Essay

Über den Gebrauch des Ostens

Beobachtungen nach sieben Jahren im Mediengeschäft auf dem Weg aus der Tür.

14 Min
Holger Friedrich im ehemaligen Büro von Joachim Gauck, Marianne Birthler und Roland Jahn, den früheren Chefs der Stasi-Unterlagenbehörde.

Holger Friedrich im ehemaligen Büro von Joachim Gauck, Marianne Birthler und Roland Jahn, den früheren Chefs der Stasi-Unterlagenbehörde.

© Privat

Es gibt Tage, da scheinen sich die großen deutschen Medien über Ostdeutschland abzusprechen. Sie tun es natürlich nicht, doch es wirkt so. Dann erscheinen in mehreren überregionalen Zeitungen Geschichten, die sich in Auswahl, Tonfall und Deutung verblüffend ähneln. Obwohl mir der Osten, den sie beschreiben, in dieser Geschlossenheit kaum in der Realität begegnet. Tatsächlich hier aufgewachsen und nach wie vor lebend. In den Beschreibungen erscheint er als fremd, problematisch, renitent und latent radikal – als wäre die Welt so einfach. Hier die Guten, dort die Bösen.

Der 7. Juli dieses Jahres war ein solcher Tag.

Der Tagesspiegel berichtete über einen Berliner, der nach Fürstenwalde gezogen sei und diesen Schritt bitter bereue: „Der Osten Deutschlands ist eine andere Welt.“ Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlichte ein Interview über die Radikalisierung ostdeutscher Jugendlicher, über Hitlergrüße, Hakenkreuze und eine Jugendliche, die während einer Haftstrafe Kontakt zu Beate Zschäpe gehabt haben soll. Die Süddeutsche Zeitung beschäftigte sich mit der AfD und zeichnete das Bild eines Ostens, dessen politische Präferenzen vor allem aus Ressentiments und Fremdenfeindlichkeit erwüchsen. Berichtet von einem Ostdeutschen. Nun gut, dann wird es wohl so sein.

Jeder Beitrag mag für sich journalistisch stimmig daherkommen. Bemerkenswert sind Gleichzeitigkeit und Richtung, vor Landtagswahlen in Ostdeutschland und Berlin. In meiner Familie, bei Freunden und im beruflichen Umfeld sehe ich diese „andere Welt“ nicht. Sicherlich, das beweist nichts: Rechtsextremismus, Rassismus und Radikalisierung existieren, im Osten wie zunehmend im Westen. Doch wie repräsentativ sind jene Geschichten, aus denen fortlaufend das Bild Ostdeutschlands gezeichnet wird, tatsächlich?

Eine ähnliche Kluft erlebe ich, wenn Freunde, Kollegen oder Angehörige mir Artikel über meine Person oder das Umfeld der Ostdeutschen Medienholding (OMH) zusenden. Ihre Reaktion ist oft Ratlosigkeit: Auslassungen, Assoziationen und Zuspitzungen erzeugen ein Bild, das mit ihrer und meiner Wirklichkeit kaum übereinstimmt. Einfach gemacht: Lügenpresse! Aber so einfach ist die Welt nicht. Wir sprachen schon darüber.

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Zugespitzte Kommentare, Wertungen und Irrtümer

Die Meinungs- und Pressefreiheit ist für eine offene Gesellschaft unverzichtbar. Sie schützt sorgfältige Recherche ebenso wie zugespitzte Kommentare, Wertungen und Irrtümer. Doch gerade deshalb sollten Medien kritisiert werden, wenn sie doppelte Maßstäbe anwenden oder die Grenzen eines fairen Miteinanders systematisch überschreiten.

So mussten wir erst kürzlich erleben, wie ein Mitarbeiter der OMH gezielt diskreditiert wurde und die Meinungsfreiheit als Schutzschild für unwahre Behauptungen diente. Denn das Presserecht nimmt in Abwägung der Rechtsgüter den Kollateralschaden einer zerstörten Reputation und hohe Folgekosten für die Familie zugunsten des Schutzes der Meinungs- und Pressefreiheit in Kauf. Nur, was geschieht, wenn sich eine Vielzahl individueller Schäden zu einer kollektiven Erfahrung verdichten?

