Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
Ulf Heuner, Doktor der Philosophie, fühlt sich berufen, in der Berliner Zeitung bzw. Ostdeutschen Allgemeinen „über die großen begrifflichen und logischen Unzulänglichkeiten“ im Werk von Karl Marx aufzuklären, bei dem es sich insgesamt um einen „lausigen Philosophen“ gehandelt habe. Heuners Qualifikation auf dem Gebiet ist ihm nicht abzusprechen, stehen doch nach eigenem Bekunden die drei Bände des „Kapitals“ seit 35 Jahren ungelesen in seinem Bücherregal. Im Artikelteaser wird eine erneute Lektüre von „Das Kapital“ in der Fassung des Karl-Dietz-Verlags mit immerhin 2524 Seiten angekündigt. Was Heuner in Wahrheit leistet, ist eine Bezeugung der eigenen Illiteralität.
Ganz offenkundig hat der in der „Frankfurter Schule“ ausgebildete Philosoph vom „Kapital“ nicht mehr als drei Seiten gelesen. Das hört sich dann so an: „Bereits bei der Lektüre der ersten Seiten musste ich aufpassen, mich nicht an den zuvor in den Philosophentee getunkten Sandkuchenstücken zu verschlucken. Dem mit ‚Die Ware‘ betitelten ersten Kapitel des ersten Abschnitts folgt die Überschrift des ersten Unterkapitels: ‚Die zwei Faktoren der Ware. Gebrauchswert und Wert (Wertsubstanz, Wertgröße)‘. Hier stellt man sich sogleich die Frage, wie der allgemeine Begriff ‚Wert‘ dem bestimmten Begriff ‚Gebrauchswert‘ so gegenübergestellt werden kann. Ist der Gebrauchswert dann gar kein Wert, obwohl das Kompositum ‚Gebrauchswert‘ ‚Wert‘ als Stammwort hat? Die Antwort lautet tatsächlich Ja und die Auflösung folgt drei Seiten weiter.“
Wer ist ein Faschist und wer nicht: Herr Kowalczuk, erklären Sie mir Ihren Maßstab!
Eine Berlinerin in Sachsen-Anhalt: Ich wollte nur mein Fahrrad holen
Marx und die „Entfremdung“ des Menschen
Marx unterscheidet auf den ersten Seiten des „Kapitals“ die Ware hinsichtlich ihres Gebrauchswerts und ihres Tauschwerts. Der Gebrauchswert der Ware macht sie aus, ohne eine Nützlichkeit im Gebrauch wäre sie keine Ware. Bei Marx klingt das so: „Die Ware ist zunächst ein äußrer Gegenstand, ein Ding, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt. Die Natur dieser Bedürfnisse, ob sie z. B. dem Magen oder der Phantasie entspringen, ändert nichts an der Sache.“ Im Tauschwert jedoch werden die Waren untereinander vergleichbar, was jedoch nur möglich ist, wenn man vom Gebrauchswert der Ware absieht: „Als Gebrauchswerte sind die Waren vor allem verschiedner Qualität, als Tauschwerte können sie nur verschiedner Quantität sein, enthalten also kein Atom Gebrauchswert.“
Diese Unterscheidung wird von Marx klar und deutlich vorgetragen. Heuner stört sich daran, dass Marx nun offensichtlich den Tauschwert der Waren mit dem „allgemeinen Begriff Wert“ gleichsetzt. Marx tut dies in der Tat, jedoch mit einem klaren Ziel: der Entwicklung der Arbeitswerttheorie.
Die Gebrauchswerte der Waren unterscheiden sich ganz offensichtlich von Person zu Person, von Situation zu Situation: Für den Fischer hat die Angel gewiss einen Gebrauchswert, darum wird er sie gerne erwerben, für den Fabrikbesitzer jedoch ist sie ungeeignet. Das meint Marx mit „Waren (…) verschiedner Qualität“. Der Tauschwert der Waren jedoch – in Geld ausgedrückt, aber nicht am Geld gemessen – macht sie „kommensurabel“, also untereinander vergleichbar und messbar. Darum ist der Tauschwert in der Gesellschaft der kapitalistischen Produktion der vorrangige, und exakt darum nennt Marx ihn schließlich einfach „Wert“.
Die Nivellierung aller Waren in einer einzigen Sphäre, eben der ihrer Austauschbarkeit untereinander, ist für Marx Charakteristikum der kapitalistischen Produktion und trägt zur „Entfremdung“ des Menschen bei. Das gilt für den Arbeiter, der Waren herstellt, die ihm nicht als Gebrauchswert dienen – „Das Produkt seiner Tätigkeit ist […] nicht der Zweck seiner Tätigkeit“ – ebenso wie für die Konsumenten, denen die Waren schließlich nur noch als Träger verschiedener Tauschwerte, erkennbar am Preis, erscheinen. Entfremdung ist ein zentraler Begriff bei Marx, um das menschliche Leben unter kapitalistischen Produktionsbedingungen zu analysieren. Wie nun aber realisiert sich der Tauschwert der Waren?
