Klassik

Maestro Blomstedt gestorben: Seinen 100. Geburtstag wollte er in Leipzig feiern

Die Musikwelt trauert um einen außergewöhnlichen Mann: Der Schwede Herbert Blomstedt wirkte in Dresden und Leipzig – seine Größe und Bescheidenheit werden bleiben.

4 Min
Herbert Blomstedt stand bis ins hohe Alter am Pult – hier mit 90 Jahren in Stockholm.

Herbert Blomstedt stand bis ins hohe Alter am Pult – hier mit 90 Jahren in Stockholm.

© Tomas Oneborg/imago

Herbert Blomstedt ist tot. Wie das Leipziger Gewandhaus mitteilte, ist er am Mittwoch im Alter von 99 Jahren gestorben. Laut Berichten seiner Agentur entschlief er zu Hause in Göteborg im Kreis seiner Familie.

Der Schwede war unter anderem Chefdirigent der Staatskapelle Dresden (1975 bis 1985) und Leipziger Gewandhauskapellmeister (1998 bis 2005). Noch im Alter von 90 Jahren spielte er mit dem Gewandhausorchester alle Beethoven-Sinfonien neu ein. Der Ehrendirigent mehrerer Orchester erhielt 2022 das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und wurde 2023 für sein Lebenswerk mit dem „Opus Klassik“ geehrt.

Ein außergewöhnlicher Musiker, bescheiden, gütig

„Mit Herbert Blomstedt verliert das Gewandhausorchester einen der bedeutendsten Dirigenten unserer Zeit, einen außergewöhnlichen Musiker und einen Menschen von seltener Bescheidenheit, Integrität und Güte. Über Jahrzehnte prägte er das musikalische Leben Leipzigs weit über seine Amtszeit als Gewandhauskapellmeister hinaus. Wo immer Herbert Blomstedt das Podium betrat, begegneten ihm Publikum und Orchester mit außergewöhnlicher Zuneigung und tiefem Respekt. Seine Konzerte waren nie Selbstdarstellung, sondern stets ein Dienst an der Musik“, würdigt das Leipziger Gewandhaus sein Lebenswerk.

Reisehighlights

Mehr

Von 1998 bis 2005 war Herbert Blomstedt 19. Gewandhauskapellmeister. Er folgte damals auf Kurt Masur. Während seiner Amtszeit erneuerte er das Orchester behutsam, schärfte den Klang und erweiterte das Repertoire entscheidend – von Bach, Händel, Haydn und Mozart bis hin zu Berwald, Sibelius, Nielsen und Stenhammar. Zudem begründete der Schwede die Mendelssohn-Festtage und stärkte so die internationale Ausstrahlung des Gewandhausorchesters.

Zugleich setzte er Maßstäbe in den Werken von Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Brahms und Bruckner, deren Interpretationen bis heute Referenzcharakter besitzen.

Noch im Jahr seines 90. Geburtstages leitete Herbert Blomstedt die vierwöchige Jubiläumstournee des Gewandhausorchesters zum 275-jährigen Bestehen des Orchesters durch Europa und Asien.

Dirigent Herbert Blomstedt wirkte auch in Dresden.

Dirigent Herbert Blomstedt wirkte auch in Dresden.

© Robert Michael/dpa

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Dirigent hinter dem Eisernen Vorhang in Dresden

Bevor Blomstedt nach Leipzig kam, wirkte er als Chef des NDR-Sinfonieorchesters in Hamburg und in San Francisco sowie als Chef der Sächsischen Staatskapelle in Dresden. 1975 übernahm er in Dresden für zehn Jahre das Dirigentenpult – ein Westeuropäer hinter dem Eisernen Vorhang. Darüber sagte er einmal in einem Interview: „Ich habe sehr gezögert. Ein totalitärer Staat ist nicht das, was ich mir wünsche. Das zeigt, wie groß die Anziehung der Kapelle und der Bevölkerung Dresdens für mich war.“

Dresden und Leipzig seien für Blomstedt die wichtigsten Städte in seiner Biografie gewesen, betonte der Maestro immer wieder. Dort herrsche ein besonderer Geist: „Das Publikum reagiert anders als in Berlin oder München. Man merkt, dass die Leute hören. Mit einer enormen Konzentration und Intensität.“

„Die Musik soll sprechen“

Bis zuletzt dirigierte Herbert Blomstedt mit einer künstlerischen Hingabe und inneren Kraft, die Musikerinnen, Musiker und Publikum gleichermaßen berührten. „Die Musik soll sprechen – ich sehe meine Aufgabe darin, dass die Musik möglichst viel sagt, ich möglichst wenig.“ Blomstedts Credo beschreibt nicht nur ihn selbst am besten, sondern auch seine Demut vor der Musik.

Herbert Blomstedt war eine Ausnahmeerscheinung – Leipzig verliert einen seiner größten Künstler. Seine Musik, sein Geist, seine Zugewandtheit und seine Menschlichkeit werden bleiben, so das Leipziger Gewandhaus. Seinen 100. Geburtstag wollte er eigentlich nächsten Sommer in Leipzig begehen. Drei Konzerte im September musste er jedoch schon aus gesundheitlichen Gründen absagen.

Die Großen Concerte des Gewandhausorchesters unter der Leitung von Andris Nelsons am 5., 6. und 8. November werden seinem Andenken gewidmet sein.  Ein Kondolenzbuch liegt ab Freitag, 6. November 2026, für eine Woche im Hauptfoyer für einen persönlichen Abschied bereit.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner