Fast jeden Morgen fahre ich auf dem Fahrrad zum S-Bahnhof. Ohne Rad geht es nicht, selbst zum Supermarkt läuft man 20 Minuten. Ich wohne in einer Gegend, in der Nachbarn rote Fähnchen in die von Hundebesitzern hinterlassenen Tretminen am Wegesrand stecken und wo die Kopfsteinpflasterabstände die Breite von Straßenbahnrillen besitzen. Abgehängt in einer verschlafenen Wohlstandsperipherie aus Laubenpiepern und bildungsnahen Menschen, die aussehen wie verstorbene Schriftsteller und in der man auf dem Gehweg fahren muss.
Der Tag, an dem ich mich mit Hermann Hesse anlegte
Zum Beispiel gibt es eine Simone de Beauvoir, eine ältere Pudel-Besitzerin mit Hochsteckfrisur und Mittelscheitel und einen Jussi Adler-Olsen mit Silberbart, der von einer riesigen Deutschen Dogge spazieren geführt wird. Mein Favorit ist jedoch Hermann Hesse mit Panamahut und Cocker Spaniel. Wir begegnen uns jeden Morgen um Punkt Viertel nach acht – ich auf dem Sattel und er hinter der Leine.
Meine erste Begegnung mit Hesse ist ein paar Wochen her: Er wollte mir keinen Platz auf dem Gehweg machen, während sein Hund gekrümmt sein Geschäft verrichtete. Hesse war wütend auf mein Rad und ich auf den fehlenden Hundekotbeutel in seiner geballten Faust. Das Hundehaufen-Klischee unterstellt man nämlich den falschen Stadtteilen. Bitte, fahren Sie nach Lichterfelde und versuchen Sie ungeschoren auf den pittoresken Grünstreifen am Wegesrand zu spazieren. Mich trifft es gut zweimal pro Monat, fünfmal, meine Tochter mitgezählt, und ich habe noch immer nicht mehr Glück als vorher.
„Das Echte, Gute ist nie Mode gewesen, aber es lebt“
„Darf ich vorbei?“ Ich fragte das freundlich. Hesse brüllte: „Absteigen, Du!“ Ich wich auf die Straße aus, meine dünnen Reifen blieben direkt zwischen den Pflastersteinen stecken, auf dem Gehweg machte sich Gelächter breit. „Ihnen noch einen beschissenen Tag“, blökte er mir hinterher. Unsere geistreichen Austausche gingen nach selbem Schema weiter.
Seit letzter Woche suche ich vor unserer Begegnung im Bücherregal nach geeigneten Hesse-Zitaten: „Was nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf.“Oder: „Du hast deine Kindheit vergessen, aus den Tiefen deiner Seele wirbt sie um dich.“ Heute begrüßte ich ihn mit einem umgedichteten Demian-Zitat (und mit Blick auf seinen Hund): „Das Ei kämpft sich aus dem Vogel“, und er musste Schmunzeln und machte mir zum ersten Mal Platz.
Reisehighlights Reisehighlights exklusiv für Sie
Mehr
Selbstoptimierung: Warum mich meine tote Oma wahnsinnig macht
Hörsturz am Morgen: Warum der Laubbläser den Misanthropen in uns triggert
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]