Heinz Schwarzbach ist ein sprühender Geist. Mit großem Interesse verfolgt der 90-jährige Weimarer aktuelle Stadtentwicklungen, vor allem in Dresden, seiner langjährigen Wirkungsstätte. Als Lehrstuhlinhaber für Städtebau und Leiter des gleichnamigen Instituts nach 1990 hat er an der dortigen Technischen Universität eine Generation von Architekten ausgebildet, die einen besonderen Blick für das Ganze entwickelt hat.
Seine ehemalige Studentin Barbara Braun erinnert sich an ihren Entwurf für eine komplett neue Stadt in der Wüste vor Damaskus, bei dem sie verstand, was Urbanität bedeutet: „Dass die Stadt viel mehr ist als die Summe von Häusern, Straßen und Infrastruktur, sondern ein pulsierender, lebendiger Organismus, der neben funktionalen auch ganz besondere soziale, kulturelle und ästhetische Aufgaben erfüllen muss, wenn er Heimat werden soll.“
Der Stadt als lebendigem Organismus näherte sich Schwarzbach mit dieser Prämisse bei großen Projekten. Eine grüne Lunge umgibt das Zentrum mit Ministerien, Museen und öffentlichen Gebäuden der neuen nigerianischen Hauptstadt Abuja auf dem von ihm entwickelten Masterplan. Schwarzbach war Ende der 1970er-Jahre als Direktor für die Planung verantwortlich. „Die Grundidee war, den administrativen Bereich, die Geschäftszone, Freizeit und den Flughafen durch grüne Linien zu verbinden und einen Nationalpark im Zentrum zu schaffen.“
Städtebauliche Planungen für nigerianische Hauptstadt
Die nigerianische Regierung wollte mit dieser neuen Hauptstadt in der Mitte des Landes einen gleichwertigen Zugang für die muslimischen Stämme im Norden und die christlich geprägten Volksgruppen im Süden schaffen. Die alte Hauptstadt Lagos liegt an der Peripherie am Meer. Im Verlauf seines Aufenthaltes wurde Schwarzbach zudem beauftragt, die detaillierte Planung eines ersten Wohngebietes für etwa 120.000 Einwohner zu entwerfen. Gemeinsam mit dem britischen Architekten-Team von Milton Keynes New Town erarbeitete er einen Bebauungsplan.
„Mein Auftrag war mit dem Beschluss des Bebauungsplans für den Accelerated District erfüllt. Ich wurde durch den Minister als internationaler Berater für die weitere städtebauliche Planung berufen“, so Schwarzbach. Bis 2003 hat er die Stadtplaner vor Ort unterstützt. Für den DDR-Städtebauer war diese Aufgabe der Schritt auf die internationale Bühne. Nach seiner Rückkehr erfolgte seine Berufung an die TU Dresden.
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Anfänge in Thüringen
Schwarzbach studierte nach einer Tischlerlehre ab 1957 an der Hochschule für Architektur und Bauwesen (HAB) in Weimar Architektur. Die Plätze waren stark limitiert, doch seine zeichnerischen Fähigkeiten überzeugten. „Die Ausbildung war an der Moderne ausgerichtet“, was Schwarzbachs Vorstellungen entsprach. Noch im Studium ergaben sich die ersten praktischen Aufgaben. Mit zwei Kommilitonen des fünften Studienjahres projektierte er den Ausbau eines historischen Wehrturms zum Studentenclub.
Nach der Genehmigung legte das Team selbst Hand beim Bau der Treppenanlage, der Gestaltung der Bar, der Tanzkuppel und des Vortragssaales an. Der Kasseturm war der erste seiner Art in der DDR. Er existiert heute noch in Vereinsträgerschaft als Veranstaltungsort.
Am Ende des Studiums entschied sich Schwarzbach für den Städtebau und ging als Leiter der Stadtplanungsgruppe und stellvertretender Stadtarchitekt nach Erfurt. Er kehrte 1971 als Dozent für Generalbebauungsplanung des neu gegründeten Weiterbildungsinstituts für Städtebau und Architektur an die HAB nach Weimar zurück und habilitierte sich einige Jahre später mit dem Thema „Planspielsimulation in der Generalbebauung“.
