Überführung

Historischer Umzug: Kultzug „Vindobona“ kommt zurück nach Sachsen

Der legendäre „Vindobona“ erreicht am Sonntag unter Jubel seinen neuen Standort in Radebeul bei Dresden. Mehr als 800 Eisenbahnfans feiern die Ankunft des historischen Zuges.

5 Min
Der „Vindobona“ kehrt nach Radebeul zurück: Zahlreiche Besucher wollten ein Foto von der historischen Ankunft in Radebeul schießen.

Der „Vindobona“ kehrt nach Radebeul zurück: Zahlreiche Besucher wollten ein Foto von der historischen Ankunft in Radebeul schießen.

© Matthias Stark

Ein außergewöhnliches Kapitel deutscher Eisenbahngeschichte schreibt sich am Sonntag, dem 14. Juni, ein Stück weiter: Der historische SVT 18.16, besser bekannt unter seinem berühmten Zugnamen „Vindobona“, wurde an seinen neuen Standort nach Radebeul überführt. Für die Mitglieder der SVT Görlitz gGmbH ist dies weit mehr als ein logistischer Vorgang – es ist ein weiterer Meilenstein auf dem langen Weg, den legendären Zug wieder dauerhaft auf die Schiene zu bringen.

Dem Ereignis beiwohnen konnten bis zu 800 Interessierte, gekommen sind offenbar weit mehr. Unter ihnen sind ehemalige und aktive Eisenbahner, Eisenbahnfreunde und sogar Modelleisenbahner. Und sie sind aus allen Ecken angereist, aus Ostsachsen genauso wie aus dem Vogtland. Erwartungsvoll freuen sich die Zuschauer auf das Ankommen. Als der Zug mit Schrittgeschwindigkeit sein Ziel erreicht, bricht Jubel und Beifall aus.

Auffällig ist, dass unter den Gästen zahlreiche Eisenbahner in der Uniform der Deutschen Reichsbahn zu sehen sind. Das ist weit mehr als eine Reminiszenz an den ehemaligen Beruf. Nicht zufällig fällt das Datum der Überführung des Schmuckstücks „Vindobona“ auf den ehemaligen „Tag des Eisenbahners“ der DDR, der am zweiten Sonntag im Juni gefeiert wurde.

Jörg Schramm, Teamleiter Elektro, bei der Ankunft in Radebeul.

Jörg Schramm, Teamleiter Elektro, bei der Ankunft in Radebeul.

© Matthias Stark

Der Name „Vindobona“ – die lateinische Bezeichnung für Wien – steht seit 1957 für eine der prestigeträchtigsten internationalen Zugverbindungen Europas. Die Verbindung führte von Berlin über Dresden und Prag bis nach Wien und war in Zeiten des Kalten Krieges weit mehr als nur ein Verkehrsmittel. Sie symbolisierte Austausch und internationale Verbindungen über politische Grenzen hinweg. Der von VEB Waggonbau Görlitz entwickelte Schnelltriebwagen galt damals als technologische Spitzenleistung der Deutschen Reichsbahn. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 160 Stundenkilometern und einem Bordservice nach internationalen Standards setzte der SVT 18.16 Maßstäbe.

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Dass dieses Stück Industriegeschichte heute überhaupt noch existiert, ist dem Engagement zahlreicher Ehrenamtlicher zu verdanken. Seit der Gründung der SVT Görlitz gGmbH im Jahr 2019 verfolgen sie das Ziel, einen originalen SVT 18.16 nicht lediglich museal zu erhalten, sondern ihn wieder fahrfähig zu machen. Unterstützt wird das Projekt durch Fördermittel des Bundes, des Freistaates Sachsen und des Landes Sachsen-Anhalt in Höhe von rund fünf Millionen Euro sowie durch Spenden und Eigenleistungen von mehr als einer Million Euro.

