Jahrzehntelang verhinderte eine Ablehnungsfront die Verhüllung des Reichstags - Heute will beinahe jeder von Anfang an dafür gewesen sein

Chronik einer Staatsaktion

BLZ
2 Min

Was Christo und Jeanne-Claude ihr "Baby" nennen, kam erst nach 23 Jahren hochoffizieller Prozeduren zur Welt.1971: Der amerikanische Journalist Michael S. Cullen schickt Christo eine Ansichtskarte des Reichstags. Christo ist von der Lage und Symbolik des Gebäudes begeistert.1973: Der Künstler richtet ein Büro in Berlin ein.1976: Erster Berlin-Besuch und Treffen mit Kulturpolitikern.1977: Der damalige Bundestagspräsident Carl Carstens (CDU) lehnt die Verhüllung ab. Er befürchtet, der Symbolcharakter des Gebäudes könne Schaden nehmen. Der Regierende Bürgermeister Klaus Schütz (SPD) und SPD-Chef Willy Brandt engagieren sich für das Projekt.1979: Carstens-Nachfolger Richard Stücklen (CSU) bestätigt das Nein seines Vorgängers.1982: Der damalige Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker (CDU) trifft Christo und verspricht, mit Stücklen zu sprechen.1984: Der neue Parlamentspräsident Rainer Barzel (CDU) ist für die Verhüllung und schlägt das Jahr 1985 vor. Nachfolger Philipp Jenninger (CDU) lehnt das Projekt ab.1989: Am 9. November fällt die Mauer. Mit der Wiedervereinigung (1990) und dem Beschluß, das Parlament von Bonn nach Berlin zu verlegen (1991), ist auch für Christos Pläne eine neue politische Situation entstanden. Zustimmung wächst.1992: Bundesstagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) empfängt Christo und Jeanne-Claude in Bonn und sagt ihre Unterstützung zu.1993: Süssmuth eröffnet eine Ausstellung zum Reichstag-Projekt in der Lobby des Bonner Bundestages. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Fraktionschef Wolfgang Schäuble lehnen die Verhüllung ab. Schäuble warnt, mit dem Reichstag dürfe nicht experimentiert werden.1994: In einer namentlichen Abstimmung stimmen am 25. Februar 292 vom Fraktionszwang befreite Abgeordnete des Bundestages für das Projekt, 223 dagegen. Christo, der die Kosten von rund zehn Millionen Mark selbst aufbringen will, vergibt unmittelbar danach die Aufträge für die Herstellung der silbrigen Verpackungsfolie an deutsche Firmen.1995, Mai: Noch einmal wankt der Zeitplan der Verhüllung. Das Magazin "Stern" plant in der von Christo festgelegten Bannmeile um den Reichstag einen Pavillon nahe dem Brandenburger Tor. Es kommt zum gerichtlichen Vergleich; die Rotunde erhält einen anderen Ort.

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