Kriminalität

KI-Kameras am Kottbusser Tor: Polizei startet Probebetrieb

30 Kameras, 1,9 Millionen Euro: Ab November erkennt eine KI am Kottbusser Tor Schläge und Tritte. Die Polizei versichert, dass sie sich an den Datenschutz halte.

4 Min
In der Polizeiwache am Kottbusser Tor gehen die Monitore an, wenn sich zwei Menschen prügeln. Dies war eine für die Medien gestellte Szene.

In der Polizeiwache am Kottbusser Tor gehen die Monitore an, wenn sich zwei Menschen prügeln. Dies war eine für die Medien gestellte Szene.

© Maurizio Gambarini/imago

Es sind 30 Kameras an 15 Standorten: Am Kottbusser Tor in Kreuzberg beginnt nächste Woche der vierwöchige „Echtzeit-Probebetrieb“ eines Überwachungssystems, das nach Angaben der Polizei das modernste in Deutschland ist.

Mit zahlreichen Straftaten ist das Kottbusser Tor einer der am stärksten kriminalitätsbelasteten Orte Berlins. Drogenhandel, Diebstahl, Raub und Körperverletzungen gehören hier zum Alltag, weshalb die Polizei im Februar 2025 eine eigene Nebenwache eingerichtet hat.

Viele Straftaten stehen laut Polizei im Zusammenhang mit der sogenannten Beschaffungskriminalität. „In den vergangenen zwölf Monaten wurden im Bereich Kottbusser Tor mehr als 900 Straftaten erfasst“, sagte Innensenatorin Iris Spranger (SPD) am Mittwoch bei der offiziellen Vorstellung der KI-Technik. „In mehr als 300 Fällen kam es zu körperlichen Angriffen, also bei einem Drittel der Straftaten.“

So funktioniert die KI-Videoüberwachung

In einem gesonderten Raum der Polizeiwache über der Adalbertstraße stehen dunkle Bildschirme. Hier laufen künftig die Bilder auf, die auf Straftaten hinweisen sollen. 20 Polizisten wurden für die Anwendung der Software geschult.

Die Monitore bleiben dunkel, bis eine Kamera ein verdächtiges Verhalten meldet. Dann ertönt ein akustisches Signal, der Bildschirm wird hell und zeigt das Bild der betreffenden Kamera. Die Beamten müssen anschließend entscheiden, ob und wie viele Einsatzkräfte sie an den Ort des Geschehens schicken.

Eine der 30 neuen KI-Kameras am Kottbusser Tor

Eine der 30 neuen KI-Kameras am Kottbusser Tor

© Andreas Kopietz/Berliner Zeitung

Zum Einsatz kommt eine „semantische KI“. Sie registriert nicht nur einfache Bewegungen, sondern versucht nach Darstellung der Entwickler, Situationen und menschliche Verhaltensmuster „sinngemäß“ zu verstehen.

Trainiert ist die KI auf bestimmte Muster: Schläge, Tritte sowie am Boden liegende und damit möglicherweise hilflose Personen. Sie kann allerdings auch auf weitere Bewegungsmuster trainiert werden. „Programmierbar ist ganz viel“, sagte Projektleiter Markus van Stegen. „Aber zurzeit gibt es keine Pläne, das zu erweitern.“

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Datenschutz: Keine Gesichtserkennung, Löschung nach 30 Tagen

Sobald die Polizisten das verdächtige Geschehen bewertet haben, wird der Bildschirm wieder dunkel. So verlangt es der Datenschutz. „Die Software erkennt keine Gesichter, sondern nur Bewegungsabläufe“, sagte Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel bei dem Medientermin. „Sie nimmt auch keine biometrische Echtzeit-Identifizierung vor, und die Daten bleiben bei uns; Dritte haben keinen Zugriff“, versicherte sie, um mögliche datenschutzrechtliche Bedenken auszuräumen.

Auch Merkmale wie Hautfarbe, Geschlecht oder Kleidung registriert die KI laut Polizei nicht. Die Aufnahmen werden demnach nach 30 Tagen gelöscht, es sei denn, sie dienen als Beweismittel in einem Strafverfahren. Das System funktioniere „wie ein aufmerksamer Bürger“, sagen die Polizisten.

Slowik Meisel sieht im „KI-Videoschutz“ einen großen Gewinn für die Sicherheit. „Berlin zieht nach. Aber dann sind wir auf einem ganz hohen Niveau.“ Sie erhofft sich kürzere Reaktionszeiten und eine bessere Einsatzsteuerung.

Berlin lässt sich die neue Technik einiges kosten: Fast 1,9 Millionen Euro aus einem Sondervermögen des Bundes hat der Senat in Kauf und Installation von Hard- und Software investiert. Weitere 349.000 Euro für den Betrieb stammen aus dem Landeshaushalt.

Die europaweite Ausschreibung gewann die Essener Staige One AG, deren größter Aktionär die Adesso SE ist. Seit August testet Staige One die Überwachungstechnik unter anderem am Dortmunder Hauptbahnhof.

Hamburg: 99 Prozent Fehlalarme

Am Kottbusser Tor wurden die Kameras Ende September justiert, am 7. Oktober begannen die Tests, Anfang November startet der Probebetrieb rund um die Uhr. Fehlschläge wie in Hamburg soll es in Berlin nicht geben. Bei einem ähnlichen Projekt hatte die KI dort 1400-mal Alarm ausgelöst, in rund 99 Prozent der Fälle waren es Fehlalarme. Für Gegner der Überwachungsprojekte, die von „Verhaltensscannern“ sprechen, ist das ein weiteres Argument.

„Ich bin sehr überzeugt, dass wir keine 1400 Alarme haben werden“, sagte Projektleiter van Stegen. Weitere Kameras sind an anderen Kriminalitätsschwerpunkten geplant: am Görlitzer Park, dessen KI-Bilder künftig ebenfalls in der Wache am Kottbusser Tor auflaufen sollen, und an der Warschauer Brücke.

Während des Medientermins demonstrierten vor der Wache etwa ein Dutzend Menschen mit Transparenten „Gegen die digitale Aufrüstung“. Möglich wurde der KI-Einsatz durch eine Änderung des Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetzes (ASOG), die CDU und SPD im Dezember vergangenen Jahres mit ihrer Mehrheit beschlossen hatten.

Die Abgeordnetenhaus-Fraktionen von Linken und Grünen haben gegen das Gesetz Klage vor dem Berliner Verfassungsgerichtshof eingereicht, weil sie das ASOG für verfassungswidrig halten. Spranger sagte dazu, sie gehe „sehr fest“ davon aus, dass das Gesetz einer verfassungsrechtlichen Prüfung standhalten werde.

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