Klar, eigensinnig und fantasievoll – wie der Ausstellungstitel ist auch das Werk dieses Künstlers. Unter der Überschrift „Lob der Linie – Die ‚Schnepfenthaler Suite‘“ zeigt das Leonhardi-Museum Dresden unweit vom Blauen Wunder in Blasewitz eine Schau mit Arbeiten von Gerhard Altenbourg. Bis zum 7. Februar wird dort das reichhaltige Schaffen Altenbourgs, der am 22. November seinen 100. Geburtstag feiern würde, zu sehen sein.
Der in Schnepfenthal in Thüringen geborene Zeichner, Grafiker und Dichter Gerhard Ströch gab sich seinen Künstlernamen nach der Stadt Altenburg, in der er den größten Teil seines Lebens verbrachte. Gerhard Altenbourg war Dresden, besonders dem Kupferstich-Kabinett und seinem Leiter Werner Schmidt, aber auch Künstlern wie Hermann Glöckner, Albert Wigand und Max Uhlig eng verbunden.
„Das einsschauende Ausschauen“, 1981, Gouache, Aquarell, Pitt-Kreide, Rötel, Sepia, Pastell, Chinesische Tusche auf Bütten
© Galerie Brusberg/Leonhardi-Museum Dresden
Die erste Ausstellung in Dresden fand 1986 zum 60. Geburtstag von Gerhard Altenbourg in den Staatlichen Kunstsammlungen statt, weitere Schauen waren im Museum der Bildenden Künste Leipzig, in der Nationalgalerie der Staatlichen Museen in Berlin (Ost) und im Museum Schloss Burgk in Freital zu sehen. Das Leonhardi-Museum nimmt das Jubiläum nun zum Anlass, mit Lithografien, Holzschnitten, Radierungen und Zeichnungen erneut einen Einblick in das Œuvre dieses großen Künstlers zu geben.
„Wir zeigen alle grafischen Techniken von Altenbourg und außerdem die komplette ‚Schnepfenthaler Suite‘, die aus 100 Radierungen besteht“, sagt Bernd Heise, Leiter vom Leonhardi-Museum. Diese Serie bildet den Schwerpunkt der Ausstellung und wird im großen Saal des Museums gezeigt. Diese Serie ist Altenbourgs umfangreichste und eindringlichste Arbeit, so Heise, ein Spät- und Hauptwerk, das in Dresden zuletzt 1999 in einer Sonderausstellung auf dem Dresdner Kunstmarkt im Schloss zu sehen war. Die Radierungen der „Schnepfenthaler Suite“ entstanden zwischen 1985 und 1988 in enger Zusammenarbeit mit dem Chemnitzer Künstler und Drucker Thomas Ranft, und sie wurde 1989 bei der Edition Brusberg Berlin in nur 14 Exemplaren verlegt.
„Klein, aber kostbar, voll heiterer Wehmut, schmerzender Schönheit und lächelnder Trauer. Ein ironisch gezeichneter Garten der Lüste, ein irdisches Paradies der Liebe. Altenbourgs Himmel und Hölle. Abschluss und Anfang“, schrieb Dieter Brusberg zur „Schnepfenthaler Suite“ nach ihrem Erscheinen 1989. Er nennt diese Bilderserie außerdem ein „großangelegtes erotisches und zugleich ironisches Welttheater en miniature. Die großen Gefühle im kleinen Format. Eine frohgemute, beschwingte Sinnlichkeit lächelt aus diesen Bildern – eine unendliche Seelenfreiheit und Herzenslust“.
In diesen Radierungen und Zeichnungen von Altenbourg begegnet einem in dichter Hängung ein sehr eigentümliches, lebhaft formbewegtes, sich verwandelndes und skurril-feinsinniges Spiel der Sinne. Mal in größeren, mal in handlichen und winzigen Formaten wirken die figürlich abstrahierten Darstellungen – oft in hauchfeinen und prägnanten dunklen Linien auf weißem Grund gezeichnet und von Passepartout umrahmt – wie Fenster in eine andere Welt, vertraut und entrückt zugleich.