Aus einem Eindruck, den ich vor sieben Jahren mit ins Mediengeschäft brachte, ist für mich mittlerweile Gewissheit geworden: Über Ostdeutschland hat sich eine Erzählung verfestigt. Sie besteht selten aus nachweislich falschen Tatsachen. Ihre Wirkung entsteht durch Auswahl, Gewichtung und Wiederholung. Bestimmte Themen kehren zuverlässig wieder, andere finden kaum statt. So bildet sich eine geschlossene Erzählung, eine virtuelle Realität, in der der Osten vor allem als gesellschaftliche Problemzone erscheint.

Mich beschäftigt deshalb weniger, ob einzelne Geschichten stimmen. Mich beschäftigt ihre Summe – und die Motivation, mit der sie ausgewählt, verbunden und wiederholt werden. Längst geht es nicht nur um den Ruf einzelner Menschen oder Regionen. Es geht um die Frage, wie eine Gesellschaft über einen Teil ihrer selbst nach dem Mauerfall zu sprechen begann und wie dieser Teil über 35 Jahre darauf reagiert. Erzählungen wurden so zur Grundlage von Politik, was niemanden ernsthaft überraschen sollte.

Der Preis einer Erzählung

Hinter dieser Entwicklung steckt kein großer Plan und keine koordinierte Strategie. So funktionieren Medien nicht. Redaktionen arbeiten unabhängig, Journalisten verfolgen unterschiedliche Interessen, jede Redaktion trifft ihre eigenen Entscheidungen. Geschlossene Geschichten entstehen nicht durch Absprachen, sondern weil ähnliche Milieus ähnliche Fragen stellen, ähnliche Quellen nutzen und ähnliche Antworten plausibel finden. Hinzu kommt, dass Klischees eine praktische Arbeitsgrundlage bieten. So entsteht ein Deutungsrahmen, der nicht offen, sondern selbstreferenziell wirkt.

Das ist kein ausschließlich ostdeutsches Phänomen. Jede Gesellschaft erzählt Geschichten über sich selbst. Problematisch wird es, wenn diese Geschichten die Wirklichkeit nicht nur beeinflussen, sondern sie zu ersetzen beginnen. Der Osten steht dann für Demokratieverdrossenheit, Fremdenfeindlichkeit, Autoritätssehnsucht oder eine vermeintlich unvollendete Aufarbeitung der DDR. Jede neue Geschichte fügt sich in das vorhandene Bild ein und scheint es zu bestätigen. Ob es aus Faulheit oder Feigheit vor dem Diskurs passiert, spielt keine Rolle. Das Ergebnis wirkt über Zeit toxisch und verherrt gesellschaftliche Standards.

Geschlossene Erzählungen müssen nicht falsch sein, um irreführend zu wirken. Es genügt, wenn sie konsequent nur einen Teil der Wirklichkeit zeigen. Wer lange genug ausschließlich über Flugzeugabstürze berichtet, vermittelt den Eindruck, Fliegen sei lebensgefährlich, obwohl die Statistik das Gegenteil belegt. Nicht der einzelne Bericht erzeugt die Verzerrung, sondern die Auswahl.

Mit Ostdeutschland verhält es sich bisweilen ähnlich.

Einerseits: Rechtsextremismus und demokratiefeindliche Milieus erfordern Aufmerksamkeit, Kritik und Widerspruch.

Andererseits: Dasselbe gilt für wirtschaftliche Innovationskraft, gesellschaftlichen Zusammenhalt, ehrenamtliches Engagement und die Erfahrung einer Region, die innerhalb weniger Jahrzehnte zwei tiefgreifende Transformationen bewältigen musste und aus den Erfahrungen sowie der aktuellen Politik von CDU und SPD eine dritte Transformation antizipiert.

Aus dieser Erfahrung lässt sich manches über jene dritte Transformation lernen, die ganz Deutschland bevorsteht. Trotzdem finden diese Themen seltener den Weg in Feuilletons, auf Titelseiten oder in die kleinen Kreise gestaltender Macht in Politik und Unternehmen. Angesichts der Herausforderungen des Landes wirkt das wie grobe Verschwendung menschlicher Erfahrung.

