Hermann Weber ist der bekannteste DDR-Forscher der Bundesrepublik. Als junger Mann war er Kommunist und besuchte die Parteihochschule der SED - darüber schreibt er nun

Deckname "Wunderlich"

Jochen Arntz
5 Min

MANNHEIM, im Februar. Die Picasso-Drucke hat er noch immer. Sie liegen in seiner Mannheimer Wohnung; dort, wo die Heftzwecken steckten, sind kleine Löcher im Papier zu sehen. Dass die Bilder einmal Missfallen erregten, in einem früheren Leben, an einem anderen Ort, ist sicher nicht das Wichtigste, was Hermann Weber in den vergangenen Jahrzehnten widerfahren ist. Aber diese Anekdote führt einen in den Lebenslauf eines Mannes, der wohl der bekannteste DDR-Forscher der Bundesrepublik ist. Ein Historiker, der in der Enquetekommission des Bundestags sitzt und als Nestor der deutschen Kommunismusforschung gilt. Ein Professor, den die Propagandisten im Osten Berlins einst als Lieblingsfeind sahen, weil er die weißen Flecken in der Geschichte der DDR aufzeigte. Weil er keine Ruhe gab. Und doch war er nie ein kalter Krieger, denn die Geschichte im Osten Deutschlands war einst auch seine Geschichte. Die Picasso-Drucke hatte Weber aus Mannheim mit nach Kleinmachnow bei Berlin gebracht, in sein Zimmer in der Parteihochschule der SED. Er musste sie verteidigen, weil Picassos Kunst bald als irregeleitet galt. Das war Ende 1948 und Weber war zwanzig, ein Kommunist aus Mannheim, von dem sich die Partei etwas versprach. Hermann Weber hat nie einen Hehl aus dieser Vergangenheit gemacht und jetzt hat er ihr nachgespürt, hat seine eigene Geschichte erforscht und ein Buch darüber geschrieben. Weber sitzt in seinem Büro in der Mannheimer Universität und sagt, dass er sich schon auf die Lesungen freut. "Damals, als ich Wunderlich hieß", hat er die Erinnerungen an die Jahre 1947 bis 1949 genannt, die im Aufbau-Verlag erscheinen. Denn wie jeder westdeutsche Parteischüler trug auch Weber einen Decknamen. Doch nicht jeder Parteischüler hatte schnell solche Zweifel wie "Wunderlich". "Ernsthaft verliebt"Und nicht jeder hatte solches Glück wie er. "Ich hatte mich ernsthaft verliebt und daher sah für mich die Welt auf einmal ganz anders aus", erzählt Weber über den Frühling 1948. Er spricht von seiner Frau Gerda, die damals auch auf der Parteihochschule "Karl Marx" war, und mit der er seit mehr als fünfzig Jahren verheiratet ist. Gäbe es sie nicht, gäbe es vielleicht auch dieses Buch nicht, an dem sie gemeinsam gearbeitet haben. Gerda Weber hatte ihrem Mann zum 70. Geburtstag ein Heft mit Erinnerungen an die Parteihochschule geschenkt. Und da Hermann Weber oft gedrängt worden war, Memoiren zu schreiben, dachte er, dass er über die Zeit in Kleinmachnow und Liebenwalde - dort war die Parteihochschule im ersten Jahr - etwas sagen könnte. Plötzlich war er das, was Historiker gern als größten Feind ansehen: ein Zeitzeuge. Einer, der sich erinnert, wie schnell er desillusioniert wurde. Und der dann doch wieder als Historiker scharfe Bögen schlägt. So denkt Weber zunächst an eine andere Zeit zurück: "Als Kind einer Kommunistenfamilie war ich ja in der Nazizeit so sozialisiert worden, dass ich stets zurückhaltend sein musste. Ständig sollte ich überlegen, was ich sagen durfte und konnte, immer in der Furcht, als ,Feind aufzufallen. Die eigene Meinung, jede Nonkonformität musste ich geradezu verstecken." Dann kommt er auf die Stalinisierung der SED, auf die Gängelung auf der Schule in Kleinmachnow zu sprechen. "Zurück ins Schneckenhaus zur kriechen, selbst unter Gleichgesinnten auf der Hut zu sein, ja diesmal sogar sich anpassen zu müssen, war eine bedrohliche Aussicht." Und doch blieb er auf der Schule, ging in die Bibliothek, wo er Protokolle der Moskauer Schauprozesse las. Dass es solche Berichte überhaupt in Kleinmachnow gab, hat man Weber Jahrzehnte später, als er für das Buch recherchierte, kaum glauben wollen. Aber es gab sie. Und er fragte sich: "Was ist das für eine Bewegung, die ihre eigenen Leute umbringt?" Als er in den Ferien in Mannheim war, sprach er mit einem alten Kommunisten. "Ich sagte ihm, dass ich eigentlich keine Lust hätte, wieder zur Parteihochschule zu fahren. Er riet mir dringend davon ab, in Mannheim zu bleiben, denn was wolle ich denn hier ohne Ausbildung und Arbeit tun? Seine Argumente überzeugten mich kaum. Wenn ich dennoch zur Parteihochschule zurückging, dann vor allem, weil ich Gerda wieder sehen wollte." Später lebten sie dann gemeinsam im Westen. Sie hatten die Prüfungen in Kleinmachnow abgelegt, die Sache irgendwie hinter sich gebracht und noch immer nicht mit der Partei abgeschlossen. Weber arbeitete als Redakteur für die FDJ-Zeitung "Junges Deutschland". Das brachte ihn und seine Frau schließlich ins Gefängnis. Als die FDJ in der Bundesrepublik verboten wurde, nahm man ihn wegen Vorbereitung zum Hochverrat fest. Er saß Monate in Untersuchungshaft, seine Frau ebenfalls. "Freiheit für Gerda und Hermann Weber" titelte eine KPD-Zeitung. Doch nach der Haft brachen die Eheleute mit der Partei. Die Ereignisse des 17. Juni 1953 waren ihnen ein letztes Zeichen gewesen. Sie nahmen kein Blatt mehr vor den Mund, die KPD schloss sie aus. "Der Bruch war vollzogen", sagt Weber, "der Genosse Wunderlich eine kurze historische Episode." So sieht es der Historiker, der Zeitzeuge Weber sagt: "Wir waren arm und ich hatte ja keinen Beruf." Und dann erzählt er vom Neuanfang in Mannheim. Gerda Weber verkaufte Staubsauger, Hermann Weber versuchte sich als Anzeigenwerber für Zeitungen. Dass er zu einem bekannten Historiker werden sollte, war nicht gleich abzusehen. Er beteiligte sich an einem wissenschaftlichen Preisausschreiben der Evangelischen Akademie, es ging um Friedrich Engels. Die Jury bewertete die Aufsätze, ohne zu wissen, wer sie verfasst hatte. Weber hatte als Chiffre "Antaris" gewählt. Er gewann den Preis. Von da an stieg sein Stern. Aber das wäre Stoff für ein weiteres Buch.GUDRUN KEESE Historiker in eigener Sache - der Kommunismusforscher Hermann Weber.

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