Rentenreform

Jeder dritte Ost-Neurentner nutzt diese Rente – jetzt soll sie fallen

Rente mit 63 vor dem Aus: Warum Ostdeutsche stärker betroffen wären. Neue Zahlen der Rentenversicherung und Stand der Rentenreform 2026.

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Rentnerinnen und Rentner auf einer Parkbank: Im Osten geht jeder dritte Neurentner über die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren. Die Rentenkommission will sie abschaffen. (Symbolbild)

Rentnerinnen und Rentner auf einer Parkbank: Im Osten geht jeder dritte Neurentner über die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren. Die Rentenkommission will sie abschaffen. (Symbolbild)

© Imago

Jeder dritte Mensch, der in Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Thüringen in Rente geht, nutzt dafür die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren. Genau diese Rente will die Rentenkommission der Bundesregierung abschaffen.

Zum Tag der Deutschen Einheit zeigt sich damit eine Lücke, die kein Rentenwert schließt. Seit Juli 2023 ist ein Rentenpunkt in Ost und West zwar gleich viel wert. Doch die Reform träfe den Osten an seiner empfindlichsten Stelle.

Rente mit 63 im Osten: Jeder Dritte geht diesen Weg

Laut Deutscher Rentenversicherung Mitteldeutschland gingen 2025 in den drei Ländern 101.298 Menschen erstmals in Altersrente. 33.741 von ihnen nutzten die Rente für besonders langjährig Versicherte.

Für ganz Ostdeutschland einschließlich Ost-Berlin nennt das Verbraucherportal Bürger & Geld unter Berufung auf Rentenversicherungsdaten einen Anteil von 32,8 Prozent. Im Westen seien es 28 Prozent gewesen.

Der Grund liegt in den Lebensläufen. Wer in der DDR ins Berufsleben startete, arbeitete meist früh und ohne lange Pausen, Frauen eingeschlossen. Die 45 Jahre kommen dadurch schlicht häufiger zusammen.

Ost-Berlin: Die höchsten Frauenrenten des Landes

Das zeigt sich auch in Berlin. In der Statistik der Rentenversicherung zählt Ost-Berlin zu den neuen Ländern, West-Berlin zu den alten.

Frauen in Ost-Berlin mit mindestens 35 Versicherungsjahren bekamen laut Rentenatlas 2025 im Schnitt rund 1.682 Euro brutto. Das ist die höchste Frauenrente in Deutschland. Männer kamen dort auf rund 1.847 Euro.

Hohe gesetzliche Renten sind im Osten also keine Seltenheit. Sie sind nur fast immer das einzige, was im Alter aufs Konto kommt.

Betriebsrente im Osten: Meist Fehlanzeige

Nach dem Alterssicherungsbericht der Bundesregierung leben 74 Prozent der Menschen ab 65 im Osten bei der eigenen Alterssicherung ausschließlich von der gesetzlichen Rente. Im Westen sind es 47 Prozent.

Eine Betriebsrente bekommen im Westen 32 Prozent der Älteren, im Osten nur 19 Prozent. Und wer eine hat, erhält im Westen netto rund 517 Euro, im Osten rund 255 Euro.

Ein Netz aus Betriebsrenten und privaten Policen, über Jahrzehnte gewachsen, gab es in der DDR nicht. Die Berliner Zeitung hat im Sommer beschrieben, wie sich das bis heute auswirkt.

Ärmer sind Ost-Rentner deswegen nicht automatisch. Die Grundsicherungsquote ab der Regelaltersgrenze liegt laut Bericht im Osten ohne Berlin bei 1,7 Prozent, bundesweit bei 3,9 Prozent. Das Risiko im Osten ist nicht die Höhe der Rente, sondern dass sie allein trägt.

Rentenkommission: Was sie konkret vorschlägt

Die Kommission hat am 23. Juni 2026 ihre 33 Empfehlungen vorgelegt. Die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren soll wegfallen, wer früher geht, soll grundsätzlich wieder Abschläge zahlen.

Als Ersatz ist eine „Schutzrente“ vorgesehen. Sie soll nur greifen, wenn jemand lange eingezahlt hat und kurz vor der Rente aus gesundheitlichen Gründen seinen Beruf nicht mehr ausüben kann.

Außerdem soll die Regelaltersgrenze ab Anfang der 2030er-Jahre an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Nach heutigen Prognosen wäre das etwa ein halbes Jahr mehr alle zehn Jahre.

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Rechenbeispiel: So viel kosten zwei Jahre Abschlag

Ein Beispiel: Eine Frau aus Leipzig, Jahrgang 1966, hat mit 65 ihre 45 Versicherungsjahre voll. Nach heutigem Recht dürfte sie dann abschlagsfrei gehen.

Fällt die Regel weg, läge ihr Rentenbeginn zwei Jahre vor der Regelaltersgrenze von 67. Pro Monat werden 0,3 Prozent abgezogen, macht 7,2 Prozent. Und zwar für den Rest ihres Lebens.

Bei einer Rente in Höhe des mitteldeutschen Neurenten-Schnitts von 1.272 Euro fehlen ihr grob gerechnet rund 90 Euro im Monat. Steigt ihre Regelaltersgrenze wie vorgeschlagen leicht an, wird der Abschlag noch größer.

Das ist eine vereinfachte Modellrechnung nach geltendem Abschlagsrecht. Wie Übergänge und Stichtage im Gesetz aussehen, ist offen.

Vertrauensschutz: Was Bärbel Bas zusagt

Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hat in der Haushaltsdebatte am 11. September im Bundestag Vertrauensschutz versprochen. Die Rente nach 45 Jahren werde nicht „übermorgen“ abgeschafft.

Bereits Ende August hatte sie eine Übergangsfrist von rund fünf Jahren als Orientierung genannt. Die Abschaffung selbst sieht Bas kritisch, die Reform insgesamt trägt sie mit.

Ende September forderte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) sie öffentlich auf, endlich einen Gesetzentwurf vorzulegen. Einen offiziellen Referentenentwurf mit Stichtagen gibt es bislang nicht.

Rente nach 45 Jahren: Was jetzt gilt

Bis ein Gesetz beschlossen ist, bleibt alles beim Alten. Jahrgang 1962 kann mit 45 Versicherungsjahren ab 64 Jahren und acht Monaten abschlagsfrei gehen, ab Jahrgang 1964 liegt die Grenze bei 65.

Wer schon Rente bezieht, ist von den Plänen nicht betroffen. Es geht um künftige Rentenbeginne.

Was rentennahe Jahrgänge jetzt tun sollten

Wichtigster Schritt ist eine Kontenklärung bei der Rentenversicherung. Gerade DDR-Zeiten und frühe Ausbildungsjahre fehlen im Versicherungsverlauf öfter, als viele denken.

Danach lohnt eine Rentenauskunft, die mehrere mögliche Startzeitpunkte durchrechnet. Kündigung oder Aufhebungsvertrag sollten warten, bis Stichtage und Übergangsregeln feststehen.

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