trainierbar gemacht. Zu den wichtigsten Grundlagen gehört ein starkes Selbstbewusstsein, aber auch das lässt sich entwickeln. Jeder kennt seine wundersame Steigerung, wenn jemand einen kräftigen Karrieresprung macht oder in der Politik in ein Amt gewählt wird, vom Beisitzer im örtlichen Parteivorstand bis zum Parlamentsmandat oder Kabinettsposten.

Das Trainieren von Charisma nutzt verbale Taktiken wie Metaphern, Vergleiche und Analogien, Geschichten und Anekdoten, Gegenüberstellungen, rhetorische Fragen, moralische Überzeugungen, die Spiegelung der Gefühle und Überzeugungen im Auditorium, das Setzen hoher Ziele sowie die Vermittlung von Zuversicht, dass diese auch erreicht werden können. Der Rest ist nonverbal, eine lebhafte, ausdrucksstarke Stimme, Mimik und Gestik, die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit unterstreichen.

Europa hatte in den Jahrzehnten nach dem Krieg eine ganze Reihe charismatischer Führungspersönlichkeiten in seinen nationalen Regierungen, die inzwischen aber deutlich rarer werden. Zum Teil liegt das daran, dass sie oft starke parlamentarische Mehrheiten hinter sich hatten und wichtige Entscheidungen leichter durchsetzen konnten als die prekären Koalitionen in zersplitterten Parteiensystemen heute. Im Internet zirkuliert gerade ein groteskes Video, in dem historische Charismatiker, Mao Tse Dong, Stalin, Che Guevara und Fidel Castro, in einem Café zusammensitzen und sich streiten, wer denn der Größte war. Ganz am Ende kommt ein Ober mit Getränken, es ist ausgerechnet Adolf H.

Wolfgang Sachsenröder hat als Politikberater in Asien, im Mittleren Osten und in Südosteuropa gearbeitet. Seit 2009 lebt er wieder in Singapur und hat Artikel sowie Sachbücher zur regionalen Politik veröffentlicht.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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