Junge Menschen wählen längst nicht geschlossen in eine politische Richtung. Das zeigen die am Sonntag stattgefundenen Landtags- und Abgeordnetenhauswahlen besonders deutlich. In Berlin kam die Linkspartei bei unter 30-Jährigen auf 47 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern lag die AfD bei derselben Altersgruppe mit 37 Prozent vorne, gefolgt von der SPD mit 22 Prozent und Linke mit 19 Prozent.
Die Zahlen zeigen also deutliche Unterschiede. Sie erklären aber noch nicht, warum sich einzelne junge Menschen für eine Partei entscheiden. Ein Blick auf drei von ihnen zeigt: Hinter dem Kreuz auf dem Stimmzettel stehen sehr unterschiedliche Erfahrungen, Prioritäten und Erwartungen.
Maja wählt Linke: „Ich fühle mich damit gesehen“
Maja ist 23 Jahre alt und arbeitet bei einer Rentenversicherung. Sie kommt aus Mariendorf und hat in ihrer Kindheit selbst erlebt, was es bedeutet, wenn in einer Familie wenig Geld zur Verfügung steht. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr war ihre Mutter alleinerziehend und bezog Leistungen vom Jobcenter. Heute gehört Maja zur Mittelschicht.
Bei ihrer Wahlentscheidung spielte dieser Hintergrund eine Rolle. Sie habe das Gefühl, dass die Linke die Lebensrealität ihrer sozialen Umgebung am ehesten abbildet – auch die vieler Freunde mit geringerem Einkommen. „Ich glaube, dass die Linke meine Schicht beziehungsweise die meiner Freunde mit am meisten anspricht“, sagt sie.
Besonders wichtig sind ihr soziale Gerechtigkeit und die Wohnungspolitik. Eine Vermögensteuer und eine stärkere Besteuerung von Erbschaften hält sie für sinnvolle Instrumente, um Unterschiede zwischen Arm und Reich zu verringern. Auch die Forderung nach einer Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände findet sie grundsätzlich richtig, auch wenn sie die damit verbundenen Fragen der Finanzierung sieht.
Elif Eralp (Die Linke), Spitzenkandidatin der Linke (2vr) und Anhänger und Parteimitglieder reagieren auf einer Wahlparty der Berliner Linken im Festsaal Kreuzberg auf die Prognose zum Ergebnis der Abgeordnetenhaus-Wahl.
© Sebastian Gollnow/dpa
Wohnen ist für Maja kein abstraktes Wahlkampfthema. Sie selbst lebt in einer Genossenschaft und hat damit vergleichsweise günstigen Wohnraum. Gleichzeitig erlebt sie bei Freunden, wie schwierig es ist, in Berlin eine bezahlbare Wohnung zu finden. Besonders denkt sie dabei an eine Freundin, die alleinerziehende Mutter ist.
Auch soziale Medien haben ihre Entscheidung beeinflusst – allerdings nicht, indem sie Maja erst zur Linken gebracht hätten. „Ich hätte auch unabhängig von Social Media links gewählt. Aber ich glaube, es hat mich doch irgendwie bestärkt.“ Auf TikTok sah sie sowohl Inhalte der Linken als auch der AfD. Politiker wie Heidi Reichinnek und Gregor Gysi sprechen sie dabei besonders an, weil sie deren Art als direkt, verständlich und nahbarer empfindet.
Dass junge Menschen politisch anders denken als ältere Generationen, erlebt Maja auch in ihrer eigenen Familie. Ihre Großmutter etwa wähle CDU – nicht, weil sie zufrieden mit deren Politik sei, sondern weil sie das schon immer getan habe. Maja selbst empfindet ihre Generation als offener dafür, politische Positionen zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung zu bilden.
Chris wählt SPD: „Ich bin kein Mensch, der extrem denkt“
Im rund 230 Kilometer entfernten Rostock sieht die politische Entscheidung eines jungen Wählers ganz anders aus. Chris ist 24, studiert Lehramt und stammt ursprünglich aus Barth in Mecklenburg-Vorpommern. Aufgewachsen ist er in einer finanziell gut situierten, eher konservativen Familie. Die CDU sei dort traditionell die Partei gewesen, die gewählt wurde.
Auch Chris beschreibt sich selbst als eher konservativ. Gleichzeitig möchte er sich keiner politischen Seite eindeutig zuordnen. „Ich bin ein Mensch, der ungern extrem denkt“, sagt er. Eigentlich hätte er bei der Landtagswahl deshalb gerne CDU gewählt. Am Ende entschied er sich jedoch für die SPD – aus taktischen Gründen. Weil die CDU in den Umfragen schlecht dastand, habe er befürchtet, dass seine Stimme weniger bewirken könnte. Mit der SPD habe er eher die Aussicht verbunden, eine stabile Regierung jenseits politischer Extreme zu unterstützen.
