Das große Beet ist jetzt im Herbst vor allem mit Korbblütlern bepflanzt – Zinnien und Tagetes in verschiedenen Farben und Größen. Dazwischen ein wellenartiger Rasenweg. Rechts und links davon bleiben Besucher stehen, um die Blütenpracht zu bewundern. Diese Rabatte ist mit 6000 Quadratmetern das größte Blumenbeet Europas. Damit wirbt heute die EGA, Nachfolgerin der IGA, der Internationalen Gartenbauausstellung.
Bereits zur Eröffnung im April 1961 gab es dieses Beet, das während der Saison zweimal pro Jahr bepflanzt wurde. Zum 65. Jubiläum gilt ihm besondere Aufmerksamkeit. Auch das Logo, die stilisierte Blume, die von einer Hand gehalten wird, hat aus der Gründerzeit den Systemwechsel überlebt. Auf allen Plakaten zu den thematischen Gartenschauen war diese heitere Blume präsent, deren Blütenblätter in manchen Jahren ausgefüllt waren mit Fahnen verschiedener Länder, die zum sozialistischen Lager gezählt wurden. Die IGA war die einzige Gartenbauausstellung auf dieser Seite der zweigeteilten Welt.
Im Deutschem Gartenbaumuseum (DGM) in Erfurt ist derzeit die Ausstellung „iga*61. Die DDR durch die Blume“ zu sehen.
© Dominique Wollniok
Ein Pendent zur IGA in Hamburg, die die westlichen Staaten in einer Schau vereinte. Kein Wunder, dass die gesamte Planung und Ausführung – von der Entscheidung für den Standort bis zur Realisierung – auf höchster Ebene getroffen wurden. Das Ministerium für Landwirtschaft tat sich zunächst schwer, Erfurt den Zuschlag zu erteilen. Doch die Vorläuferausstellungen wie „Erfurt blüht“ 1950 mit einer halben Million Besuchern und die Saatgutausstellungen der Erfurter Exporthändler wie Christian Reichert überzeugten das Zentralkomitee der SED. 1958 fasste das Gremium den Beschluss zum Ausbau.
Mit der Ausstellung „Die DDR durch die Blume“ beleuchtet das Deutsche Gartenbaumuseum auf dem Gelände des Egaparks bisher unbekannte Seiten der Geschichte. Die berühmte Blume gilt bisher als Werk des Grafikdesigners Sieghard Kraft. Doch bei der Recherche hat sich herausgestellt, dass das erste Plakat mit dem Corporate Design die Unterschrift von Gerhard Brose trägt, einem Dozenten der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst.
Die IGA vereint namhafte Architekten und Künstler der frühen DDR: „Die besten Landschaftsarchitekten wurden für die Planung ausgewählt. Das Farbkonzept, das gedämpfte Töne für die Gebäude vorsah, damit die blühenden Beete dominieren, stammt von Bert Heller. Horst Michel von der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar hat mit seinem Gestalterkollektiv das komplette Mobiliar gestaltet, Hedwig Bollhagen teils die Blumenkübel. Jegliche Beet-Einfassung wurde im Detail geplant,“ so Museumsleiterin Sandra Mühlenberend, die die Exposition mit ihrem Team konzipiert hat.
Für die Planung der IGA zeichnete Reinhold Lingner (1902–1968) verantwortlich, der führende Landschaftsarchitekt der DDR. Unter seiner Leitung waren vorher die Gedenkstätte Plötzensee und die Mahn- und Erinnerungsstätte Buchenwald entstanden. Er gestaltete auch den Park am Schloss Schönhausen für Wilhelm Pieck, den ersten und einzigen Staatspräsidenten der DDR. Der Rahmenplan des zunächst 57 Hektar großen Geländes sah 13 Ausstellungshallen, Gewächshäuser, Pavillons, Springbrunnen und Gartenanlagen vor. „Florinchen“, das Maskottchen, kreierte der Puppengestalter Gerhard Behrendt, bekannt vor allem durch das Sandmännchen. Entwurfs-Aquarelle sind in der Ausstellung zu sehen. Sie wurden für Imagezwecke verwendet, um für die IGA, die auch Maßstab für den Städtebau war, zu werben.
Eine Aquarellskizze von Alfred Pretzsch aus dem Jahr 1959 zeigt den Entwurf des IGA-Geländes.
© DGM
Die Erfurter haben sich im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes (NAW) stark in den Ausbau des Geländes eingebracht. Über 400.000 freiwillige Arbeitsstunden wurden geleistet, was dafürspricht, dass es eine große Begeisterung unter der Bevölkerung für die Idee gab. An diese Aufbauarbeit erinnert eine Plastik von Fritz Cremer vor dem Eingang. Beteiligt waren auch sowjetische Soldaten aus der nahen Kaserne in Nohra, die mit schwerem Gerät ausgeholfen haben. Die Zusammenarbeit setzte sich auch in den Jahren danach bei der aufwendigen Pflege der Beete fort. Die Erfurter haben Sprachen gelernt, um internationale Gäste zu betreuen und dabei vor Chinesisch nicht zurückgeschreckt. Der gemeinsame Aufbau schuf ein Identitätsgefühl, das bis in die Gegenwart reicht.