Blaue Mauritius: Wertvoll, aber was bestimmt ihren Wert?
© Ingo Schulz/Imago
Wie Marx ein logisches Dilemma löst
Die Vergleichbarkeit der Waren kommt in der Marx’schen Theorie nicht etwa dadurch zustande, dass alle Waren am Maßstab des Geldes gemessen werden. Marx’ Ansatz ist gewitzter: Der Tauschwert der Ware wird bestimmt durch die Arbeitszeit, die zu ihrer Produktion nötig ist. Da nun alle Waren mittels menschlicher Arbeitskraft erzeugt werden – dies macht sie aus: Jeder Rohstoff, der gefördert wird, jedes zusammengeschraubte Auto, jedes im Klärwerk aufbereitete Abwasser ist Produkt menschlicher Arbeit –, bildet die investierte Arbeitskraft einen allgemeinen Wertmaßstab. Dies bezeichnet der Begriff „Arbeitswerttheorie“. Heuner meint nun, darin den größtmöglichen Widerspruch gefunden zu haben, wenn er schreibt:
„Ein sich aus der Bestimmung des Warenwerts ergebendes weiteres großes logisches Problem ist Marx selbst aufgefallen. Wenn das Maß des Warenwerts allein die Arbeitszeit ist, ergibt sich daraus, dass ‚je fauler oder ungeschickter ein Mann, desto wertvoller seine Ware, weil er desto mehr Zeit zu ihrer Verfertigung braucht‘. Dieses logische Dilemma löst Marx, indem er einfach ‚eine gesellschaftliche Durchschnittsarbeitskraft‘ und damit eine durchschnittliche Arbeitszeit zugrunde legt. Was nicht passt, wird passend gemacht. Wenn bereits am Fundament gepfuscht wird, gilt beim Haus- wie Theoriebau, dass der Überbau permanent einsturzgefährdet ist.“
Heuner zitiert hier von der dritten Seite des Kapitels über die Ware, und natürlich tut er dies unvollständig. Das „große logische Problem“ wird bei Marx nämlich als vermeintlicher Einwand gegen seine Theorie dargestellt und sofort gelöst. Er schreibt: „Es könnte scheinen, daß, wenn der Wert einer Ware durch das während ihrer Produktion verausgabte Arbeitsquantum bestimmt ist, je fauler oder ungeschickter ein Mann, desto wertvoller seine Ware, weil er desto mehr Zeit zu ihrer Verfertigung braucht. Die Arbeit jedoch, welche die Substanz der Werte bildet, ist gleiche menschliche Arbeit, Verausgabung derselben menschlichen Arbeitskraft. Die gesamte Arbeitskraft der Gesellschaft, die sich in den Werten der Warenwelt darstellt, gilt hier als eine und dieselbe menschliche Arbeitskraft, obgleich sie aus zahllosen individuellen Arbeitskräften besteht. Jede dieser individuellen Arbeitskräfte ist dieselbe menschliche Arbeitskraft wie die andere, soweit sie den Charakter einer gesellschaftlichen Durchschnittsarbeitskraft besitzt und als solche gesellschaftliche Durchschnittsarbeitskraft wirkt, also in der Produktion einer Ware auch nur die im Durchschnitt notwendige oder gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit braucht. (…)
Nach der Einführung des Dampfwebstuhls in England z. B. genügte vielleicht halb so viel Arbeit als vorher, um ein gegebenes Quantum Garn in Gewebe zu verwandeln. Der englische Handwerker brauchte zu dieser Verwandlung in der Tat nach wie vor dieselbe Arbeitszeit, aber das Produkt seiner individuellen Arbeitsstunde stellte jetzt nur noch eine halbe gesellschaftliche Arbeitsstunde dar und fiel daher auf die Hälfte seines früheren Wertes.“
Heuners Flucht in die Sekundärliteratur
Marx betreibt Nationalökonomie, oder modern ausgedrückt: Volkswirtschaftslehre. Er betrachtet den kapitalistischen Produktionsprozess folglich in seiner Gesamtheit und nicht anhand eines bestimmten Unternehmens (was die betriebswirtschaftliche Perspektive wäre). Sowohl Kapitalisten als auch Arbeiter stehen untereinander in Konkurrenz: Kein Arbeiter, der die doppelte Zeit benötigt, um die gleiche Menge Waren herzustellen, wird eingestellt werden, kein Kapitalist, der ihn einstellt, wird seine Waren zum doppelten Preis verkaufen können. Die „gesellschaftliche Durchschnittsarbeitskraft“ ist also notwendige Folge einer kapitalistischen Nationalökonomie.
