Seit Tagen kursiert in den sozialen Netzwerken ein Foto der Linken-Bundestagsabgeordneten Cansın Köktürk. Nutzer wollen an ihrem Handgelenk ein Cartier-Love-Armband erkennen, Preis vierstellig. Die Empörung trifft auf eine Politikerin, die sich wenige Tage zuvor als Stimme gegen soziale Kälte inszeniert hatte – und das mit Erfolg.
Es begann in der Haushaltsdebatte am 11. September. Der AfD-Abgeordnete René Springer erklärte, seine Partei wolle in den Sozialsystemen „aufräumen“, Grundsicherung solle „in erster Linie Deutschen“ zugutekommen – und bei per Haftbefehl gesuchten Empfängern sollten im Jobcenter die Handschellen klicken.
„Was ist das für eine rassistische Scheiße?“, rief Köktürk, sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion, dazwischen. Es folgte eine Ermahnung, dann der erste Ordnungsruf, dann ihr Zuruf an Vizepräsidentin Andrea Lindholz: „Jetzt schützen Sie die Faschisten!“ – und der zweite. Weil es innerhalb von drei Sitzungswochen bereits ihr dritter war, wurde ein Ordnungsgeld von 2000 Euro fällig; es ist das erste Mal, dass die verschärfte Geschäftsordnung so angewendet wird.
Aus der Sanktion wurde binnen Stunden eine Kampagne. Am Samstagmorgen startete Köktürk eine GoFundMe-Aktion unter dem Titel „Antifaschismus heißt Menschen retten“, Ziel: 16.000 Euro – das Achtfache der Strafe, der Erlös soll an Sea-Watch gehen. „Mich kann niemand mit kapitalistischen Geldstrafenandrohungen einschüchtern oder mundtot machen“, schrieb sie. Nötig gehabt hätte sie das Geld nicht: Wie jedes Mitglied des Bundestages erhält Köktürk monatlich 11.833,47 Euro steuerpflichtige Abgeordnetenentschädigung, dazu eine steuerfreie Kostenpauschale. Wer den Kapitalismus zum Gegner erklärt und sich trotzdem 2000 Euro crowdfunden lässt, muss damit rechnen, dass man ihm aufs Handgelenk schaut.
Der Fall Chebli: 7300 Euro am Handgelenk einer Sozialdemokratin
Schon einmal hat ein Schmuckstück eine ganze Partei erschüttert. Im Oktober 2018 machte ein Porträtfoto der SPD-Staatssekretärin Sawsan Chebli die Runde: am Handgelenk eine Rolex Datejust, Listenpreis rund 7300 Euro. Aufgenommen worden war das Bild vier Jahre zuvor – hervorgekramt hat es ein Facebook-Nutzer, der eine Rolex-Werbung samt Preisschild daneben montierte. Der Zeitpunkt war kein Zufall: Eine Woche vor der Hessen-Wahl stürzte die SPD von einem Umfragetief ins nächste.
Unter #Uhrengate diskutierte das Netz die Frage: Darf eine SPD-Frau eine Uhr tragen, die 18 Hartz-IV-Regelsätze kostet? Bei einem Grundgehalt von knapp 9000 Euro im Monat war sie für Chebli problemlos bezahlbar – nur passte sie nicht zur Erzählung der Partei der kleinen Leute. Chebli konterte offensiv: Niemand müsse ihr Armut erklären, sie habe mit zwölf Geschwistern in zwei Zimmern gelebt. Hilfe kam ausgerechnet von der FDP: „Man muss nicht arm sein, um gegen Armut zu sein“, schrieb Christian Lindner. Am Ende deaktivierte Chebli wegen der Hassflut ihren Facebook-Account.
Klaus Ernst im Juni 2021 im Reichstagsgebäude – im selben Jahr übernahm er den Vorsitz des Klimaausschusses. Heute führt er den bayerischen BSW-Landesverband.
© Christoph Hardt via www.imago-images.de
Chebli musste sich rechtfertigen. Klaus Ernst fand das nie nötig. Der frühere Linken-Chef hat den Widerspruch zwischen Klassenkampf und Lebensstil schlicht nie als einen empfunden: Kritik an seinem Porsche wies er zurück, es mache ihm Spaß, den alten 911 zu fahren, das sei „kein Luxus, sondern ein schönes Auto“. Einen „Entbehrungssozialismus“ werde es mit ihm nicht geben. Sein bestes Zitat: „Wir predigen Wein und saufen ihn auch selber.“ Als die Fraktion ihn 2021 an die Spitze des Klimaausschusses hievte, war die Pointe komplett.
Natürlich: Links zu sein heißt nicht, arm sein zu müssen. Ein Teil dieser Empörung speist sich aus Neid, Sexismus und Rassismus, und Uhren sagen nichts über Abstimmungsverhalten. Aber Politik ist immer auch Repräsentation. Wer die Elite bekämpfen will, sollte nicht ihre Insignien tragen – sonst wird aus Klassenkampf Kostümfest.
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Dass es anders geht, führt ausgerechnet ein Sozialist in der teuersten Stadt der Welt vor. Zohran Mamdani trägt seit Beginn seiner Kampagne dieselbe Uniform: dunkler Anzug, weißes Hemd, schmale Krawatte. Im Podcast „Throwing Fits“ erzählte der New Yorker Bürgermeister, sein mitternachtsblauer Anzug sei einer von „etwa vier oder fünf“ und stamme von Suitsupply. Vergleichbare Modelle kosten dort rund 600 Dollar.
Bezahlbar, aber nicht schäbig – passend zu einem Programm aus Mietenstopp und kostenlosen Bussen. Wer Bezahlbarkeit zum Zentrum seiner Politik macht, sollte nicht in etwas auftreten, das teurer ist als eine Monatsmiete derjenigen, für die er Politik machen will.
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