Exzellenzforschung

Forschung an der Schiller-Universität: Jena hat neues Haus für die unsichtbare Welt

Drei Tage nach der Entscheidung über den Exzellenzstatus eröffnet die Universität auf dem Beutenberg das Microverse Center. Der Bau soll mit seinen Laboren internationale Forschende vernetzen.

6 Min
Politische Prominenz zur Einweihung des neuen Microverse Centers: Bundesforschungsministerin Dorothee Bär, Thüringens Wissenschaftsminister Christian Tischner (l.) und Ministerpräsident Mario Voigt ließen sich von Georg Pohnert die Labormöglichkeiten erläutern.

Politische Prominenz zur Einweihung des neuen Microverse Centers: Bundesforschungsministerin Dorothee Bär, Thüringens Wissenschaftsminister Christian Tischner (l.) und Ministerpräsident Mario Voigt ließen sich von Georg Pohnert die Labormöglichkeiten erläutern.

© Ingo Eckardt / Ostdeutsche Allgemeine

In diesem Labor geht es um Dinge, die mit bloßem Auge niemand sieht. Rutuja Karmalkar blickt durch ein Mikroskop auf eine Probe – unter den Augen der Anwesenden. Wenige Schritte entfernt stehen weitere Räume bereit, in denen künftig Forschende aus verschiedenen Fachgebieten und aller Herren Länder gemeinsam arbeiten sollen. Oben, auf der Dachterrasse, öffnet sich der Blick über Jena. Das neue Microverse Center Jena soll beides ermöglichen: den genauen Blick auf die kleinsten Lebewesen und den Austausch über größere Zusammenhänge.

Am Montagnachmittag hat die Friedrich-Schiller-Universität Jena den Forschungsbau an der Rosalind-Franklin-Straße offiziell eröffnet. Rund 140 Gäste kamen auf den Beutenberg-Campus, unter ihnen Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU), Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt und Wissenschaftsminister Christian Tischner (beide CDU). Der Termin fiel in eine für die Hochschule besondere Woche: Erst am 2. Oktober wurde bekannt, dass Jena künftig als zweite Exzellenzuniversität Ostdeutschlands gefördert wird.

Rutuja Karmalkar ist eine der Forschenden im neuen Laborzentrum. Sie und ihre Kollegen haben nun neue Möglichkeiten, ihre Forschung international klug zu vernetzen.

Rutuja Karmalkar ist eine der Forschenden im neuen Laborzentrum. Sie und ihre Kollegen haben nun neue Möglichkeiten, ihre Forschung international klug zu vernetzen.

© Ingo Eckardt / Ostdeutsche Allgemeine

Universitätspräsident Andreas Marx war die Freude darüber bei der Eröffnung noch anzumerken. Der Erfolg sei das Ergebnis einer über Jahrzehnte gewachsenen Zusammenarbeit, sagte er. „Gebäude machen noch keine Wissenschaft“, gab Marx zu bedenken. Entscheidend seien die Menschen und ihre Ideen. Im Microverse Center bekomme die Forschung nun aber einen Ort, „der  Möglichkeiten für Zusammenarbeit, Austausch und neue Ideen eröffnet“. Jenas zwei Exzellenzcluster hätten die Voraussetzung für den neuen Status der Universität geschaffen. Neben „Balance of the Microverse“ gehört dazu der geistes- und sozialwissenschaftliche Cluster „Imaginamics“.

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Wenn Mikroben miteinander sprechen

Im neuen Haus steht die Frage im Mittelpunkt, wie Mikroorganismen zusammenleben. Bakterien, Pilze und Algen kommen selten allein vor. Sie bilden Gemeinschaften, reagieren aufeinander und auf Veränderungen ihrer Umgebung. Was hält solche Systeme im Gleichgewicht? Und was geschieht, wenn dieses Gleichgewicht gestört wird? Der Exzellenzcluster „Balance of the Microverse“ untersucht diese Fragen mit Methoden unter anderem aus Mikrobiologie, Chemie, Medizin, Physik und Bioinformatik.

Clustersprecherin Kirsten Küsel will die Fachgrenzen dabei möglichst durchlässig halten. „Das Microverse Center soll ein Kristallisationspunkt für die Mikrobiomforschung werden“, sagt sie. Forschende aus Jena und aller Welt sollten hier ihre Expertise zusammenbringen. In den Gesprächen und Führungen bei der Eröffnung wurde deutlich, wie weit die Themen reichen: von Mikroorganismen, die an der Reinigung von Grundwasser beteiligt sind, über mikrobielle Prozesse im menschlichen Körper bis zur Grundlagenforschung über Lebensgemeinschaften im Meer. Auch bei schweren Erkrankungen wie einer Sepsis könnte ein besseres Verständnis solcher Wechselwirkungen neue Forschungsansätze eröffnen, wie Vizeforschungspräsident Georg Pohnert erläuterte.

Umfassende Informationen zum nun eröffneten Neubau des Microverse Centers gab es von Clustersprecherin Kirsten Küsel, Uni-Präsident Andreas Marx, Architekt Michael Rommel und Vize-Laborchef Georg Pohnert (v.r.n.l.).

Umfassende Informationen zum nun eröffneten Neubau des Microverse Centers gab es von Clustersprecherin Kirsten Küsel, Uni-Präsident Andreas Marx, Architekt Michael Rommel und Vize-Laborchef Georg Pohnert (v.r.n.l.).