Simple Manipulationsmuster

Die Asymmetrie zwischen gelebter Erfahrung und öffentlicher Wahrnehmung bleibt sicher nicht folgenlos. Wer sich in der Beschreibung seiner Lebenswirklichkeit nicht wiedererkennt, verliert nicht nur Vertrauen in einzelne Medien. Er beginnt, den Institutionen insgesamt zu misstrauen, die diese Beschreibungen hervorbringen oder übernehmen. Aus der Kritik an einem Artikel wird Skepsis gegenüber dem System öffentlicher Meinungsbildung.

Denn Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass Berichterstattung positiv ausfällt. Es entsteht dort, wo Menschen den Eindruck gewinnen, dass ihre Wirklichkeit mit derselben Sorgfalt betrachtet wird wie die anderer. Diese Erwartung ist weder ost- noch westdeutsch. Auch nicht links- oder rechtsgerichtet. Sie ist demokratisch.

Umso irritierender ist, dass schon der Hinweis auf Verzerrungen Rechtfertigungsdruck auslöst. Aus Medienkritik wird rasch der Verdacht, Rechtsextremismus relativieren, die DDR zurückwünschen, russlandfreundlich oder antisemitisch denken oder gar fremden Interessen dienen zu wollen. Welch Unsinn, aber noch unsinniger, dass diese simplen Manipulationsmuster auch im 21. Jahrhundert bei großen Teilen des Publikums zu funktionieren scheinen. Solche Unterstellungen wirken bis in Redaktionskonferenzen, in Parteizentralen oder Unternehmensführungen, gar bis in Sicherheitsbehörden.

Dabei kann man Rechtsextremismus entschieden ablehnen und zugleich eine differenziertere Beschreibung Ostdeutschlands oder auch migrantischer Themen verlangen. Kritik an medialen Routinen sollte daher argumentativ geprüft, jedoch nicht reflexhaft moralisch eingeordnet werden.

Wenn die Geschichte wichtiger wird als die Wirklichkeit

Wer Ostdeutschland vor allem als Ort demokratischer Defizite zu betrachten gelernt hat, wird jene Geschichten bevorzugen, die dieses Bild bestätigen. Menschen suchen Informationen, die ihre Überzeugungen stützen. Journalisten sind davon nicht ausgenommen. Auch sie sind Teil gesellschaftlicher Milieus, verfügen über Vorverständnisse und entwickeln Deutungsmuster. Was nur zu menschlich ist.

Problematisch wird es, wenn aus der plausiblen Deutung einzelner Aspekte ein geschlossenes Weltbild entsteht. Dann verändert sich unmerklich der Maßstab: Nicht mehr die Beobachtung steht im Zentrum der Geschichte; die Beobachtung muss sich der Geschichte anpassen. An diesem Punkt verliert Journalismus eine seiner wichtigsten Eigenschaften – die Fähigkeit, sich von der Wirklichkeit überraschen zu lassen.

Vielleicht erklärt das, warum ich mich in vielen Berichten über Ostdeutschland, über Titel der OMH mit der Berliner Zeitung, der Ostdeutschen Allgemeinen, der Weltbühne oder über meine Person kaum wiedererkenne. Ein Zitat erhält eine andere Bedeutung, weil der Zusammenhang fehlt. Aus einer Bekanntschaft wird Nähe, aus einer Teilnahme Zustimmung, aus einem Gespräch eine politische Verortung. So entstehen Bilder: nicht durch Erfindung, sondern durch Komposition.

Jeder Dokumentarfilmer kennt dieses Prinzip. Dieselben Aufnahmen können, abhängig von Musik, Schnittfolge und Kommentar, völlig gegensätzliche Wirkungen entfalten. Keine Einstellung ist für sich falsch, und dennoch entstehen zwei verschiedene Filme. Mit journalistischen Arbeiten verhält es sich ähnlich. Auch einmal etablierte Erzählungen besitzen Beharrungskraft. Wikipedia und Systeme künstlicher Intelligenz können sie verstärken, weil gesetzte Zuschreibungen wiederholt aufgegriffen werden, was zwar Wirkmächtigkeit, aber keinesfalls die Qualität der Information erhöht. Wikipedia ist nicht ohne Grund wegen seiner mangelnden Qualitätsstandards im Wissenschaftsbetrieb längst als seriöse Quelle verbannt.

