Kunstpreis

Izabella Gustowska aus Poznań: Ein „Ich, das ein Echo braucht“

Die polnische Medienkünstlerin erhielt in Berlin den Michaletz-Preis samt KVOST-Stipendium 2026. Sie bedankt sich mit einer Ausstellung.

3 Min
Izabella Gustowska, Medienkünstlerin aus Poznań und nun KVOST-Stipendiatin

Izabella Gustowska, Medienkünstlerin aus Poznań und nun KVOST-Stipendiatin

© Izabella Gustowska

Es ist nie zu spät, und man ist auch nie zu alt. Das gilt für die Liebe wie für ein Stipendium. So sieht es die polnische Künstlerin Izabella Gustowska, Jahrgang 1948. Sie bekam in Berlin den mit 10.000 Euro dotierten Claus-Michaletz-Preis 2026, alljährlich ausgelobt im Gedenken an den verstorbenen Ostkunst-Mäzen, Verleger und Gründer der Secco-Pontanova-Stiftung.

Fließender Wechsel zwischen Foto, Film und Raum

Die weißhaarige Künstlerin, in Polen als „die Grande Dame der neuen Medien“ eine Instanz, bedankt sich soeben mit einer Ausstellung im Berliner Kunstverein Ost. Als Professorin an der Magdalena-Abakanowicz-Universität der Künste Poznań leitete sie dort das Studio für Experimentalfilm. Ihr Œuvre könnte den Gropius-Bau füllen, meint die Kuratorin Monika Branicka. Nun wirkt es mit aller Intensität und zudem mit untergründigem Humor in den kleinen KVOST-Räumen. „Home’s Shadows“ ist ein fließender Grenzwechsel zwischen Foto, Film und Rauminstallation. Als Essenz eines Lebenswerks, durchzogen von einer traumwandlerischen Bildsprache.

„Relative features of similarity XVII“ (Doppelgängerin), 1982, Filmsequenz

„Relative features of similarity XVII“ (Doppelgängerin), 1982, Filmsequenz

© Izabella Gustowska/KVOST

Man steigt mit ihr tief hinein in Erinnerungen ans Haus ihrer Kindheit in Posen. Seit 1938 hatte die Familie darin gewohnt. Gustowska filmte vor Monaten, was dort noch übrig ist. Leere. In der Ausstellung stellt sie die Fragmente ihren experimentellen Medienbildern aus den 1980er-Jahren gegenüber. Es ist, als frage sie nun: „Was bleibt von dem Ich, das dort einmal gelebt hat?“

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Die Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Album haben etwas von Relikten. Historische Familienfotos: Alle brav und in die Kamera lächelnd am runden Tisch. Aber keine Männer, nur junge Mädchen. Die Abendmahl-Ikonografie ist umgedeutet. Als Lichtbox verleiht sie der Szene (weibliche) Präsenz. Und ironisch zeigt Gustowska sich als bizarre Stoffpuppe mit dem typischen schlohweißen Kraushaarschopf. Sie selbst als Geist aus ferner Zeit.

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Ineinander verschachtelte Erinnerungsbilder

Izabella Gustowskas ironisches Selbstporträt als Puppe

Izabella Gustowskas ironisches Selbstporträt als Puppe

© Izabella Gustowska/KVOST

Ihre Inszenierung hat keine lineare Erzählung, kreist eher kryptisch um die Suche nach der eigenen Identität. Ihre sich ineinander verschachtelnden und labyrinthischen Erinnerungsbilder scheinen Vorstellungen vom Gegenüber und vom eigenen Selbst überwinden zu wollen. Das leere Haus der Kindheit wird zu einem surrealen Bau aus lauter Resonanzräumen. Fotos der Geschwister tauchen auf, Bildfetzen vom Urlaub am Meer. Die tote Schwester ersteht im Film als Doppelgängerin, fast so, wie Frida Kahlo sich in einigen Gemälden selber als Kindfrau noch einmal erfand. Ein „Ich“, das ein Echo braucht. Oder ein Ritual der Geisterbeschwörung, bei dem Vergangenheit und Gegenwart in den Dialog treten.

Home’s Shadows, KVOST. Leipziger Str. 47, Ecke Jerusalemer Str. Bis 28. November, Mi–Sa 14–18 Uhr

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