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Die Eröffnung im April 1961 war dagegen ein Staatsakt. Überhaupt eignete sich die IGA bestens, um politische Botschaften „durch die Blume“ zu vermitteln. „Die DDR-Regierung hat die IGA als Bühne genutzt und dort eine positive Erzählung zu den Enteignungen und zur Kollektivierung geschaffen, die überzeugen sollte“, erklärt Mühlenberend. „Blumen wurden für politische Zwecke verwendet. Man hat Propagandasprüche in die Beete der Hallen gesteckt, die nicht immer etwas mit Gartenbau zu tun hatten.“
Die Besucher strömten reichlich und die wenigsten erinnern sich an die Losungen, die nicht nur in den Blumenbeeten zu finden waren, sondern großformatig an den Hallen. Im Gartenbaumuseum haben einige ihre Erinnerungen auf Karten geschrieben und an einer Pinnwand hinterlassen. Dort ist zu lesen: „Es war die schönste Ferienzeit in den 1960er-Jahren mit Sommerkino, Eis, Spielplatz und manchmal Pfirsiche aus den Ausstellungshallen“ oder „Tanzstundenabschlussball 1977. Ab 1964 jedes Jahr Dahlienschau mit Foto auf der Brücke“ und „Der Rosengarten. Da ging meine Gärtnerseele auf.“
Freundlich lächelnd vor dem Komposthaufen
Die IGA als Bühne: 1974 fanden die Arbeiterfestspiele anlässlich des 25. Republikjubiläums und jedes Jahr das Pressefest der führenden SED-Zeitung des Bezirkes Erfurt statt. Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht besuchte mit seiner Frau Lotte die Gartenbauausstellung. Auf einem Foto ist er freundlich lächelnd vor einem Komposthaufen zu sehen. Einen Arm hat er um seine Gattin gelegt. Das Bild war sicher nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.
Für Nachfolger Erich Honeckers bot die IGA nicht mehr das gewünschte Repräsentationsformat, obwohl Erfurt durch das Gipfeltreffen von Willy Brandt und Willi Stoph 1970 in den Blick internationaler Aufmerksamkeit geriet. Über 500 Journalisten waren akkreditiert. Die Türen öffneten sich für Aussteller aus dem westlichen Ausland für wenige Jahre. Dann blieb das sozialistische Lager wieder unter sich. Ab 1974 waren sie zur Quadriennale des Kunsthandwerks eingeladen, die die IGA für neue Publikumskreise interessant machte. Das Gelände war um diese Zeit bereits auf über 100 Hektar angewachsen.
Auf dem Struktur- und Stellenplan in der Ausstellung ist ein funktionierender Organismus dargestellt, der die vielfältigen Aufgaben – von der Bepflanzung über Ausstellungsaufbau bis zur Gastronomie – bewältigen konnte. 120 bis 160 Menschen waren angestellt. Es gab viele studentische Hilfskräfte, die als Erklärer Geld dazuverdienten. „An der IGA konnte man ablesen, dass der Staat wächst und dass es ihm gut geht. Deshalb war die Wahrnehmung der Bevölkerung vor allem positiv“, konstatiert die Museumsleiterin. 37 Millionen Gäste bis 1989 sprechen für sich.
Die Ausstellung widmet sich in fünf Abteilungen und in einem historischen Pavillon ausgewählten Facetten der „Internationalen Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder“ und ihren Nachwirkungen.
© Michael Reichel
Nach 1990 brach das Ministerium als Betreiber weg. Dann kam mit dem Verkauf an MDR und Messe die Teilung des Geländes. Abgerissen wurden große Teile des historischen Geländeensembles wie die Zentralgaststätte, das Herzstück der IGA, sowie zahlreiche Ausstellungshallen und eine hoch moderne Gewächshausanlage. 1992 wurde das verbleibende Ensemble mit Gartenanlagen, Hallen, Pavillons und Springbrunnen unter Denkmalschutz gestellt.
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Die letzten 44 Mitarbeiter erhielten ein Jahr später ihre Entlassungspapiere. Vom engen Zusammenhalt und von einem „tollen und guten Arbeitsplatz“ zeugt eine Fahne mit ihren Unterschriften, die sie an ihrem letzten Arbeitstag auf der IGA auf Halbmast gesetzt hatten. Mit dem Besucherbus drehten sie eine Abschiedsrunde auf dem Gelände. Diese Fahne ist Teil der Ausstellung.
Blick in die historischen Anlagen der Gartenbauausstellung
© Doris Weilandt
Ein Drittel der ursprünglichen Fläche blieb für den Egapark, der sich heute ebensolcher Beliebtheit erfreut wie die IGA. Im Mittelpunkt stehen die je nach Jahreszeit unterschiedlich bepflanzten Blumengärten mit großer Artenvielfalt. Im Skulpturengarten wird an Karl Foerster erinnert, einen bedeutenden Staudenzüchter und Pionier der Gartenbauausstellungen. Ein Höhepunkt ist das „Danakil“, das Wüsten- und Urwaldhaus mit zwei Klimazonen. Wie zur Gründerzeit vor 65 Jahren ist die Gartenkunst auf dem Cyriaksberg in Erfurt bis heute eine Veranstaltung der Superlative: der größte Kinderspielplatz und das größte Blumenbeet Europas, das einzige Gartenbaumuseum und – neben der Wartburg – der meistbesuchte Ort in Thüringen.
IGA 61. Die DDR durch die Blume. Ausstellung zum 65. Jubiläum der IGA im Deutschen Gartenbaumuseum, Gothaer Straße 50, 99094 Erfurt. Bis 13. Juni 2027.
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