Kultzug

„Vindobona“ kehrt zurück nach Radebeul: Deshalb verzögerte sich die Überführung

Der historische Schnelltriebwagen SVT 18.16, bekannt als „Vindobona“, soll aus Halberstadt nach Radebeul überführt werden. Der ursprüngliche Termin im Mai war geplatzt.

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Das Design des Kultzuges stammt von Hans Gutheil und Günter Köhler (1929–1988). Die Serientriebwagen erhielten Motoren mit 1000 PS.

Das Design des Kultzuges stammt von Hans Gutheil und Günter Köhler (1929–1988). Die Serientriebwagen erhielten Motoren mit 1000 PS.

© Rene Plaul

Am 14. Juni 2026 um 13 Uhr wird der restaurierte DDR-Schnelltriebwagen vom Typ SVT 18.16 in Radebeul erwartet. Das bestätigte Mario Lieb, ehrenamtlicher Geschäftsführer der SVT Görlitz gGmbH, gegenüber der OAZ. Einen Tag zuvor übergibt das Halberstädter Unternehmen VIS (Verkehrs Industrie Systeme GmbH) den Zug an die gemeinnützige Gesellschaft, die seit rund acht Jahren an der Wiederinbetriebnahme arbeitet.

Auf dem Gelände des Chemieunternehmens Arevipharma an der Forststraße in Radebeul in der Nähe von Dresden steht bereits seit einem Jahr ein eigens errichteter Lokschuppen bereit. Von dort aus soll der einst im Waggonbau Görlitz gefertigte Zug zu touristischen Sonderfahrten starten – geplant sind bis zu fünfzig Fahrten pro Jahr im In- und Ausland. Das Dresdner Reisebüro Maertens bietet bereits jetzt Sonderfahrten mit dem „Vindobona“ an. Ziele der mehrtägigen Reisen sind Prag und Karlsbad, Köln und das Rheintal, Hamburg und Sylt sowie Usedom und Heidelberg. Pro Person werden für die jeweilige Fahrt sowie die Übernachtungen im Hotel rund 1.000 Euro fällig.

Zur Ankunft des Kultzuges an diesem Sonntag öffnet die SVT Görlitz gGmbH das Gelände von 13 bis 17 Uhr für Besucher; für Kinder wird eine Hüpfburg aufgebaut. Da weder auf dem Areal noch in der Umgebung Parkplätze zur Verfügung stehen, empfiehlt Lieb die Anreise mit der Straßenbahnlinie 4 oder der S-Bahn.

Kolbenfresser bei Probefahrt entdeckt

Ursprünglich war die Überführung für Ende Mai vorgesehen. Doch bei einer Werkstattfahrt in Halberstadt trat ein Maschinenschaden auf: Zwei der zwölf Kolben des Dieselmotors machten Probleme. „Die Ursache ist unbekannt“, berichtet Lieb. Vermutlich habe eine unzureichende Schmierung dazu geführt, dass ein Kolben in der Laufbuchse nicht mehr richtig gleiten konnte und die Kolbenringe ihre Beweglichkeit verloren. Bemerkt wurde der Defekt erst, als im Maschinenraum weißer Rauch aufstieg.

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Wie der Zug selbst stammt auch der Motor aus dem Jahr 1968. Ein neuer Kolben und eine neue Laufbuchse werden eingebaut. Unterstützung kommt von der ITL Eisenbahngesellschaft aus Pirna, wo nach Angaben von Lieb noch eine Diesellok mit dem gleichen Motortyp im Dienst ist. Zwei junge Mitarbeiter der ITL, Florian Förster und Paul Poser, wurden in der Pirnaer Werkstatt an den historischen Motoren ausgebildet und kümmern sich um die Schadensbeseitigung. Beide haben sich große Teile ihres Wissens im Selbststudium erarbeitet.

Frostschäden und Neuteile

In den vergangenen Wochen wurde in Halberstadt allerdings nicht nur am Motor gearbeitet. Bei der Übernahme durch die SVT Görlitz gGmbH waren zwar alle technischen Einrichtungen vorhanden, eine Inspektion förderte jedoch zahlreiche Mängel zutage. Alle vier Heizkessel waren durch einen Frostschaden unbrauchbar geworden und mussten ersetzt werden.