Vieldeutige und symbolreiche Arbeiten
Da umgarnen und mischen sich in den Figuren Körper- und Naturformen, sie ranken und sprießen lustvoll aus Wurzeln und Blattspitzen empor. Frauen bezirzen mit ihren Reizen, locken und beflügeln. In weich fließenden und kantigen, sperrigen Formen, mit runden und eckigen Köpfen, in denen manchmal noch jemand sitzt und sich anlehnt, mit offenen, verschlossenen, traurigen oder vergnügten Gesichtern, erscheinen diese Menschwesen. Die Formen erinnern manchmal an übereinandergesetzte Steine oder Schablonen, die selten passen, oft ragt irgendwo ein Teil heraus.
Eine Figur ist mit Schnüren umwickelt und trägt eine Fahne vor dem Kopf. Davor steht eine kleinere Figur auf spitzem Grat ergeben. Wer befiehlt hier wem, ist frei oder unfrei? Das bleibt spannend in der Schwebe. Manchmal stoßen Köpfe und Körper auf den Bildern aneinander, berühren und überlagern sich ihre Linien in einem Moment der Nähe.
Oft klaffen sie aber auseinander, gehen Linien mitten durch die Gesichter oder stehen Linien wie trennende Gitter zwischen den skurril-sonderbaren Figuren, um die herum es brodelt, züngelt, schlängelt und die Mondsichel nur das Gesicht erhellt. Es sind vieldeutige und symbolreiche Arbeiten, die reizvoll und zeitlos mit ihrer Aussagekraft wirken, den Betrachter aber auch fordern, sich auf die formspielerischen, verschmitzten wie hintergründigen, geheimnisvollen Zeichnungen einzulassen und zu ergründen.
„Über ihn gebeugt: die den Faden Spinnende“, 1985, Gouache, Pulverfarbe, Chinesische Tusche, Graphit, Litho-Kreide, Rötel, Sepia, Pastell, Pitt-Kreide auf Bütten
© Galerie Brusberg/Leonhardi-Museum Dresden
Altenbourgs Arbeiten sind sehr von seiner Umgebung, der Thüringer Landschaft, ihren Hügeln, Wäldern und Tälern, beeinflusst. Es ging dem Künstler ebenso um „Benennungen, Bannungen und Heimsuchungen, um Verbergen und Beschwören“, um uralte, mythologische Bezüge, wie auch um die Spuren des Lebens und des Sterbens, die in der Landschaft erkennbar bleiben – so ist in der Ausstellung über sein Werk zu lesen. „Die Lust am Handwerk, am Machen und die Entstehungsprozesse, Finden der Bilder und Selbstfindung, die Gänge in und unter die Haut prägten sein Schaffen“, sagte Jutta Penndorf vom Lindenau-Museum in Altenburg in ihrer Laudatio zur Ausstellungseröffnung im Leonhardi-Museum Dresden.
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Das Lindenau-Museum besitzt den weltweit größten Bestand an Werken von Gerhard Altenbourg. Seine Zeichnungen umfassen drei Themenkreise: die Köpfe, Landschaften und das Szenische, Auftritte der Figuren. Er schöpfte vor allem aus der Natur. Außerdem hat Altenbourg in seinen Arbeiten, die mitunter von bitterem Humor und lustvoller Ironie durchzogen sind, die Schrecken des Krieges aus eigenem Erleben verarbeitet. Besonders eindrücklich, schockierend und berührend spiegeln das seine zeichnerischen Blicke auf und in Köpfe, die sich zu Kopflandschaften steigern, voller Zerklüftung, Deformierung, Untiefen, geisterhaft irrlichternd.
Besonders erschütternd das archaisch und martialisch wirkende Bild voller Natursymbole, Sterne, Kreuze, Federn und Krallen mit dem Titel „Bald ist es aus“ von 1949. Die Bildtitel sind oftmals ironische Kommentare zu seinen Bildern, die zu Lyrik verdichtet besonders miteinander Zwiesprache halten. Darunter Titel wie „Zugeneigt, hingegeben – den Stachel des Traums im Fleisch“, zu einem Paar-Farbholzschnitt auf Bütten von 1979, „Aus dem Quellgrund aus dem Wurzelgrund“ aus demselben Jahr, ein „Schopf überbuscht“ von 1985, „Aus dem Verrinnenden herauf“ von 1983, ein „Angsttraum, dass die Nase länger werden könnte“, die plötzlich überall hinreicht bis tief in die Erde, eine Lithografie von 1949, und ein verletzliches, haltsuchendes Mutter-Sohn-Bild von 1949.