© Ingo Eckardt / Ostdeutsche Allgemeine

Modernste Technik für internationale Spitzenforschung

Rund 5.000 Quadratmeter Fläche umfasst das Gebäude. Es ist für etwa 170 Forscher und 30 Beschäftigte in wissenschaftsunterstützenden Bereichen ausgelegt; hinzu kommen Arbeitsplätze für Promovierende und Gäste. Derzeit seien bereits Forscher aus Kyoto in Japan, aus Südafrika und Frankreich in Jena, hieß es bei der Eröffnung. Der internationale Austausch soll weiter wachsen. Gerade dafür sind offene Arbeitsplätze und gemeinsam nutzbare Geräte vorgesehen: Nicht jede Forschungsgruppe muss ein teures Spezialmikroskop allein anschaffen, wenn mehrere Teams Zugang dazu bekommen können.

Ein Beispiel ist das Microverse Imaging Center. Dort sollen unterschiedliche Mikroskope Untersuchungen ermöglichen, die einzelne Arbeitsgruppen kaum jeweils für sich finanzieren könnten. „Die Geräte müssen dabei nicht nur hochauflösend sein; manche Proben sollen möglichst schonend und über längere Zeit beobachtet werden“, erläuterte Aurelia Jost. Das Zentrum ist damit nicht allein ein repräsentativer Neubau, sondern vor allem eine Infrastruktur, die Forscher gemeinsam nutzen sollen.

Ein Gebäude um die Forschung herum gedacht

Wie diese Arbeit aussehen soll, hat auch die errichtete Architektur bestimmt. Georg Pohnert beschrieb bei der Eröffnung ein Haus, das um die Anforderungen der Wissenschaft herum gebaut worden sei. Labore für biochemische Untersuchungen brauchen andere Bedingungen als Bereiche für empfindliche Mikroskopie. Erschütterungen können Messungen beeinträchtigen.

Architekt Michael Rommel erläuterte, das Gebäude sei deshalb von innen nach außen konzipiert worden. „Zuerst geht es um die Forschungsanforderungen, dann um die Räume und ihre Gestalt. Zugleich sollten Flure, Begegnungsflächen und die Dachterrasse Gelegenheiten schaffen, einander jenseits des eigenen Labors zu treffen“, so Rommel.

Die herrliche Dachterrasse des Microverse Centers in Jena bietet einen schönen Blick über die Stadt und soll die Forscher zu interdisziplinärem Austausch anregen.

Die herrliche Dachterrasse des Microverse Centers in Jena bietet einen schönen Blick über die Stadt und soll die Forscher zu interdisziplinärem Austausch anregen.

© Ingo Eckardt / Ostdeutsche Allgemeine

Der Bau verbindet Stahlbeton und Holz; zur Ausstattung gehören eine Holzfassade, Photovoltaik, ein Gründach und Wärmespeicher. Die Fertigstellung dauerte einige Monate länger als zunächst vorgesehen. Nach den Angaben des Erfurter Architekten bei der Eröffnung verzögerte unter anderem die aufwendige Entkopplung erschütterungsempfindlicher Bereiche den Rohbau um mehrere Monate. Beim Einzug sei zudem darauf geachtet worden, laufende Forschungsarbeiten nicht unnötig zu unterbrechen. Erfreulich: Mit 48,7 Millionen Euro Baukosten habe man quasi eine Punktlandung hingelegt. „Wenn man bedenkt, dass die Planungen fünf Jahre her sind, darf man schon stolz sein“, sagte Rommel der Ostdeutschen Allgemeinen.

Positive Nachricht: Baukosten wurden eingehalten

55,6 Millionen Euro wurden nach Angaben der Universität insgesamt investiert. Der Freistaat Thüringen trägt davon 27,8 Millionen Euro, der Bund 20,6 Millionen und die Universität 7,2 Millionen Euro. Ministerpräsident Voigt sprach bei der Eröffnung von Spitzenbedingungen, die Thüringen schaffen müsse, um Talente zu gewinnen. Bundesforschungsministerin Bär hob den Erfolg Jenas im Wettbewerb der Wissenschaften hervor: „Es ist wichtig, dass es im Osten eine zweite Exzellenzuni gibt, das ist aber keine Frage des Proporzes.“ Jena habe sich in einem wissenschaftsgeleiteten Verfahren durchgesetzt, erklärte sie auf Nachfrage unserer Redaktion.

Was im neuen Zentrum erforscht wird, soll nicht nur unter Fachleuten ein Thema bleiben. Bei speziellen Angeboten für Kinder ging es zuletzt bereits darum, Mikroorganismen unter dem Mikroskop sichtbar und ihre Wechselwirkungen verständlich zu machen. Schulen und Kindergärten möchte der Cluster als Multiplikatoren in die Jenaer Familien erreichen.

Das passt zu dem Anspruch, der während der Eröffnung immer wieder aufschien: Forschung über eine unsichtbare Welt soll erklären helfen, was Menschen unmittelbar betrifft – ihr Wasser, ihre Gesundheit und ihre Umwelt. Ob das Microverse Center diese Erwartungen erfüllt, werden nicht die Reden des Eröffnungstages entscheiden, sondern die Arbeit in seinen Laboren, die im neuen Laborzentrum ein neues Level erreichen können.

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