BERLIN, 1. Januar. Die Ärzteschaft hat die Bundesregierung trotz absehbarer weiterer Ausgabensteigerungen vor einem radikalen Umsteuern im Gesundheitswesen gewarnt. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, kritisierte im Gespräch mit der "Berliner Zeitung" insbesondere Pläne von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), den Krankenkassen mehr Spielraum für individuelle Verträge mit niedergelassenen Ärzten einzuräumen. "Kaltes betriebswirtschaftliches Denken, das wir aus anderen Bereichen kennen, hat im Gesundheitswesen nichts zu suchen", betonte der Ärzte-Präsident.Die Mediziner gehen Hoppe zufolge von einem steigenden Geldbedarf für das Gesundheitswesen aus. Zu einer ehrlichen Diskussion über eine ausreichende Finanzierung des Systems gehöre die Einsicht, dass "die Ausgaben nicht willkürlich begrenzt werden können", so der Ärzte-Präsident. Seiner Einschätzung nach werden die wachsende Zahl älterer Menschen und der medizinische Fortschritt den Ausgabendruck erhöhen. Davor dürfe man "die Augen nicht verschließen"."Ein Kostenblock unter vielen" Ausdrücklich begrüßte Hoppe das Abrücken der Bundesregierung von ihrem Vorhaben, die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung möglichst stabil zu halten. Erst vor kurzem hatte Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) bezweifelt, ob ein solches Dogma auf Dauer überhaupt das richtige Ziel sein könne. "Dass nun ausgerechnet der Wirtschaftsminister sich an dieses Tabu heranwagt, sollte uns hoffnungsfroh stimmen", sagte der Ärzte-Präsident.Er bemängelte, dass in der gegenwärtigen gesundheitspolitischen Diskussion "jede noch so moderate Beitragserhöhung in der gesetzlichen Krankenversicherung als Anschlag auf den Wirtschaftsstandort Deutschland betrachtet" werde. Dabei sei der Beitragsanteil der Arbeitgeber "nur ein Kostenblock unter vielen, der bei einer Gesamtbetrachtung der Lohnnebenkosten prozentual nicht sonderlich ins Gewicht fällt".Hoppe betonte, dass "weder durch eine Ausdehnung der Versichertenpflichtgrenze noch durch eine Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenze" die Finanzprobleme der Krankenkassen zu lösen seien. Weiterhin sei eine erhöhte Zuzahlung der Versicherten nur in sozialverträglichen Grenzen möglich. Deshalb begrüße die Ärzteschaft nachdrücklich, dass die Bundesgesundheitsministerin eine Überprüfung des Leistungskatalogs der Krankenkassen auf die politische Agenda gesetzt habe.Massiv kritisierte Hoppe, dass die Gesundheitsministerin individuelle Verträge der Krankenkassen mit Arztpraxen stärker forcieren will. "Entscheidend ist und bleibt der medizinische Versorgungsbedarf und nicht das ökonomische Interesse der Krankenkassen", sagte er. "Patienten sind keine Kunden, sondern Bedürftige mit dem berechtigten Anspruch auf qualitativ hoch stehende medizinische Versorgung. " Angesichts lauter werdender Stimmen im Regierungslager, die Sicherstellung der ambulanten Versorgung von den Ärztevereinigungen auf die Krankenkassen zu übertragen, warnte Hoppe: Ein solcher Systembruch werde dazu führen, dass die "flächendeckende und wohnortnahe Behandlung und Betreuung der Patienten ein für allemal passee" wäre. Kranke müssten dann fürchten, den Arzt ihres Vertrauens zu verlieren, wenn dieser keinen Vertrag mit der Krankenkasse des Patienten geschlossen habe.Einschränkung der Arztwahl Die von Ministerin Schmidt angestrebte Sonderrolle für die Hausärzte als Lotsen im Gesundheitswesen werden diese nach Ansicht von Hoppe "nur dann nachhaltig ausfüllen können, wenn die Patienten das Gefühl haben, in ihrer Entscheidung frei zu sein". Kranke dürften daher "nicht dazu gezwungen werden, zunächst den Hausarzt aufzusuchen, bevor sie einen Spezialisten konsultieren", so der Ärzte-Präsident. "Das wäre das Ende der freien Arztwahl und der Beginn einer neuen Bevormundung. " Durch eine Zunahme verbindlicher Behandlungsleitlinien, wie sie jetzt in den neuen Programmen für chronisch Kranke eingeführt werden, werde der Spielraum für individuelle Therapien weiter eingeengt, fürchtet Hoppe. Dies könne sich negativ auf den Behandlungserfolg auswirken. "Ich habe den Eindruck, dass einige der Befürworter dieser Programme am liebsten Checklisten anlegen würden, die von den Ärzten abzuarbeiten wären", sagte er. "Dann bräuchten wir allerdings keine Ärzte mehr. Denn mit dem Arztberuf ist untrennbar die Freiheit verbunden, im Gespräch mit dem Patienten nach der individuell richtigen und Erfolg versprechenden Therapie zu suchen. "CARO/RUFFER Hausärzte sind in der Regel der erste Ansprechpartner der Patienten.
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