In der Habersaathstraße 40 bis 48 in Berlin-Mitte stehen Menschen orientierungslos vor ihren Wohnungen. Männer in schwarzer Kleidung verwehren ihnen den Zutritt zum Haus. Vor einem Hauseingang steht ein Einkaufswagen voller Taschen, aus einigen Fenstern hängen bunte Transparente, mehrere Fenster sind bemalt. Die Wohnungen in der Habersaathstraße sollen am Mittwoch geräumt werden. Davon haben die Anwohner erst am Mittwochmorgen erfahren.
In dem Haus leben drei Gruppen von Menschen. Geflüchtete aus der Ukraine, ehemalige Obdachlose ohne Mietvertrag und ungefähr 15 Altmieter, die noch in Wohnungen mit Mietvertrag leben. Seit mehr als anderthalb Jahren streiten sich Mieter und Eigentümer über die Zukunft der Menschen, die hier leben. Der Besitzer hat seit langem angekündigt, das Haus abreißen und neue Wohnungen bauen zu wollen.
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Doch seit Ende Juli 2023 ist seine Abrissgenehmigung abgelaufen. Jetzt solle es eine neue geben, meinte ein Security-Mann vor Ort, dies ist allerdings nicht bestätigt. Noch gibt es keine Urteile zur Räumung, lediglich ein rechtlicher Vergleich wurde im letzten Jahr beschlossen. Diesem haben die restlichen Mieter jedoch nicht zugestimmt.
Valentina Hauser, Sprecherin der Initiative Leerstand Hab-Ich-Saath berichtet, kurz vor 9 Uhr morgens seien die Bewohner durch lautes Klopfen aus dem Schlaf geweckt worden. Es wurden Zettel verteilt, in denen die Menschen über die anstehende Räumung informiert wurden. Gerade mal eine Stunde Zeit sollten sie bekommen, um ihre Wohnungen zu verlassen. Etwa halb elf sind schon einige Handwerker dabei, in bereits verlassenen Wohnungen Fenster auszubauen. Für Valentina Hauser gibt es für all das keine Rechtsgrundlage. Sie spricht von einer „Katastrophe“ für die Bewohner des Hauses. Es erschreckt sie, „wie Investoren mit dem Grundbedürfnis Wohnen“ umgehen. Aus ihrer Sicht ist die heutige Aktion illegal.
Leerer Wohnraum soll genutzt werden
Das Haus stand lange zu großen Teilen leer und ist im Dezember 2021 besetzt worden. Mehr als 50 Menschen, die vorher in Berlin keine Wohnungen hatten, zogen ein. Der Bezirk Mitte und die Arcadia Estates GmbH, Eigentümer des Plattenbaublocks, einigten sich damals darauf, die Menschen über den Winter im Haus wohnen zu lassen, Mietverträge bekamen sie jedoch nicht. Die Initiative Leerstand Hab-Ich-Saath unterstützt die neuen Bewohner seitdem.
Seit 11 Uhr am Mittwoch ist die Polizei vor Ort, greift allerdings nicht ein, obwohl vor allen drei Eingängen Männer in schwarzen Anoraks und Arbeitskleidung stehen, einige tragen Brechstangen und Vorschlaghammer. Sie verschwinden jedoch, als die Polizei kommt. Ab da warten die Männer der angeblich „privaten Security“, doch worauf ist nicht klar. Mal lassen sie jemanden durch, mal nicht, teilweise wird nach dem Ausweis gefragt. „Das ist doch hier keine Sonderzone, sondern ein Haus!“, meint eine Anwohnerin verärgert.
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Auf die Frage, für wen sie arbeiten, wollen sie nicht antworten, lassen sich jedoch provozieren. Als ein Bewohner zu seiner Freundin ins Haus will, wird er zurückgehalten, eine Diskussion bricht aus. „Ich wohne schon länger in Berlin als du!“, ruft einer der Security-Männer. „Ich mache hier nur meinen Job“, wird an einem anderen Eingang argumentiert. „Wenn du zum Bäcker gehst und der dir Brötchen verkauft, macht der doch auch nur einen Job.“ Die umstehenden Bewohner und Unterstützer lachen. „Beim Bäcker fühle ich mich aber nicht so bedroht“, sagt jemand und findet breite Zustimmung.
