Ausstellung

Kleinstadt erinnert mit spezieller Ausstellung an Brüsewitz-Selbstverbrennung

Eine Spur in der Geschichte: Statt nach Zeitz führt sie nach Greiz – zu einer Künstlerin, die ein Grabmal für den Pfarrer schuf, das nie sein Grab zieren sollte. Die Stasi schritt ein.

4 Min
Rainer Koch, Leiter der städtischen Museen in Greiz, hat eine Ausstellung und ein Symposium zum 50. Jahrestag der Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz organisiert.

Rainer Koch, Leiter der städtischen Museen in Greiz, hat eine Ausstellung und ein Symposium zum 50. Jahrestag der Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz organisiert.

© Ingo Eckardt

Einst residierten hier die Fürsten in Deutschlands kleinstem Fürstentum Reuß Aeltere Linie: Das Obere Schloss Greiz ist ein weithin sichtbares Zeugnis verblichenen Residenzcharmes tief im Osten Thüringens. Die Komplettsanierung des in klammer, städtischer Hand befindlichen Schlosses wird vermutlich noch Jahrzehnte dauern.
Doch im Innern tut sich immer mal wieder Erstaunliches, denn die Museen Greiz haben hier einen von zwei „Spielplätzen“.

Im Oberen Schloss darf man das übrigens wörtlich nehmen: Hier erinnert eine Dauerausstellung an den aus Greiz stammenden Erfinder der Playmobil-Figuren, Hans Beck. Doch insbesondere die Sonderausstellungen, die Museumschef Rainer Koch mit seinen Mitarbeitern regelmäßig kuratiert, sorgen immer wieder für Aufsehen. So auch in dieser Woche wieder, wenn Koch und sein Team an die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz, Pfarrer in Zeitz, vor ziemlich genau fünfzig Jahren erinnern.

Das tut er übrigens mit einem besonderen Blickwinkel, nämlich dem auf Elly-Viola Nahmmacher. Die gebürtige Geraerin zog es nach ihrer Bildhauer-Ausbildung erst in die weite Welt und nach dem Krieg ins beschauliche Greiz, wo sie sich vor allem christlichen plastischen Werken verschrieb und mit Bauhaus-Künstler Johannes Berthold eine intensive künstlerische Zusammenarbeit begründete. Ihre Kunstwerke zieren beispielsweise zahlreiche in der DDR-Zeit gegossene Kirchenglocken.

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Ausstellung und Symposium beleuchten zwei Vorbilder

Im Jahr 1977 – ein Jahr nach der Selbstverbrennung Oskar Brüsewitz' auf dem Kirchenvorplatz in Zeitz – präsentierte die Bildhauerin mit ihrer Plastik „Feuerapokalypse“ ein geplantes Grabmal für den Pfarrer, der mit seiner Selbstverbrennung ein politisches Zeichen gegen die Willkür des Staates gegenüber den Kirchen setzen wollte. Zur Aufstellung jedoch kam es nie: Die Stasi konfiszierte das Objekt, das auf wundersame Weise in die Greizer Partnerstadt Hofgeismar gelangte und erst 2025 an die evangelische Kirche Greiz übergeben wurde.

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Nun gibt es eine Ausstellung, die beide Protagonisten zusammenführt. Eröffnet wird die Ausstellung am Freitag, 2. Oktober, 15 Uhr, mit einem Symposium zu diesem Thema. „Drei Gastredner haben ihre Impulsvorträge zugesagt: Dr. Sabine Stach wird über das Vermächtnis von Brüsewitz referieren. Der in Ruhestand befindliche Oberkirchenrat Christian Fuhrmann widmet sich der innerkirchlichen Sicht auf Pfarrer Brüsewitz und Pfarrer Stefan Bickhardt wird Nahmmachers ‚Feuerapokalypse‘ näher vorstellen, die einen Platz in unserer Schau gefunden hat, ebenso wie der berühmte Nahmmacher-Altar aus unserem Museumsbestand“, erläutert Museumschef Rainer Koch.

An Schautafeln zum Leben und Wirken Oskar von Brüsewitz und der Kirche in der DDR kann man eintauchen in längst vergessene Diktatur-Lebensrealitäten.

An Schautafeln zum Leben und Wirken Oskar von Brüsewitz und der Kirche in der DDR kann man eintauchen in längst vergessene Diktatur-Lebensrealitäten.

© Ingo Eckardt

Ein Stück lebendige Geschichtsaufarbeitung

Basis ist eine Ausstellung aus Zeitz, die aus Anlass des 50. Jahrestages der Brüsewitz-Selbstverbrennung auf elf Schautafeln zur Person des durchaus streitbaren Pfarrers, zur Kontrolle im Alltag, zum Verhältnis Kirche und Staat in der DDR, zu Widerspruch und Friedensbewegung in der DDR und zu Opposition und deren Kirchenbezug informiert.

„Man muss immer daran denken, dass man Brüsewitz in der DDR in Folge seiner Aktion heftig diskreditiert und als schizophrenen Menschen dargestellt hat. Diese Erzählung hat sich in vielen Köpfen bis heute gehalten“, weiß Koch zu berichten. Selbst im eigenen Hause sei er auf das Vorurteil gestoßen. Für Koch war Brüsewitz jemand, der natürlich provozierte, dabei aber auch für ihn selbst als jungen Christen in der DDR eine spannende Person gewesen sei.

„Er hat den Parolen der SED, die es an vielen Straßen gab, eigene Gottesparolen gegenüber gestellt. Damit eckte er natürlich an, kam aber vor allem bei der Jugend gut rüber. Das Problem war, dass man in offiziellen Kirchenkreisen versuchte, eine gewisse Zusammenarbeit mit dem Staat zu schaffen. Brüsewitz galt deshalb als Querulant, der in dieser Zeit aber dadurch als Beispiel des Widerstands wahrgenommen wurde“, so Koch. Brüsewitz war ein Heimatvertriebener und durch seine Aufmüpfigkeit hatte man ihm nahegelegt, sich doch anderswo um eine neue Pfarrstelle zu bemühen. „Auch innerkirchlich war damals nicht alles so rosig, wie es gern dargestellt wird“, sinniert Koch.

Die Ausstellung auf dem Oberen Schloss, die sich auch um das Leben der Wahlgreizer Künstlerin Elly-Viola Nahmmacher rankt und viele spannende Erkenntnisse zu dieser beinahe vergessenen, aber höchst wirksamen deutschen Bildhauerin präsentiert, ist dann ab Samstag zu bestaunen, wenn die Stadt Greiz zu ihrem traditionellen Neustadtfest einlädt. Den Weg hinauf zum Oberen Schloss dürfte man guten Gewissens an diesem Tag auf sich nehmen.

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