Soziologische Pornografie

Zugleich belohnt öffentliche Aufmerksamkeit selten das Gewöhnliche; sie sucht Konflikt, Skandal und Abweichung. Der Osten wird so zur Projektionsfläche für Polarisierung, Vertrauensverlust und Radikalisierung – Entwicklungen, die überall vorkommen, hier aber verdichtet und leichter erzählbar erscheinen. Die Rollen sind vertraut: Verteidiger der Demokratie, Populist, Enttäuschter, Radikalisierter, Aufklärer. Die moralische Ordnung steht fest. Solche Geschichten liefern weniger Überraschung als Wiedererkennung. Der Osten und seine Protagonisten werden nicht mehr untersucht. Sie werden erzählt.

Ich habe diesen Mechanismus einmal zugespitzt als soziologische Pornografie bezeichnet.

Pornografie lebt nicht von Intimität, sondern von ihrer Inszenierung. Sie reduziert komplexe Beziehungen auf vorhersehbare Muster, die verlässlich Erwartungen erfüllen. Ähnlich wirken manche gesellschaftliche Erzählungen über Ostdeutschland: Das Ende steht fest, bevor die Recherche beginnt. Der Osten erscheint als Ort des Mangels – an Liberalität, Weltoffenheit oder demokratischer Reife. Widersprechende Erfahrungen gelten als Ausnahmen, die das Muster bestätigen.

Meist ist dies keine bewusste Manipulation, sondern publizistische Routine. Deutungsmuster prägen Fragen, Gesprächspartner und Relevanzentscheidungen; sie reproduzieren sich ohne Absprache. Doch Betroffene erkennen sich in den Geschichten kaum wieder und erleben zugleich, wie diese ihr öffentliches Bild bestimmen. Das erklärt die Distanz vieler Ostdeutscher, aber auch Migranten gegenüber großen Medien: nicht weil sie Kritik ablehnen, sondern weil sie sich als Gegenstand einer Erzählung empfinden, deren Ausgang längst feststeht. Die oft genug diffamiert, statt diskutiert.

Der Fall Dessau

Ein aktuelles Beispiel war die Berichterstattung über eine AfD-Veranstaltung in Dessau. Mehrere Medien erweckten den Eindruck, ich sei Teil dieser Veranstaltung gewesen oder hätte mich mit den dort vertretenen Positionen identifiziert. Beides trifft nicht zu. Ich war nicht dort.

Auch wurde ich in einer Reihe mit Uwe Steimle und Björn Höcke genannt. Uwe Steimle gereicht mir zur Ehre, er kann dialektisch denken. Doch Björn Höcke? Dann doch bitte in einer Reihe von ähnlich talentierten westdeutschen Führungspersönlichkeiten wie Erich Ribbeck oder Olaf Scholz. Absurd? Ganz sicher. Seit dem Ende der DDR habe ich keine Veranstaltung einer politischen Partei besucht. Mein mageres parteipolitisches Engagement beschränkt sich auf eine viele Jahre zurückliegende Spende an die CDU.

Umso mehr irritierte mich, wie eine mediale Konstruktion entstehen konnte, die einfachster Prüfung nicht standhielt. Problematisch waren weniger einzelne Tatsachen als die Art, wie sie miteinander verbunden wurden. Genau darin liegt die Macht von Medien: weniger in dem, was sie ausdrücklich behaupten, als in dem, was sie miteinander verknüpfen.

Schließlich lebt Journalismus von Auswahl. Jede Veröffentlichung entscheidet, was erwähnt, weggelassen und miteinander verbunden wird. Man kann einen Menschen über Leistungen oder Bekanntschaften beschreiben, eine Begegnung als Zufall oder politische Nähe deuten. Der Leser erhält deshalb nicht nur Informationen, sondern ein Gesamtbild. Diese Komposition ist legitim, solange sie für Korrekturen offenbleibt. Problematisch wird sie, wenn die Wirklichkeit nur noch Material für eine feststehende Erzählung liefert.

Es geht mir nicht um die Abrechnung mit einzelnen Autoren. Entscheidend ist, was geschieht, wenn Auswahlentscheidungen über Jahre in dieselbe Richtung weisen. Dann entsteht eine fremdbestimmte Wirklichkeit – besonders sichtbar im medialen Verhältnis des Westens zum Osten.

Konflikte kultivieren – oder Konflikte lösen

Je länger ich die öffentliche Debatte über diese und andere Konfliktlinien verfolge, desto weniger überzeugt mich der besitzwahrende und so wenig ambitionierte Anspruch. Wichtiger scheint mir, die Wirkung zu diskutieren, wenn niemand einen Konflikt moderieren oder beenden will, sondern den Konflikt – etwa die Brandmauer – über Jahre kultiviert.

Denn welche realistische Perspektive hat eine Politik, die vor allem repressiv und sanktionierend handelt, statt progressiv und stimulierend? Wieviel positives Momentum wird verhindert, wenn ein Status quo moralisierend verteidigt wird? Diese Perspektive begleitet mich seit dem Herbst 1989. Die Friedliche Revolution war keine Einigung über politische Ziele. Sie war zunächst die Entscheidung, auf Gewalt zu verzichten. Dass dies gelang, gehört zu den größten politischen Leistungen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Es war eine weitgehend ostdeutsche Errungenschaft, die viele Menschen von dort bis heute prägt.

Konflikte entwickeln Eigendynamiken

Mich hat deshalb selten zuerst interessiert, wer einen Streit begonnen hat. Mich interessiert, wer in der Lage ist, ihn zu welchen Kosten zu beenden. Schließlich entwickeln Konflikte Eigendynamiken.

Mit jedem Schritt der Eskalation steigen die politischen, moralischen und emotionalen Kosten der Umkehr. Wer den Gegner vollständig delegitimiert, erschwert jede spätere Verständigung. Politik sollte Konflikte nicht kultivieren, sondern begrenzen oder besser beenden. Das gilt auch für internationale Krisen. Historische Verantwortung muss aufgearbeitet werden; für die Betroffenen entscheidet zunächst jedoch, wie und wann ein Krieg endet. Wer Gewalt beenden will, relativiert weder Schuld noch Verantwortung, sondern verschiebt den Fokus von der Vergangenheit auf die Zukunft.

Das, und nur das, erklärt auch meine Haltung gegenüber Egon Krenz. Ich verteidige weder die SED noch ihre Diktatur; jeder Mauertote und politisch Inhaftierte war einer zu viel. Gleichwohl wurde im Herbst 1989 auf militärische Gewalt gegen die eigene Bevölkerung verzichtet. Diese Entscheidung kann man würdigen, ohne das gesamte Handeln einer Person gutzuheißen. Differenzierung ist keine Schwäche, sondern Voraussetzung souveränen Urteilens – in Politik, Wirtschaft und im Journalismus.

Actio est Reactio

Wer Menschen über längere Zeit das Gefühl vermittelt, ihre Erfahrungen seien weniger wert als die Deutungen anderer, erzeugt nicht Zustimmung, sondern Distanz. Wer Widerspruch vor allem moralisch beantwortet, darf sich nicht wundern, wenn er sich politisch organisiert. Und wer glaubt, politische Mehrheiten ließen sich dauerhaft durch Ausgrenzung ersetzen, verwechselt Stabilität mit Stillstand. Das ist keine Drohung, sondern eine Beobachtung.

Isaac Newton beschrieb das Prinzip: Actio est Reactio. Zwar folgen Gesellschaften anderen Regeln als Körper, doch auch sie kennen Wechselwirkungen. Politische Entscheidungen lösen Reaktionen aus, Sprache erzeugt Resonanz, moralisches Gebaren provoziert Widerstand und Hegemonie Wettbewerb.

Die Entstehung der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung ist dafür ein Paradebeispiel. Sie ist unternehmerische Chance und zugleich eine Reaktion auf die publizistisch undifferenzierte Sicht auf den Osten und auf die Weigerung etablierter Medien, diese zu korrigieren.

Eine Demokratie und ihre Medien sollten politischen Wettbewerb nicht ausschließlich als moralische Kategorie betrachten. Demokratien werden nicht überleben, wenn alle dieselbe Meinung vertreten. Sie leben davon, dass unterschiedliche Überzeugungen in einem gemeinsamen politischen Raum ausgetragen werden können – wie in der Wirtschaft unterschiedliche Angebote um die Gunst der Käufer ringen. Und davon, dass das Gewaltmonopol beim Staat liegt und die Gewaltenteilung unangetastet bleibt.

Die Friedliche Revolution von 1989 war dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Ihr Erfolg beruhte nicht auf plötzlicher Einigkeit, sondern darauf, dass Menschen trotz tiefster Gegensätze den politischen Konflikt nicht in Gewalt ausarten ließen. Runde Tische waren die Antwort auf den Zerfall eines Staates, der Andersdenkende nur als Gegner des Systems „delegitimieren“ konnte.

Aus jener Zeit stammt ein Satz, der mich bis heute begleitet:

„Bleibe im Land und wehre dich täglich.“

Er war die bewusste Umkehrung des biblischen Verses aus Psalm 37: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich.“ Damals bedeutete er: Gehe nicht fort. Überlasse dein Land nicht denen, mit denen du nicht einverstanden bist. Bleibe. Widersprich. Übernimm Verantwortung.

Auch heute halte ich diesen Satz für bemerkenswert. Nicht, weil ich jede Form des Widerspruchs gutheiße, sondern weil Demokratie vom Widerspruch und vom Wettbewerb um die bessere Idee lebt. Sie lebt nicht von Konformität, nicht von der Gewissheit, bereits im Besitz der Wahrheit zu sein, und nicht von der Hoffnung, gesellschaftliche Konflikte ließen sich durch moralische Etikettierungen beenden.

Sie lebt von der Bereitschaft, sich immer wieder der Wirklichkeit auszusetzen – auch dann, wenn diese den eigenen Überzeugungen widerspricht. Vielleicht liegt darin die eigentliche Herausforderung im Verhältnis zwischen Ost und West: nicht in der Suche nach einer gemeinsamen Erinnerung, sondern in der Bereitschaft, unterschiedliche Erfahrungen als legitim anzuerkennen.

Der Wirklichkeit gerecht werden

Der Osten ist kein pädagogisches Projekt. Er ist gleichberechtigter Teil dieses Landes – mit seiner eigenen Geschichte, seinen Prägungen, Erfolgen und Irrtümern. Wer ihn verstehen will, muss ihn weder idealisieren noch pathologisieren. Es würde genügen, ihn ernst zu nehmen. Denn zwischen Zuneigung und Verachtung besteht ein Unterschied: Zuneigung beginnt mit Interesse. Verachtung beginnt mit Gewissheit.

Vielleicht erklärt gerade das, warum mich manche Formen der Berichterstattung an etwas erinnern, das ich an anderer Stelle bereits als soziologische Pornografie beschrieben habe. Pornografie lebt von der sicheren Erwartung. Sie bestätigt Fantasien, anstatt Wirklichkeit zu erkunden. Sie reduziert Komplexität auf vorhersehbare Rollen. Das Ende einer Geschichte steht bereits fest, bevor sie beginnt. Wie so viele Berichte aus oder über den Osten Deutschlands. So wie auch der aus Dessau in der Süddeutschen Zeitung vom 18. Juli 2026.

Wie gesagt, es betrifft nicht nur Ostdeutsche oder Ostdeutschland, sondern auch Migranten. Auch sie berichten von fehlenden Kontexten, von verdrehten bis falschen Statistiken, grob gezeichneten Feindbildern, vorgefertigten Meinungen, dem ungenauen Hinschauen, ähnlichen Außenzuschreibungen, mit denen viele von ihnen wenig anfangen können. Und dass all das bestenfalls zur Distanz rät.

Journalismus sollte das Gegenteil sein. Er sollte dort beginnen, wo Gewissheiten enden. Nicht um den Osten zu verteidigen. Sondern um der Wirklichkeit gerecht zu werden.

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