Weihnachten

„Grönland-Orangen“ zu Weihnachten: Warum die Apfelsinen in der DDR grün und sauer waren

Kuba-Orangen in der DDR: Woher die grünen „Grönland-Orangen“ kamen, warum ihre Schale nie orange wurde und wie die DDR gute Apfelsinen beschaffte.

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Orange am Zweig, dahinter eine zweite, noch grüne Frucht: Apfelsine und Orange sind dieselbe Zitrusfrucht, nur der Name unterscheidet sich je nach Region.

Orange am Zweig, dahinter eine zweite, noch grüne Frucht: Apfelsine und Orange sind dieselbe Zitrusfrucht, nur der Name unterscheidet sich je nach Region.

© imago

„Grönland-Orangen“ – so nannte der Volksmund in der DDR die Apfelsinen aus Kuba. Ihre Schale war grün und hart, das Fruchtfleisch oft sauer und voller Kerne.

Wer eine süße, leuchtend orange Frucht wollte, musste meist bis Weihnachten warten. Dafür griff die SED-Führung jedes Jahr in die knappe Devisenkasse, wie der Historiker Stefan Wolle in einem Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung zur Lebensmittelversorgung der DDR beschreibt.

Südfrüchte-Lager im Bunker an der Friedrichstraße

Ein Teil des Kuba-Obstes lagerte mitten in Berlin. Ab 1957 nutzte ein volkseigener Obst- und Gemüsebetrieb den alten Reichsbahnbunker an der Friedrichstraße als Lager für Trocken- und Südfrüchte aus Kuba.

Hinter den Lieferungen steckte ein Tauschgeschäft. In den 1960er-Jahren schlossen die DDR und Kuba einen Staatsvertrag: Die DDR lieferte Fabrikanlagen, Kuba bezahlte mit Nickel, Zucker und Südfrüchten.

Der Vorteil für die DDR: Die Kuba-Orangen kosteten kein Westgeld. Sie liefen über den Handel im Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), dem Wirtschaftsbund der sozialistischen Staaten. Das zeigt der Historiker Matthias Judt in einer Analyse für das Deutschland Archiv.

Warum die Kuba-Orangen grün waren

Die grüne Farbe hatte mit dem Klima zu tun. Zitrusfrüchte werden erst orange, wenn das Chlorophyll in der Schale abgebaut wird. Dafür braucht es vor der Ernte kühle Nächte und große Temperaturunterschiede, erklärt die Verbraucherzentrale Südtirol.

In der Karibik bleiben die Nächte warm. Die Schale bleibt deshalb grün oder fleckig, auch wenn das Fruchtfleisch reif ist. Viele Kuba-Orangen waren zudem Saftsorten und entsprechend sauer.

Ein Autor der Berliner Zeitung erinnerte sich in einem Rückblick auf Obst im Sozialismus an faserige, saure Mini-Früchte. Gegessen wurden sie trotzdem, mangels Alternative.

Gute Apfelsinen gab es nur zu Weihnachten

Die süßen Orangen aus dem Mittelmeerraum musste die DDR im Westen kaufen. Laut Wolle besorgte die Führung in den 1980er-Jahren deshalb jedes Jahr zur Weihnachtszeit gezielt Orangen und andere Südfrüchte aus dem sogenannten Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet.

Judt beschreibt die Logik dahinter: Die knappen Importe wurden auf wenige Wochen im Jahr gebündelt, die sogenannte Festtagsversorgung. Neben Weihnachten gehörten Ostern, der 1. Mai und der DDR-Gründungstag am 7. Oktober dazu.

Im Volksmund hieß es dann, der „Apfelsinendampfer“ sei angekommen. So erinnert sich Renate Schönfuß-Krause aus Radeberg in ihren Erinnerungen an die Weihnachtszeit in der DDR. Im Dezember kamen die Navelorangen in den Handel, und wer davon hörte, stellte sich an.

Bananen-Verbrauch sank um mehr als die Hälfte

Wie knapp es am Ende wurde, zeigen interne Zahlen, die Judt ausgewertet hat. 1978 aß jeder DDR-Bürger rechnerisch gut 6,3 Kilo Bananen im Jahr. 1988 waren es nur noch rund 2,8 Kilo.

Bei Apfelsinen und Mandarinen sank der Verbrauch weniger stark, von 6,36 auf 5,52 Kilo pro Kopf. Dafür kam nun vor allem Kuba-Ware in die Läden.

Das übrige Obst stammte 1988 zu knapp 89 Prozent aus eigener Ernte, allen voran Äpfel. Die Sorte „Gelber Köstlicher“ hieß im Volksmund nur „Gelbes Elend“.

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„Keine kapitalistischen Privilegien“: Der Frust wuchs

Ende der 1980er-Jahre wurde aus dem Obstmangel ein politisches Problem. In Eingaben an das Ministerium für Handel und Versorgung schrieben Bürger ihren Ärger offen auf.

Ein Bericht des Ministeriums vom August 1989 zitiert einen Schreiber mit dem Satz: „Bananen, gute Apfelsinen, Erdnüsse u. a. sind doch keine kapitalistischen Privilegien.“ Wenn die Schweiz oder Österreich Südfrüchte in großer Auswahl anbieten könnten, müsse das auch in der DDR möglich sein.

Er wolle Südfrüchte selbst im Laden kaufen und nicht nur als Geschenk der West-Verwandtschaft bekommen. Eine Dresdnerin klagte im selben Jahr, ihre Kinder wüssten nicht mehr, wie eine Aprikose aussieht.

Grüne Orangen heute: Darf man sie kaufen?

Das Problem der Kuba-Orangen kennt man bis heute aus dem Supermarkt. Clementinen und Mandarinen mit grünen Flecken sind nicht automatisch unreif, die Schalenfarbe sagt laut Verbraucherzentrale Südtirol nichts über den Reifegrad.

Leuchtend orange wird eine Zitrusfrucht nur, wenn die Nächte vor der Ernte kalt genug waren. Bei Ware aus wärmeren Anbaugebieten hilft der Handel deshalb oft technisch nach, damit die Schale vor dem Verkauf orange wird.

Kuba-Orangen als Erinnerung

Die Künstlerin Viviana Medina widmete der Frucht 2024 eine Installation beim Festival Osten in Bitterfeld-Wolfen. Es geht darin um die mehr als 30.000 Kubanerinnen und Kubaner, die von den 1960er-Jahren bis zum Mauerfall in die DDR kamen.

Wer in diesem Dezember zur makellos orangefarbenen Navelorange greift, hält also etwas in der Hand, wofür die DDR-Führung jedes Jahr Devisen zusammenkratzen musste.

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