Der Iran hat Frankreich wegen des Vorgehens gegen die eskalierenden Schülerproteste scharf kritisiert und den französischen Botschafter in Teheran einbestellt. Das iranische Außenministerium wirft den französischen Behörden schwere Menschenrechtsverletzungen und unverhältnismäßige Polizeigewalt vor. Die Kritik kommt rund neun Monate nach der blutigen Niederschlagung landesweiter Proteste im Iran, bei denen Tausende Menschen ums Leben kamen.
Wie die staatliche iranische Nachrichtenagentur IRNA berichtet, wurde Frankreichs Botschafter Pierre Cochard am Dienstag ins Außenministerium einbestellt. Hamid Ahmadi, kommissarischer Leiter der Menschenrechtsabteilung, erinnerte Frankreich demnach an seine Verpflichtungen aus internationalen Menschenrechtsabkommen und forderte Paris auf, insbesondere das Recht auf friedliche Versammlung zu achten.
Frankreich: Schülerproteste auf neuem Höhepunkt – Polizei setzt Granaten und Gummigeschosse ein
Iran fordert Untersuchung französischer Polizeigewalt
Ahmadi verlangte zudem eine unabhängige Untersuchung möglicher Menschenrechtsverletzungen. Nach Darstellung Teherans seien Demonstranten schwer verletzt worden, einige hätten ihr Augenlicht verloren. Außerdem verwies der iranische Vertreter auf Berichte und Aufnahmen, denen zufolge bewaffnete Polizisten Schulen und Klassenzimmer betreten und Schüler sowie Lehrer geschlagen hätten. Diese einzelnen Vorwürfe machte sich IRNA in ihrem Bericht zu eigen, unabhängig bestätigt sind sie in dieser Form nicht.
Dass es bei den Protesten schwere Verletzungen und Vorwürfe unverhältnismäßiger Polizeigewalt gibt, ist dagegen gut dokumentiert. Reuters berichtete bereits am Freitag über mehr als 5000 Festnahmen sowie Demonstranten mit Augenverletzungen, ausgeschlagenen Zähnen und Kopfverletzungen. Amnesty International kritisierte ebenfalls einen unverhältnismäßigen Polizeieinsatz und verwies auf den Einsatz von Tränengas, Schlagstöcken und Gummigeschossen. Nach Angaben des französischen Innenministeriums waren 85 Prozent der bis dahin Festgenommenen minderjährig.
Die Protestbewegung begann im September im Großraum Paris und breitete sich anschließend auf das ganze Land aus. Schüler beklagen unter anderem fehlende Lehrer, überfüllte Klassen und den schlechten Zustand vieler Schulgebäude. Am Dienstag gingen nach Angaben des französischen Innenministeriums 266.000 Menschen auf die Straße. Fast 500 Menschen wurden an diesem Tag festgenommen. Insgesamt gab es seit Beginn der Bewegung inzwischen mehr als 6500 Festnahmen, überwiegend von Minderjährigen, wie Associated Press berichtet.
Polizei setzt Granaten und Gummigeschosse ein
Premierminister Sébastien Lecornu erklärte im Parlament, bislang seien mindestens 215 Jugendliche und 85 Beschäftigte von Schulen verletzt worden. Mehr als 700 Polizisten erlitten nach Regierungsangaben ebenfalls Verletzungen. Reuters berichtet, dass die Polizei unter anderem in Paris, Straßburg, Rennes und Toulouse Tränengas und Wasserwerfer gegen gewalttätige Gruppen am Rand der Proteste einsetzte. Auch Gummigeschosse seien immer wieder abgeschossen worden, um die Demonstranten auf Distanz zu halten.
Besonders schwere Verletzungen erlitt am Montag ein 15-Jähriger in Lens. Der Jugendliche verlor eine Hand. Nach einem Bericht der Regionalzeitung La Voix du Nord hatte er zuvor eine Blendgranate der Polizei aufgehoben. Die Behörden bestätigten die Verletzung und leiteten Ermittlungen zu dem Vorfall ein.
Französische Einsatzkräfte auf der Place de la Nation in Paris.
© Lafargue Raphael/imago
Menschenrechtler dokumentieren Massentötungen im Iran
Die iranische Mahnung an Frankreich erhält zusätzliche Brisanz durch das Vorgehen Teherans gegen die eigenen Proteste zu Jahresbeginn. Die Demonstrationen hatten am 28. Dezember 2025 begonnen und sich Anfang Januar auf weite Teile des Landes ausgeweitet.
Human Rights Watch erklärte nach der Eskalation vom 8. Januar, iranische Sicherheitskräfte hätten landesweit Massentötungen verübt. Die Organisation wertete Fotos und Videos aus, sprach mit Augenzeugen, Angehörigen, Medizinern und Journalisten und dokumentierte zahlreiche Schussverletzungen an Kopf und Oberkörper. Tausende Demonstranten und unbeteiligte Passanten seien vermutlich getötet worden. Human Rights Watch veröffentlichte die Untersuchung am 16. Januar.
Auch Amnesty International spricht von massenhaften rechtswidrigen Tötungen durch Sicherheitskräfte. Die UN-Sonderberichterstatterin für den Iran, Mai Sato, erklärte im Januar, nach ihren Informationen seien mehr als 5000 Menschen durch Sicherheitskräfte getötet worden.
Der iranische Oberste Nationale Sicherheitsrat nannte am 21. Januar seinerseits 3117 Tote. Diese Zahl umfasst jedoch nicht nur Demonstranten. Die iranischen Behörden machten für einen Teil der Todesfälle angebliche „terroristische Akte“ verantwortlich und beschuldigten die USA und Israel, hinter der Gewalt zu stehen. Menschenrechtsorganisationen widersprechen dieser Darstellung und dokumentierten den Einsatz tödlicher Gewalt durch iranische Sicherheitskräfte.
Abzug sämtlicher US-Bomber von britischer Basis: Iran soll Angriff geplant haben
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