Historisches Einkaufen

Nikolaus Bernau
4 Min

Architekturformen sind eine Sprache. Man muss sie verstehen und lesen lernen, wie man Englisch oder Latein lernt. Aber dann ist der Klang von Gebälken und Säulen, Glashäuten und Stahlteilen verständlich und auch, ob er sinnvoll oder unsinnig ist, ob er gut, schlecht oder langweilig klingt. Auf dem Berliner Schlossplatz droht allerdings derzeit eine neue Sprach- und Verständnislosigkeit.Wenigstens, wenn es nach den Planern - einzelnen? vielen? der Mehrheit? - im Bundesbau- und im Bundesfinanzministerium geht. Sie bereiten derzeit den Investoren- und der Architektenwettbewerb für den Schlossplatz vor, der im März ausgeschrieben werden wird. Hier soll ein Neubau für das von den Staatlichen Museen, der Humboldt-Universität und der Landesbibliothek geplante "Humboldt-Forum" entstehen. 80 Prozent der Flächen des Neubaues, so hat es der Bundestag beschlossen, werden kulturellen Zwecken dienen, 20 Prozent "kulturnahen" wie Buchläden, Restaurants, Galerien. Umhüllt werden soll das Ganze mit den rekonstruierten Barockfassaden des Berliner Schlosses, deren Finanzierung von Spendern und Sponsoren erwartet wird.Doch in den Ministerien werden derzeit zwei Varianten erwogen: Einmal wird der Neubau geplant wie vom Parlament gewünscht, mit 80 Prozent kultureller Nutzung. Und dann ein Neubau, vollständig als kommerzielle Angelegenheit betrieben und also von kommerziellen Investoren errichtet. Von denen kann der Staat die Flächen dann ja für die Museen mieten, wird behauptet. Doch haben Investoren schon bei einem "Interessebekundungsverfahren" 1997/98 ihre Preise kalkuliert, etwa 43 Euro pro Quadratmeter, also so viel wie für Büros in erster Lage. Solche Mieten kann der Staat nicht zahlen. Die zu Recht gefeierte Idee des Humboldt-Forums wäre bei einer privaten Finanzierung des Neubaus also gestorben. Aber möglicherweise geht es schon gar nicht mehr um Nutzungen, sondern nur noch um die Fassaden. Der Vorschlag, den Neubau und also mindestens 590 Millionen Euro privat zu finanzieren, ist nicht neu. Jahrelang warb Wilhelm von Boddien damit, hier Hotels, Geschäfte, Festsäle und Büros zu etablieren. Auch wenn Boddien inzwischen für die Museen ficht: die Gesellschaft Historisches Berlin wird sich Anfang Februar vom Hamburger Investor ECE das Projekt Braunschweiger Schloss vorstellen lassen. Auch in Braunschweig wurde viel gesprochen von Kultur und Identität und Stadtmitte. Entstehen aber wird eine gigantische Shopping-Mall, der die klassizistische Fassade Karl Ottmers vorgeblendet wird. Das droht nun auch Berlin. Die Wut des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, auf die Bundesplaner ist also nur zu berechtigt. Er muss sich vorgeführt fühlen. Denn Lehmann hat angesichts der Unwilligkeit des Bundestages, seinen Schlossfassadenbeschluss finanziell zu unterfüttern, den Platzanspruch der Museen auf nur noch 65 Prozent des Neubaues reduziert. Schließlich sollen die Sammlungen aus ihrem Dahlemer Exil befreit werden. Dafür ist Lehmann sogar bereit, eine der großen geistigen Neuerungen des Humboldt-Forums aufzugeben, das "Gläserne Depot". Erstmals in der Berliner Museumsgeschichte sollten die Besucher selbst aus den Schätzen auswählen können, nicht mehr völlig abhängig sein von den Kuratoren. Eine urdemokratische Idee, die in Großbritannien oder jetzt gerade im New Yorker Brooklyn-Museum triumphiert. Lehmann würde sie opfern, Hauptsache, der Neubau kommt. Doch 35 Prozent Kommerz, das sei für ihn die absolute Grenze.35 Prozent Kommerz, dass sind 15 Prozent weniger Kultur als vom Bundestag versprochen. Und gar keine Rede ist in dem Bundestagsbeschluss von einer vollständigen Kommerzialisierung des Ortes. Das wäre auch widersinnig. Denn die Schlossfassaden artikulieren mit ihren Würdeformeln, in allen Säulen, Reliefs und Gesimsen, einen Anspruch, den die Monarchie stellte und den man - wenn man nicht heikel ist - auch für Kunst und Wissenschaft stellen kann. Doch allen Zwecken sollen diese Formeln nicht dienlich sein. Eine Rekonstruktion, die den Verlust des Schlosses ausgleichen möchte durch einen Zugewinn an Einkaufsmöglichkeiten, ist Betrug an der architektonischen Sprache Schlüters, Eosanders, Schinkels, Stülers und Ihnes.------------------------------Die Schlossfassaden artikulieren mit allen Säulen, Reliefs und Gesimsen einen Anspruch, den die Monarchie stellte und den man auch für Kunst und Wissenschaft stellen kann.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner