Klimageschichte

Hungersteine in der Elbe: Warum diese Steine seit 1616 vor der Dürre warnen

Bei Niedrigwasser tauchen in der Elbe Steine mit alten Jahreszahlen auf. Der bekannteste reicht zurück bis 1616. Vor allem an einem Flussteil häufen sie sich.

4 Min
Die Dresdner Frauenkirche ist hinter dem Ufer der Elbe zu sehen.

Die Dresdner Frauenkirche ist hinter dem Ufer der Elbe zu sehen.

© dpa/Sebastian Kahnert (2)

Wenn ein trockener Sommer den Pegel weit genug drückt, tauchen im Flussbett der Elbe zwischen Děčín und Pirna Blöcke auf, die den größten Teil des Jahres unter Wasser verborgen liegen. Diese Hungersteine tragen Jahreszahlen, Buchstaben und ganze Sätze, sauber in Sandstein oder Basalt geschlagen. Sie sind keine Zufallsfindlinge, sondern gezielt bearbeitete Marken. Ihr Zweck: festzuhalten, wie tief der Fluss in früheren Trockenjahren gefallen ist.

Damit funktionieren die Hungersteine der Elbe wie ein Spiegelbild der Hochwassermarken an Hauswänden – nur dokumentieren sie nicht die Höchststände, sondern die Tiefstände. Sichtbar werden sie ausgerechnet dann, wenn sich die Not wiederholt, die zu ihrer Beschriftung geführt hat.

Warum die Steine „Hungersteine“ heißen

Der Name verweist auf die Folgen extremer Trockenheit. Ein niedriger Wasserstand bedeutete in der frühen Neuzeit stockende Schifffahrt, ausbleibende Warenlieferungen und stillstehende Mühlen.

Dazu kamen vertrocknete Felder und steigende Getreidepreise. Trockenheit und Hunger hingen unmittelbar zusammen – und die Steine im Flussbett waren die sichtbarste Erinnerung daran.

Überliefert sind Jahresinschriften unter anderem aus den Jahren 1417, 1473, 1616, 1654 und 1666. Neben den eigentlichen Hungersteinen dienten auch Felsen im Strom als Marken, sogenannte Hungerfelsen, bekannt etwa bei Magdeburg und Torgau.

Der berühmteste Stein: 1616 und eine düstere Botschaft

Der bekannteste Hungerstein liegt am linken Ufer unterhalb der Tyrš-Brücke bei Děčín und gilt als eines der ältesten hydrologischen Denkmäler Mitteleuropas. Die älteste heute regulär lesbare Jahreszahl ist 1616.

Niedrigwasser der Ahr bei Laach in Rheinland-Pfalz.

Niedrigwasser der Ahr bei Laach in Rheinland-Pfalz.

© Thomas Frey/dpa

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Ältere Markierungen aus den Jahren 1417 und 1473 sind zwar überliefert, aber nicht mehr sicher zu entziffern – ankernde Schiffe haben die Oberfläche über Jahrhunderte abgerieben.

Der bekannteste Spruch fordert den Betrachter auf zu weinen, wenn er ihn sieht. Wichtig für die Einordnung: Nach mehreren journalistischen Rekonstruktionen stammt dieser Satz wahrscheinlich nicht aus dem Jahr 1616, sondern wurde erst 1904 vom Gastwirt und Schiffer Franz Meyer angebracht. Die Jahreszahl und die berühmte Inschrift gehören also unterschiedlichen Zeiten an.

Warum sich die Hungersteine ausgerechnet hier häufen

Auffällig ist nicht nur das Alter der Inschriften, sondern ihre Verteilung. Auf wenigen Flusskilometern zwischen Děčín und Pirna liegt ein gutes Dutzend beschrifteter Blöcke, flussabwärts werden vergleichbare Marken deutlich seltener.

Der Dresdner Geologe Jan-Michael Lange führt das auf die Steinbrüche der Region zurück. Der Elbsandstein wurde über Jahrhunderte auf dem Wasserweg abtransportiert – und genau dieser Transport brach bei Niedrigwasser zusammen.

Die Steinmetze saßen also fest, hatten Zeit, Werkzeug und Fertigkeit, um Warnungen dauerhaft in den Fels zu schlagen. Andere Deutungen nennen zusätzlich Schiffer, Flößer und Fischer als Urheber. Eine einheitliche Urheberschaft ist nicht gesichert.

Was die Steine über große Trockenjahre verraten

Viele Hungersteine tragen Markierungen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie nennt besonders die Jahre 1842, 1904 und 1911 als Belege für ausgeprägte Trockenperioden.

Wie extrem ein solches Jahr ausfallen konnte, zeigt 1911. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde beschreibt in ihrer Analyse, dass in Magdeburg zwischen dem 28. Juli und dem 13. September nur 3,5 Millimeter Niederschlag fielen.

Seit dem Bau der großen Talsperren an der Moldau um 1965 wird der Abfluss der oberen Elbe gleichmäßiger geführt. Extreme Tiefstände sind dadurch seltener geworden – verhindern lassen sie sich aber nicht.

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