Chris sagt, mit der Arbeit der SPD in Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen Jahren grundsätzlich zufrieden gewesen zu sein. Besonders wichtig ist ihm das Thema Bildung. Die Entwicklung der Schulen im Land und deren Digitalisierung bewertet er vergleichsweise positiv. Auch deshalb beschäftigt ihn die Frage, wie der Bildungsbereich künftig weiterentwickelt wird.
Historische Niederlage: CDU fliegt aus dem Landtag in Mecklenburg-Vorpommern
Beim Thema Migration ist Chris deutlich kritischer. Auf Landesebene beschäftigt ihn die Frage weniger als auf Bundesebene. Grundsätzlich wünscht er sich mehr Kontrolle und konsequentere Regeln, gleichzeitig aber auch bessere Möglichkeiten zur Integration. Wer dauerhaft hier leben wolle, müsse sich aus seiner Sicht integrieren, etwa arbeiten oder Deutsch lernen.
Das Schweriner Schloss: Am 20. September wurde neben dem Abgeordnetenhaus in Berlin auch der Landtag in Mecklenburg-Vorpommern neu gewählt.
© dts Nachrichtenagentur/Imago
Zum Umgang mit der AfD hat Chris eine klare Meinung: „Wenn so viele Menschen die AfD wählen, dann sollen diese Menschen genauso gehört werden. Von vorneherein eine Brandmauer aufzustellen, ist meiner Meinung nach keine Demokratie.“ Für ihn wäre es fair, wenn die AfD in Mecklenburg-Vorpommern Regierungsmacht bekommen würde. „Ich muss nicht deren Meinung sein, aber ich muss es akzeptieren, wenn so viele Menschen deren Meinung sind und sie gewählt haben.“
Leo wählt Grün: „Wollte, dass die Grünen im Landtag sind“
Chris hat die Wahl in Rostock nicht allein getroffen. Sein Partner Leo ist 25 Jahre alt, stammt aus der Stadt und arbeitet im öffentlichen Dienst. Normalerweise wählt er SPD. Dieses Mal landete sein Kreuz jedoch bei den Grünen. Auch bei ihm spielte taktisches Wählen eine Rolle. Er wollte sicherstellen, dass die Grünen in den Landtag einziehen und damit die Möglichkeiten für eine Regierungsbildung vergrößern. Entscheidend war für ihn dabei auch, eine Regierung ohne Beteiligung der AfD zu ermöglichen.
Als Grund für seine taktische Wahlentscheidung sagt er: „Mir ist es wichtig, dass Parteien wie die AfD nicht regieren, weil das ein schlechtes Bild aufs Land MV wirft. Wir sind nun mal ein Tourismusland und sind darauf angewiesen.“ Leo nennt außerdem den Klimaschutz als wichtigen Grund. Der Ausbau erneuerbarer Energien ist für ihn ein Thema, bei dem er sich von den Grünen stärker vertreten fühlt.
Ein SPD-Phänomen: Warum Mecklenburg-Vorpommern seine „Manu“ mag
Mit der langjährigen SPD-Regierung in Mecklenburg-Vorpommern ist auch Leo grundsätzlich nicht unzufrieden. Das Land sei zwar wirtschaftlich nicht besonders stark und habe deshalb nur begrenzte Möglichkeiten, große Veränderungen anzustoßen – dennoch findet er: „MV geht es meiner Meinung nach eigentlich gut.“ Für ihn zählt deshalb vor allem die Frage, ob eine Regierung stabil arbeiten kann.
Beim Thema Migration sieht Leo ebenfalls eine Mischung aus Begrenzung und Zuwanderung als erstrebenswert an. Menschen ohne Aufenthaltsrecht sollten das Land verlassen, gleichzeitig brauche Mecklenburg-Vorpommern junge Menschen und Einwanderung. Entscheidend sei deshalb eine bessere Integration.
Drei Stimmen, drei Wege zur Wahl
In Berlin verbindet Maja ihre Wahlentscheidung mit sozialen Fragen, ihrer eigenen Familiengeschichte und dem Berliner Wohnungsmarkt. Chris in Rostock versteht sich als Konservativer, der sich eine politische Mitte wünscht, sich aber aus taktischen Gründen für die SPD entschied. Leo wählt ebenfalls taktisch – allerdings die Grünen, weil ihm die Zusammensetzung einer möglichen Regierung ohne die AfD und Klimaschutz wichtig sind.
Die Entscheidungen von Maja, Chris und Leo lassen sich nicht auf eine ganze Generation übertragen. Aber ihre Geschichten zeigen, wie unterschiedlich die Wege zu einem Kreuz auf dem Stimmzettel sein können.
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