„Bald ist es aus“, 1949, Litho-Kreide auf Litho-Umdruckpapier (Eiweißpapier)
© Galerie Brusberg/Leonhardi-Museum Dresden
Außerdem gibt es wunderbar leichte Zeichnungen und Grafiken von Gerhard Altenbourg in dieser Ausstellung. Wie das Titelbild „Das Vorrücken des Schnees“, in dem weibliche Rundungen und Landschaft in zarten hellen und grauen Tönen und Linien in schwungvollem Bogen miteinander verschmelzen. Wie ein ruhender Körper, sanft ausgebreitet und alles in sich aufnehmend, wirkt es wie eine Liebeserklärung an die Natur und das Schöpferische. Die Gouache auf Bütten von 1978 befindet sich in Privatbesitz in Berlin.
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In reizvollem Kontrast hängen diese luftig-leichten, formspielenden Zeichnungen, die Pappeln, „Einöde und Refugium“ oder eine „Erregt durchdachte Landschaft“ mit chinesischer Tusche und Bleistift auf Bütten von 1964 zeigen, neben den malerisch gewaltigen, urwüchsigen und farbreich opulenten, großformatigen Landschaftsgemälden von Eduard Leonhardi (1828–1905), dem Museumsbegründer und Erbauer dieses architektonischen Kleinods. Er studierte an der Königlichen Kunstakademie Dresden und war als „Maler des deutschen Waldes“ ein Schüler und Freund Ludwig Richters, ebenfalls ein Maler aus der Zeit der Dresdner Romantik.
Seinem Vermächtnis gemäß bewahrt das Leonhardi-Museum sein Werk, widmet sich der Kunst der Vergangenheit und Gegenwart und rückt auch Arbeiten selten gezeigter Künstler in den Blickpunkt. Nachholen lässt sich damit gewiss nichts, aber es will vor geraumer Zeit in einem noch geteilten Land, in Ostdeutschland unter den damaligen Verhältnissen und Umständen Entstandenes zeigen und vergegenwärtigen.
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Gerhard Altenbourg wurde am 22. November 1926 in Rödichen-Schnepfenthal bei Gotha als Sohn des Baptistenpredigers Hugo Ströch und seiner Ehefrau Anna geboren. 1929 zog die Familie nach Altenburg. 1944 wurde der 17-Jährige zum Kriegsdienst einberufen. Sein Bruder Werner fiel 1944 in Finnland. Nach Lazarettaufenthalten in Schreiberhau im Riesengebirge und in Bamberg kehrte Altenbourg im April 1945 nach Altenburg zurück.
Nach dem Kriegsdienst und einigen publizistischen Versuchen studierte er an der Hochschule für Baukunst und Bildende Künste in Weimar, wurde jedoch 1950 wegen „dauernder unentschuldigter Unterbrechung des planmäßigen Studiums“ und seiner politischen Einstufung als „gesellschaftlich ungenügend, völlig indifferent“ vorzeitig exmatrikuliert. Ab 1956 nahm Gerhard Altenbourg an zahlreichen Ausstellungen in beiden Teilen Deutschlands teil, darunter mehrmals bei der Documenta. Sein Künstlerbuch „Wund-Denkmale“, in einer Kassette mit Texten, 28 Holzschnitten und je einer Originalarbeit, erschien in zwei Ausgaben zu je 50 Exemplaren 1984 in Berlin bei der Edition Brusberg und 1986 in Leipzig im Reclam-Verlag.
Gerhard Altenbourg starb am 30. Dezember 1989 an den Folgen eines Autounfalls bei Meißen. 2002 gründete sich die Stiftung Gerhard Altenbourg mit Sitz im ehemaligen Wohnhaus des Künstlers in Altenburg, die seinen Nachlass betreut und Ausstellungen seiner Werke ermöglicht.
Gerhard Altenbourg: Lob der Linie – Die „Schnepfenthaler Suite“. Leonhardi-Museum Dresden, Grundstraße 26, 01326 Dresden. Di–Fr 14–18 Uhr, Sa + So 10–18 Uhr. Bis 7. Februar 2027
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