Nach diesem Ausflug in die Untiefen (der ersten drei Seiten des ersten Bandes) des „Kapitals“ war es Heuner dann wohl auch ungeheuer und er flüchtet zur Sekundärliteratur, genauer zu den „Vorlesungen zur Einführung ins ‚Kapital‘“ von Wolfgang Fritz Haug. Haug, ein marxistischer Philosoph, wird zum Kronzeugen der Kritik berufen, weil er folgende Frage aufwirft: „Wie kommt es, dass die Blaue Mauritius so viel ‚wert‘ ist, obwohl sie doch im Bruchteil einer Sekunde gedruckt worden ist?“
Wer solche Fragen stellt, hat den elementaren Unterschied zwischen Wert und Preis nicht verstanden. Der Preis ist der in Geldform ausgedrückte Warenwert. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass der Preis stets die real benötigte Arbeitszeit zur Produktion der Ware abbildet. Man denke nur an die Preise für Getränke an Flughäfen: Wurden sie etwa mit viel höherem Arbeitsaufwand hergestellt? Ersichtlich nicht. Sobald es möglich ist, schlägt der Kapitalist oder der Händler drauf, was nur geht.
Bei Marx klingt diese Unterscheidung von Wert und Preis so: „Der Preis ist der Geldname der in der Ware vergegenständlichten Arbeit. (…) Wenn aber der Preis als Ausdruck der Wertgröße der Ware Ausdruck ihres Austauschverhältnisses mit Geld, so folgt nicht umgekehrt, daß der Ausdruck ihres Austauschverhältnisses mit Geld notwendig der Ausdruck ihrer Wertgröße ist. Gesellschaftlich notwendige Arbeit von gleicher Größe stelle sich in 1 Quarter Weizen und in 2 £ (ungefähr ½ Unze Gold) dar. Die 2 £ sind Geldausdruck der Wertgröße des Quarters Weizen oder sein Preis. Erlauben nun die Umstände, ihn zu 3 £ oder zwingen sie, ihn zu 1 £ zu notieren, so sind 1 £ oder 3 £ als Ausdrücke der Wertgröße des Weizens zu klein oder zu groß, aber sie sind dennoch Preise desselben, denn erstens sind sie seine Wertform, Geld, und zweitens Ausdrücke seines Austauschverhältnisses mit Geld.“
Die vergessene Geschichte: Wie eng Deutsche und Russen einst verbunden waren
Vom Ost-Berliner Wohnviertel bis zur Biennale in Venedig: Das Comeback der Platte
Was Jacques Derrida bezüglich Marx geschrieben hat
Der Preis einer Ware wird bestimmt von Angebot und Nachfrage, was den hohen Preis der Blauen Mauritius erklärt. Ihr Wert jedoch wird bestimmt durch die in ihr gespeicherte menschliche Arbeitskraft, beträgt also in der Tat nur wenige Cent. Die Marx’sche Theorie ist kohärent und in sich sowohl geschlossen als auch schlüssig. Dass die Preise nicht immer die Werte der Waren widerspiegeln, mag nur den überraschen, der in den heutigen Wirtschaftswissenschaften lernt, der Wert der Waren werde durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage bestimmt. In Wahrheit gilt dies immer nur für ihren Preis.
Jacques Derrida schrieb einst: „Es wird immer ein Fehler sein, Marx nicht zu lesen, ihn nicht wiederzulesen und über ihn nicht zu diskutieren.“ Ulf Heuner hat diese Klimax wahrlich erfüllt. Wer sich, ohne sich offenbar nur ein einziges Kapitel des „Kapitals“ vollständig zu Gemüte geführt zu haben, am Schluss noch berufen fühlt, vor einer „affirmativen“ Lektüre von Marx zu warnen, da „aus dieser ‚Wissenschaft‘ diktatorische Gesellschaften gestrickt wurden, mit Millionen von Toten und Gulag-Insassen als Resultat“, der hat sich als Philosoph wie als Historiker schlicht disqualifiziert. Schlechter als keine Marx-Lektüre ist schließlich nur die schlechte und unvollständige Marx-Lektüre.
Ramón Dersch, Jahrgang 1997, hat einen Masterabschluss in Empirischer Kulturwissenschaft. Während seine ursprünglichen intellektuellen Interessen in der Philosophie lagen, haben sich seit den jüngsten globalen Entwicklungen – Corona-Pandemie und der Krieg gegen Russland – seine Hauptforschungsfelder auf Phänomene der Macht verlagert. Aktuell arbeitet er an einem größeren Werk zum Themenkomplex Geld und Gewalt.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]