Gemeinsam mit Kollegen und Studenten von seinem Lehrstuhl für Städtebau an der TU Dresden beschäftigte sich Schwarzbach ab Beginn der 1980er-Jahre mit dem Neumarkt in Dresden. „Ich habe den städtebaulichen Raum mit der Frauenkirche als Mittelpunkt zur Grundlage genommen.“ Den Auftakt bildete ein internationales Entwurfsseminar. In einer späteren Stadtanalyse wurden die Struktur der räumlichen Beziehungen und Licht- und Schattenwirkungen von Platz und Gassen ermittelt und die in einem Lapidarium versammelten Formsteine ehemaliger Gebäude erfasst.
1983: Wettbewerb zum Aufbau der Dresdner Frauenkirche
Historische Leitbauten sollten rekonstruiert und wiederhergestellt werden, um die städtebauliche Einmaligkeit des barocken Zentrums herauszuarbeiten. Von Beginn an ging der Entwurf vom Wiederaufbau der zerstörten Frauenkirche aus. Schwarzbach gewann mit seinem Kollektiv den Wettbewerb zum Neumarkt 1983. Um die eigenen Vorstellungen auf ihre praktische Umsetzbarkeit zu überprüfen, entwickelte er eine sogenannte „Abfahroptik“. Mit dieser Anlage konnte er mit einer Kamera durch das Modell fahren und so die gewünschte Wirkung auf den Betrachter simulieren.
Fünf Jahre später, 1989, beim Wettbewerb für die architektonische Gestaltung, überzeugte sein wiederum mit einem Kollektiv der TU Dresden erarbeiteter Entwurf die Jury. In der Begründung zum Siegerentwurf hieß es: „Besonders anerkannt wird die Standorttreue der historischen Leitbauten sowie die Aufnahme und Fortführung der Arkaden der Ernst-Thälmann-Straße (heute Wilsdruffer Straße) in den Neumarktbereich.“
Dann kam die Wende, und die Maßstäbe verschoben sich zugunsten der Besitzverhältnisse. Schwarzbach brachte sich mit Kollegen der Architektenkammer-Planungsgruppe ein letztes Mal 1995 mit der Gestaltsatzung Dresden-Neumarkt in die Debatte um die Wiederaufbaupläne ein.
Erhaltung kleiner und mittlerer Städte
Für behutsame und erhaltende Stadtentwicklung stand Schwarzbach seit Beginn seiner planerischen Tätigkeit. Bereits in seiner Promotion hatte er sich mit dem Thema „Entwicklung und Perspektiven der kleinen Städte“ beschäftigt und dem Kulturgutschutz den Vorzug gegeben. Damit machte er sich in der DDR nicht nur Freunde. Um den massenhaften Bedarf an Wohnraum zu decken und Platz für Gesellschaftsbauten zu schaffen, gerieten in den 1970er-Jahren zunehmend die über Jahrhunderte gewachsenen Zentren der Städte in den Blick.
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Gegen den Trend engagierte sich Schwarzbach für die Bewahrung historischer Klein- und Mittelstädte wie Görlitz, Bautzen, Freiberg, Zittau, Stendal und weitere, deren Potenzial er mit Studenten untersuchte. „Wichtig war für die von ihm vertretene Lehre immer der Kontakt zu angrenzenden Fachgebieten, insbesondere zu den Landschaftsarchitekten, zur Planung der technischen und Verkehrsinfrastruktur und natürlich zum hochbaulichen Entwurf – Kommunikation statt Abgrenzung“, so Barbara Braun.
In Meißen beteiligte sich Heinz Schwarzbach mit Kollegen zu Beginn der 1980er-Jahre an einem Wettbewerb zur städtebaulichen Rekonstruktion der Innenstadt, der im deutschsprachigen Raum ausgeschrieben war. Zustande gekommen war er durch die sogenannte „Ständige Konferenz der Städtebauprofessoren im deutschsprachigen Raum“, die den Austausch über scheinbar unüberwindliche Grenzen ermöglichte. Das Kollektiv um Schwarzbach gewann den ersten Preis. Den partiellen Abriss historischer Gebäude konnte er nicht verhindern. Doch die meisten Bauten überlebten.