Die eigentliche Restaurierungsarbeit leisten jedoch vor allem Ehrenamtliche. Mehr als 80.000 Arbeitsstunden sind bereits in die Aufarbeitung geflossen. Ingenieure, Handwerker, Lokführer und Eisenbahnfreunde arbeiten seit Jahren daran, die komplexe Technik aus den 1960er-Jahren wieder betriebsfähig zu machen. Dabei müssen zahlreiche Bauteile nachgebaut werden, weil Ersatzteile längst nicht mehr verfügbar sind. Über 4.000 historische Konstruktionszeichnungen und Herstellerunterlagen konnten recherchiert, digitalisiert und für die Restaurierung genutzt werden.

Umzug in eigens gebaute Halle

Die Überführung nach Radebeul besitzt dabei eine besondere Bedeutung. Nachdem der bisherige Standort aufgegeben werden musste, benötigte der rund 145 Meter lange Zug eine neue Heimat. Diese wurde auf dem Werksbahngelände der Firma Arevipharma in Radebeul gefunden. Dort entstand eigens eine etwa 150 Meter lange Halle, nachdem zuvor Gleise saniert sowie umfangreiche Bau- und Beräumungsarbeiten durchgeführt worden waren. Die zusätzlichen organisatorischen und finanziellen Herausforderungen waren beträchtlich, doch sie schaffen nun die Voraussetzungen für die weitere Fertigstellung des Zuges.

Der Weg bis zur Wiederinbetriebnahme war allerdings von Rückschlägen begleitet. Erst kürzlich wurde bei einer Werkstattfahrt ein Motorschaden festgestellt. Zwei Kolben wiesen erhebliche Probleme auf und mussten ausgetauscht werden. Auch Heizkessel, Rohrleitungen und zahlreiche elektrische Komponenten wurden im Laufe der Restaurierung erneuert oder modernisiert. Gleichzeitig erfolgten Anpassungen an heutige Sicherheitsanforderungen, darunter geschlossene WC-Anlagen, Türblockierungen und moderne elektronische Steuerungstechnik. Dennoch bleibt der historische Charakter des Zuges erhalten.

Geschäftsführer Mario Lieb beschreibt die Dimension der Aufgabe treffend: „Wir wollen den Zug zum Laufen bringen.“ Zugleich verweist er auf die technische Komplexität: „Unser Motor hat mehr Teile als eine Dampflok.“ Sein Ziel ist jedoch klar: Der SVT 18.16 soll wieder Menschen begeistern und als Botschafter mitteldeutscher Industriekultur unterwegs sein. Jörg Schramm, der als Teamleiter für alles Elektrische im Zug verantwortlich ist, schaut bei der Ankunft in Radebeul aus dem Zugfenster. Er ist glücklich. Für ihn war es eine tolle Überführungsfahrt. „Es ging alles gut, kaum Verzögerungen“, berichtet er.

Der VT18.16. ist nun in Radebeul zu Hause.

Der VT18.16. ist nun in Radebeul zu Hause.

© Matthias Stark

Die Zulassung für touristischen und musealen Verkehr liegt bereits vor. Fahrten in die Tschechische Republik sind möglich, weitere internationale Zulassungen befinden sich in Vorbereitung. Im zweiten Halbjahr 2026 sollen schließlich die ersten regulären Sonderfahrten stattfinden, sie können bereits gebucht werden. Rund 50 Einsatztage pro Jahr sind geplant. Strecken wie Berlin–Dresden–Prag könnten damit erneut zum Schauplatz eines historischen Reiseerlebnisses werden.

Die Überführung nach Radebeul markiert einen symbolträchtigen Schritt. Sie zeigt, dass aus einer Idee von Eisenbahnbegeisterten inzwischen ein bedeutendes Kultur- und Technikprojekt geworden ist. Der „Vindobona“ steht heute nicht nur für nostalgische Erinnerungen, sondern auch für den Erhalt ostdeutscher Ingenieurskunst und für das außergewöhnliche Engagement vieler Menschen, die mit Zeit, Wissen und Leidenschaft dafür sorgen, dass ein einzigartiges Stück Eisenbahngeschichte wieder in Bewegung kommt. Interessierte konnten sich in Radebeul eine Rundfahrt buchen. Das haben zahlreiche Eisenbahnbegeisterte dann auch getan.

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