Firmeninsolvenz

Keine Rettung für Kahla: Thüringer Porzellanhersteller stellt Produktion ein

Es gab viele Interessenten, aber am Ende keinen Käufer. Die Porzellanmanufaktur Kahla stellt zum Jahresende den Betrieb ein. Damit geht eine 182-jährige Tradition zu Ende.

4 Min
Kahla setzte auf Porzellan für die Sinne, das man nicht nur sehen, sondern auch fühlen konnte. Zu den Kunden zählte viele Jahre auch die Großgastronomie.

Kahla setzte auf Porzellan für die Sinne, das man nicht nur sehen, sondern auch fühlen konnte. Zu den Kunden zählte viele Jahre auch die Großgastronomie.

© Imago

Es ist das Ende einer Ära. Die Porzellanmanufaktur Kahla steht vor dem endgültigen Aus. Nach einer monatelangen, verzweifelten Suche nach neuen Geldgebern verkündete Insolvenzverwalter Rolf Rombach am Mittwoch im Gespräch mit dem MDR das Scheitern der Verhandlungen. Zum Jahresende werden die Brennöfen abgeschaltet. Bis dahin sollen noch verbliebene Aufträge abgearbeitet werden.

Das Unternehmen hatte im Frühjahr 2026 Insolvenz beantragt. Die Finanznöte kamen mit Ansage. Zum einen verteuerten die stark gestiegenen Energiepreise die Produktionskosten, zum anderen blieb die Nachfrage aus. Vor allem von Großkunden aus der Gastronomie gingen zuletzt immer weniger Bestellungen ein. Insolvenzverwalter Rolf Rombach aus Erfurt betreute das Verfahren. Er zeigte sich zunächst zuversichtlich, es gebe eine ganze Reihe von Übernahmeinteressenten. Zuletzt blieb ein Verhandlungspartner aus der Türkei übrig, doch auch diese Gespräche scheiterten, sodass nun die Betriebsschließung ansteht. Für die knapp 100 Mitarbeiter bedeutet das den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Für die Region, den Freistaat Thüringen, geht ein langes Stück Industriegeschichte zu Ende.

Der Blick in die Archive zeigt, dass Kahla immer wieder um sein Überleben kämpfen musste. Es ist die dritte große Insolvenz in der jüngeren, privatwirtschaftlichen Ära des Betriebs, die sein Ende nun besiegelt. Nach dem Zusammenbruch der DDR stand das einstige Kombinat VEB Feinkeramik, das zu Spitzenzeiten rund 18.000 Menschen in verschiedenen Betrieben beschäftigte, vor dem Nichts. Die Treuhandanstalt verkaufte den VEB Vereinigte Porzellanwerke Kahla an den Düsseldorfer Rechtsanwalt und Unternehmensberater Florian J. Hoffmann. Der scheiterte trotz neuer Formenentwicklungen am fehlenden Absatz. Die Exporte nach Osteuropa und Nordamerika waren von heute auf morgen quasi komplett weggebrochen, sodass das Unternehmen 1993 Konkurs anmelden musste.

1994 übernahm der Ex-Rosenthal-Vorstand Günther Raithel das Werk. Kahla wurde zur Design-Marke. Gestalter kreierten neue Formen und erfanden das rutschfeste Porzellan dank aufgebrachter Veloursoberflächen. In die Fertigungslinien mussten Millionen investiert werden. Bei der Finanzierung unterstützte mehrfach das Land Thüringen. Und genau das rief 2002 die Europäische Union auf den Plan. Es ging um insgesamt 15,7 Millionen Euro.

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Die EU-Kommission stufte einen Großteil dieser Finanzhilfen als wettbewerbswidrig ein und forderte die Bundesregierung auf, die unberechtigten Beihilfen zurückzufordern. Da Deutschland das Geld zunächst nicht eintrieb, kam es zu einem Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH), der im Juni 2008 feststellte, dass Deutschland gegen EU-Recht verstoßen hatte. Kahla musste daraufhin Beihilfen in Höhe von rund vier Millionen Euro zurückzahlen.

Steigende Energiepreise und sinkende Nachfrage

Der Expansionskurs endete jäh. Ein geplatzter internationaler Großauftrag und die Corona-Pandemie führten im März 2020 zur zweiten Insolvenz, woraufhin sich die Familie Raithel zurückzog. Im September 2020 übernahm der Hamburger Sanierungsexperte und Investor Daniel Jeschonowski das Ruder. Jeschonowski hatte sich zuvor mit der Restrukturierung des Schreibgeräteherstellers Senator einen Namen gemacht. Er setzte auf radikale Prozessvereinfachung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit „Made in Germany“. Zudem verknüpfte er das Werbeartikelgeschäft von Senator eng mit dem Bereich der thüringischen Porzellanmanufaktur. Jeschonowski sparte, auch am Personal. Von den einst übernommenen 170 Beschäftigten sind heute nur noch 100 im Unternehmen.

Im März dieses Jahres meldete Jeschonowski, der in Hamburg geboren wurde, aber in Greifswald aufwuchs, für seine beiden Firmen, Senator und Kahla Porzellan, Insolvenz an. Zuvor hatte er schon mehrfach öffentlich die erdrückenden Rahmenbedingungen für den deutschen Mittelstand angemahnt. Während für den Schreibgerätehersteller im Spätsommer 2026 eine Nachfolgelösung gefunden wurde, gehen im Kahlaer Werk zum Jahresende die Lichter aus – zum ersten Mal in der über 180-jährigen Unternehmensgeschichte.

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