Seit Jahrzehnten breitet sich der Eichenprozessionsspinner in Sachsen-Anhalt aus. Die Bekämpfung gilt als teuer, logistisch aufwendig und nur bedingt erfolgreich. Nun ist nach langer Zeit ein längst verschollen geglaubter Käfer entdeckt worden, auf dessen Speisekarte der Schädling steht. Dreht sich nun der Wind?
Ein auffälliger, goldmetallischer Panzer, mit einer Größe von bis zu 30 Millimetern – der Große Puppenräuber ist, wie der Name bereits verrät, im direkten Käfervergleich ein recht imposantes Exemplar. Noch auffälliger ist jedoch sein Vorkommen in Sachsen-Anhalt: Denn über lange Zeit ließ er sich nicht mehr blicken - bis zuletzt. „Aktuell sicher nachgewiesen wurde der Große Puppenräuber nach unserer Kenntnis im Drömling sowie im Raum Dessau-Roßlau“, so Jens Richter vom Nabu-Landesverband in Sachsen-Anhalt.
Großer Puppenräuber: Rückkehr eines Totgeglaubten
„Der Wiederfund ist bemerkenswert, weil die Art in Sachsen-Anhalt jahrzehntelang als ausgestorben beziehungsweise verschollen galt“, so Richter weiter. Historische Nachweise aus weiteren Landesteilen erlaubten jedoch keine Aussage zur heutigen Verbreitung. Spannend ist der Fund, der im Rahmen eines Projekts der Hochschule Anhalt gemacht wurde, besonders in einer Hinsicht: sowohl seine Larven als auch der Käfer an sich erbeuten Schmetterlingsraupen und -puppen. Darunter auch die des Eichenprozessionsspinners (EPS). Der treibt seit Jahrzehnten sein Unwesen in Sachsen-Anhalt und breitet sich rasant aus. Er ist nicht nur für die Gesundheit bedenklich, sondern gilt ebenso als Forstschädling. Seine Bekämpfung wird in Fachkreisen als Sisyphusarbeit beschrieben. Die Ausbreitung zu stoppen gilt trotz hohem logistischen und finanziellen Aufwands – das Land fördert die Bekämpfung mit Millionen - als nahezu unmöglich.
Der EPS plagt hauptsächlich die Regionen im Norden, Nordosten und in der Mitte des Landes, wobei die Altmark mit den Landkreisen Salzwedel und Stendal als Hotspot gilt. Durch den Klimawandel und die zunehmend heißen, trockenen Sommer findet der ursprünglich aus Südeuropa stammende Schädling in diesen ohnehin trockenen Gebieten optimale Bedingungen für eine Massenvermehrung. Das sonnenhungrige Insekt bevorzugt lichte Waldränder, Alleen sowie Parks in Städten wie Magdeburg, Halle und Dessau-Roßlau als Lebensraum. Da sich die Raupen streng auf Stiel- und Traubeneichen als Futterquelle spezialisiert haben, zieht die von diesen Baumriesen geprägte Landschaft der betroffenen Landkreise den Schädling magisch an. Gilt der nun aufgetauchte Käfer in goldenem Panzer als die langersehnte Rettung? Und wenn ja, wäre eine Hochzüchtung sinnvoll?
Klimawandel treibt Eichenprozessionsspinner an
„Der Große Puppenräuber ist eine besonders geschützte Art – daher sind Fang, Haltung und gezielte Vermehrung nur mit Genehmigung erlaubt. Eine großtechnische Züchtung zur EPS-Bekämpfung ist daher mit dem aktuellen Artenschutzrecht nicht vereinbar“, teilt das Umweltministerium auf OAZ-Anfrage. „Darüber hinaus wäre sie auch sehr arbeitsintensiv und teuer, da sich der Käfer im Larvenstadium unter anderem auch kannibalisch verhält und ein Zuchterfolg somit nicht garantiert wäre.“ Sinnvoller als Züchtungen im großen Stil seien aus Sicht des Umweltministeriums deshalb Verbesserungen der Rahmenbedingungen, damit sich der Käfer auf natürliche Art und Weise ausbreiten könne. Zudem würde jede Entnahme für Zuchtzwecke die sich gerade erholenden Wildpopulationen im Land gefährden.
Weiter teilt das Ministerium mit: „Der Große Puppenräuber ist ein wichtiger, aber begrenzter Faktor in einem komplexen ökologischen System und kann EPS-Massenvermehrungen daher nicht im Alleingang stoppen.“ Deshalb brauche es auch weiterhin die bereits genutzten chemischen und physikalischen Methoden zur Bekämpfung – und darüber hinaus auch biologische Methoden, wie die Stärkung natürlicher Fressfeinde, etwa durch mehr Nistmöglichkeiten für insektenfressende Vogelarten. Das Umweltministerium gehe derzeit davon aus, dass die zunehmende Verbreitung des Großen Puppenräubers mittel- bis langfristig einen spürbaren Effekt auf die Population des EPS haben kann. Dieser prognostizierte Effekt lasse sich derzeit jedoch noch nicht in Zahlen fassen, da dafür verschiedene komplexe ökologische Prozesse ausschlaggebend seien, die einen gewissen Zeitraum benötigten, um eine nachweisbare Wirkung zu entfalten.
Artenschutz und Zuchtverbot zum Schutz der Natur
Auch der Nabu sieht das Exemplar nur als Teil einer Lösung. „Der Große Puppenräuber ist ein natürlicher Gegenspieler des EPS und kann zu dessen Regulation beitragen. Seine Wirkung sollte aber nicht überschätzt werden: Eine Massenvermehrung kann er nach heutigem Kenntnisstand nicht allein aufhalten.“ Entscheidend sei aus Sicht des Nabu vielmehr das Zusammenspiel verschiedener Gegenspieler, darunter auch parasitoide Fliegen und Wespen. Struktur- und blütenreiche Lebensräume könnten solche natürlichen Regulationsmechanismen fördern. Eine Züchtung sieht auch der Nabu kritisch: „Der Große Puppenräuber ist nicht ausschließlich auf den Eichenprozessionsspinner spezialisiert, sondern erbeutet auch andere Schmetterlingsraupen und -puppen.“ Eine künstliche starke Bestandsaufstockung könne daher auch andere Arten und bestehende Nahrungsnetze beeinflussen.
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„Da offenbar eine natürliche Wiederbesiedlung stattfindet, sollte zunächst untersucht werden, wie stabil sich die Populationen entwickeln und welchen Beitrag die Art unter natürlichen Bedingungen tatsächlich zur Regulation des EPS leistet.“ Aus Nabu-Sicht solle deshalb der natürlichen Wiederbesiedlung und der Förderung geeigneter Lebensräume Vorrang vor einer künstlichen Bestandsaufstockung gegeben werden.
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