Auch rund neunzig Prozent der Rohrleitungen wurden komplett erneuert. Bei früheren Probefahrten waren zudem Probleme mit den Drehgestellen und nicht richtig schließenden Waggontüren aufgetreten, die inzwischen behoben sind.

Schick und bequem: In den Waggons nehmen schon bald Fahrgäste Platz. Die ersten Sonderfahrten sind bereits buchbar.

Schick und bequem: In den Waggons nehmen schon bald Fahrgäste Platz. Die ersten Sonderfahrten sind bereits buchbar.

© Rene Plaul für Ostdeutsche Allgemeine

Hinzu kamen Detailarbeiten: Da man mit den übernommenen Lampen aus Pressglas nicht zufrieden war, wurden Leuchten nach historischen Fotos neu angefertigt. Bei einem elektronisch umgerüsteten Ladespannungsregler traten Störungen durch Spannungsspitzen auf, die ebenfalls korrigiert werden mussten.

Distanz erschwerte Reparaturen

Für Lieb hat die Überführung nach Radebeul auch einen praktischen Hintergrund: Die Entfernung zwischen dem aktuellen Standort in Halberstadt und der Werkstatt der ITL in Pirna ist groß. Allein für die Anfahrt der Spezialisten geht ein halber Arbeitstag verloren. „Es wird Zeit, dass der Zug nach Radebeul kommt“, so Lieb. Vom Elbland aus müssten die Techniker im Reparaturfall nur wenige Kilometer fahren.

Die Wiederinbetriebnahme wird vom Bund, dem Freistaat Sachsen und dem Land Sachsen-Anhalt mit rund fünf Millionen Euro gefördert. Die SVT Görlitz gGmbH wurde 2019 gegründet, um einen originalen SVT 18.16 wieder fahrfähig zu machen. Zunächst wird eine Grundeinheit aus Triebwagen, Speisewagen sowie Wagen der 1. und 2. Klasse hergerichtet, später sollen zwei weitere Wagen folgen.

Prestigezug der Deutschen Reichsbahn

Der SVT 18.16 galt einst als Prestigezug der Deutschen Reichsbahn im internationalen Verkehr. Mit stromlinienförmiger Front und markanter Nase war er zur Bauzeit ein technisches Novum. Zwischen 1963 und 1968 wurden acht Züge dieses Typs im Waggonbau Görlitz gefertigt, von denen heute nur noch drei in Teilen erhalten sind.

Der Schnelltriebwagen war für eine Höchstgeschwindigkeit von 160 Kilometern pro Stunde zugelassen und verband unter anderem Berlin über Dresden und Prag mit Wien – daher der Name „Vindobona“. Bis 2003 war der Zug im Museumsverkehr unterwegs, dann fehlte die Finanzierung für den Weiterbetrieb. Über zwanzig Jahre stand er still.

Zugverrückte Ehrenamtler wie Olaf Brei
              
              haben den originalen SVT 18.16 in liebevoller Detailarbeit restauriert.

Zugverrückte Ehrenamtler wie Olaf Brei haben den originalen SVT 18.16 in liebevoller Detailarbeit restauriert.

© Rene Plaul  für Ostdeutsche Allemeine

Getragen wird das Projekt von einem Team ehrenamtlicher Mitarbeiter, darunter der Lokführer Klaus Thiele, der Berliner Industriemechaniker Olaf Brei, der für seine Arbeit am Zug Urlaub nimmt, sowie der sächsische Elektrik-Teamleiter Jörg Schramm aus Frankenberg.

Schramm fertigte einen für die Zugküche benötigten Schaltschrank in seinem heimischen Hauswirtschaftsraum an – er wandelt die 110-Volt-Gleichspannung des Zuges in Wechselspannung um, wobei bei 12 Kilowatt rund 160 Ampere fließen. Nun sind alle auf die Rückkehr des Kultzuges nach Radebeul gespannt - und drücken die Daumen, dass der Zug das Ziel am Sonntag unbeschadet erreicht.

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