1989 gründete sich das Kuratorium „Rettet Meißen – jetzt!“, das gegen den Abriss der Innenstadt mobil machte. Schwarzbach brachte sich in die Initiative ein wie zahlreiche Prominente, darunter der Wissenschaftler Manfred von Ardenne und Kammersänger Peter Schreier. Zu Bautzen entstanden am Städtebaulehrstuhl der TU Dresden umfangreiche Rekonstruktionsstudien. Wichtig war den Stadtplanern unter seiner Leitung, dass keine Plattenbauten im Zentrum gebaut werden.
Plädoyer für den Erhalt mittelalterlicher Bausubstanz
Sein ehemaliger Student Michael Barth erinnert sich an das Auftreten von Schwarzbach vor den Stadtverordneten in Bautzen 1988: „Während ein unter Studenten eher beliebter Professor kläglich versuchte, den Ersatz jahrhundertealter Bau- und Stadtbaukunst durch grobschlächtige WBS-70-Blöcke mit speziell entwickelter schräger Drempelplatte schmackhaft zu machen, hielt Professor Schwarzbach ein kräftiges Plädoyer für den Erhalt und die behutsame Erneuerung der mittelalterlichen Bausubstanz. Da hatte er mich endgültig auf seiner Seite, an der ich auch viele darauffolgende Jahre gerne blieb.“
Die Ergebnisse jahrelanger Forschungen zum altstädtischen Kernbereich bildeten nach der Wende die Grundlage für das Förderprogramm „Studies in the Conservation of European Cities“ der EU-Kommission. Eingereicht hatte Schwarzbach für das gleiche Programm auch noch eine Studie zur Altstadt von Mühlberg an der Elbe. Beide Städte erfüllten die Kriterien und wurden aufgenommen.
1990 gründete der Stadtplaner zusammen mit seinen ehemaligen Studenten Barbara Braun und Michael Barth ein Architekturbüro. Die Sanierung der Altstadt von Mühlberg gehörte zu den ersten Aufgaben. In die Geschichte eingegangen ist die Stadt vor allem durch die Entscheidungsschlacht 1547 im Schmalkaldischen Krieg zwischen evangelischen Reichsfürsten und dem katholischen Kaiser Karl V. Die barock geprägte historische Altstadt hatte die Zeiten überlebt, weil Mühlberg der letzte Zipfel von Preußen war und danach auch keine strategische Bedeutung besaß. Dafür gibt es mehrere bekannte Bauwerke, darunter das Zisterzienserkloster Marienstern, das heute noch von einem Orden genutzt wird.
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Den Architekten ging es um die Neugestaltung der innenstädtischen Straßenzüge und Plätze mit denkmalgerechten Materialien und die Restaurierung der Bausubstanz. Dafür mussten sie die Stadtverwaltung und die Bürger überzeugen. In Konkurrenz standen sie mit Firmen, die schnelle Lösungen bereithielten: Verkleidungen aus Dämmstoffen und Rollläden. Dann interessierte sich die Bundesexpertengruppe Städtebaulicher Denkmalschutz für Mühlberg und stärkte mit ihrem Erscheinen die Akteure vor Ort. Schwarzbach wurde zur Institution für den Erhalt der kulturhistorisch bedeutenden Stadt.
Was das Planungsteam nicht retten konnte, waren die Arbeitsplätze in der Zuckerfabrik und anderen Unternehmen. Heute sind Ideen gefragt, die dem ständigen Bevölkerungsschwund entgegenwirken. „Städtebau ist keine Einzelleistung. Vor allem der städtische Raum wird von jeder Generation neu entdeckt“, konstatiert der erfahrene Stadtplaner im Gespräch mit der OAZ. In diesem Bereich werden die Veränderungen in der Gesellschaft sichtbar: Klimawandel, Wohnungsmangel oder Leerstand, Reichtum und Armut. Die Frage, wie wir leben wollen, ist für Heinz Schwarzbach eine der spannendsten Fragen überhaupt.
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