Untätig waren die Männer in Schwarz nicht. Anwohner berichten von zerstörten Badewannen, eingebrochenen Türen und Einschüchterung. Stephan, 41, erzählt, er habe schnellstmöglich alles Nötige eingesammelt und stehe seitdem hier. Wie es weitergeht, wisse er nicht, doch für ihn seien die vermeintlichen Handwerker ganz klar bewaffnet. Stephan ist einer der Bewohner, die keinen Mietvertrag haben, im Januar 2022 zog er ein.
Security-Teams rücken ab – ohne Erklärung
„Ich bin Gast hier, sagen wir mal“, sagt eine ältere Frau der Berliner Zeitung. „Es macht etwas mit mir, dieser Stress.“ Sie grüßt neue Gesichter, jeder hier scheint sie zu kennen. Die Frau sagt, sie sei Rentnerin und früher in der Jugend- und Kinderarbeit tätig gewesen, ihren Namen will sie, wie die meisten Bewohner, nicht nennen. Unsicherheit und Frustration sind spürbar. „Knechte!“, ruft ein Anwohner den Männern in Schwarz zu. „Ja, und noch stolz drauf“, ein anderer.
Gegen 12 Uhr rücken die Security-Männer plötzlich ab. Auf Frage der Berliner Zeitung identifiziert sich einer der Männer als Einsatzleiter. Seinen Namen und für wen er arbeitet, will er nicht sagen: „Sind sie vom Gewerbeamt? Dann nicht.“ Einem Mieter erklärt er, er habe das Hausrecht übertragen bekommen. Auf die Frage nach Ausweispapieren oder einem Nachweis reagiert er mit Kopfschütteln, wird laut: „Einen Türsteher im Club fragen Sie doch auch nicht nach dem Ausweis! Wir machen hier von unserem Hausrecht Gebrauch.“
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Kurz bevor die Polizei gegen 12.45 Uhr den Ort verlässt, trifft auch Sozialstadtrat Carsten Spallek von der CDU ein. Die Lage sei komplex, weil Menschen mit und ohne Mietvertrag in dem Haus wohnen. Dadurch hätten verschiedene Anwohner auch verschiedene rechtliche Ansprüche. Er will sich selbst ein Bild von der Lage machen und deshalb noch nicht kommentieren. Er stellt aber fest, dass wohl „Dinge passiert sind, die dem Bezirksamt nicht mitgeteilt wurden“.
Daniel Diekmann wohnt ebenfalls in der Habersaathstraße, seit vielen Jahren schon, im Gegensatz zu vielen hier hat er einen Mietvertrag. Er ist Sprecher für den Mieterrat der „Charité Papageienplatte“. So nennen Mieter das Haus, das nach seinem Bau in den 1980er-Jahren ein Wohnheim für Mitarbeiter des nahe gelegenen Krankenhauses war. Obwohl er Mieter ist, sei Diekmann laut eigener Aussage am Mittwoch für etwa eine Stunde der Zugang zu dem Haus verweigert worden. Laut Diekmann sei das Haustürschloss ausgetauscht worden. Dass ihm der Zutritt zu seiner Wohnung verweigert wurde, bezeichnet er als „Nötigung“.
Mieter ohne Strom und Wasser
Zu den Männern vor dem Haus sagt er: „Handwerker oder Security – ich weiß nicht, wer das ist.“ Er ist gegen die Räumung, viele ehemals obdachlose Bewohner des Hauses hätten bereits eine Arbeit gefunden, diese soziale Errungenschaft sei nun in Gefahr. Letztendlich redet die Polizei mit den Männern in Schwarz, anschließend darf Diekmann doch in seine Wohnung. Später sagt er in einer Unterhaltung mit dem Sozialstadtrat, in seiner Wohnung habe er derzeit keinen Strom und kein Wasser.
Die Arcadia Estates GmbH hat bisher nicht auf eine Anfrage der Berliner Zeitung zu den Vorgängen am Mittwoch am Häuserblock geantwortet.
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