Wenige Sätze haben gereicht, um in Deutschland eine gesundheitspolitische Grundsatzdebatte loszutreten. Formuliert hat die Sätze Friedrich Merz. Nach den Sitzungen der CDU-Gremien hat sich der Bundeskanzler am Montag in Berlin dem dualen System der Krankenversicherung gewidmet: kurz, aber wirkungsvoll.
In der Bevölkerung habe sich der Eindruck verfestigt, sagte Merz, dass in der PKV privat Versicherte sofort jede Leistung erhielten, während in der GKV gesetzlich Versicherte wochen- oder monatelang warten müssten. Dies werde von den Menschen im Land als ein Gerechtigkeitsproblem empfunden. Er teile diese Einschätzung.
Die Bundesregierung insgesamt sehe dieses Problem. „Wir haben in der Koalition verabredet, dass wir die Entscheidungen in der gesetzlichen Krankenversicherung wirkungsgleich auch auf die private Krankenversicherung übertragen.“ Das sei bisher nicht geschehen. „Das werden wir jetzt nachholen.“
Details nannte der Kanzler nicht. Noch am Abend stellte ein Regierungssprecher gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe klar, Merz habe das System der Krankenversicherung nicht infrage gestellt.
SPD reagiert prompt
Der Koalitionspartner reagierte prompt. Der Gesundheitsexperte der SPD-Bundestagsfraktion, Christos Pantazis, nannte es bemerkenswert, dass ausgerechnet der Kanzler das Nebeneinander beider Systeme als Gerechtigkeitsproblem beschreibe. Einen ersten Schritt könne die Koalition bei der anstehenden Pflegereform gehen, indem sie einen finanziellen Ausgleich zwischen privatem und gesetzlichem System prüfe.
Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz sagte der Nachrichtenagentur AFP, der Kanzler habe erkannt, dass das Nebeneinander die Spaltung der Gesellschaft vertiefe; nun warteten die Versicherten auf konkrete Vorschläge.
Schärfer fiel der Widerspruch aus. Florian Reuther, Direktor des Verbands der Privaten Krankenversicherung, erinnerte die CDU an ihr eigenes Grundsatzprogramm, das sich ausdrücklich zum dualen System bekennt. Wer dieses infrage stelle, verabschiede sich von dem Ziel generationengerechter Sozialsysteme.
Private und gesetzliche Krankenversicherung: Merz sieht Gerechtigkeitsproblem
Die Wartezeitenprobleme, so Reuther, lägen in der gesetzlichen Krankenversicherung selbst begründet. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, warnte, ein Gesundheitssystem ohne PKV bedeute weniger Geld für alle; aus den privaten Honoraren würden Personal und Geräte finanziert, die auch Kassenpatienten zugutekämen. Aus der Schwesterpartei kam ebenfalls Ablehnung: Stephan Pilsinger (CSU), Vizechef des Gesundheitsausschusses, sagte dem Magazin Focus, die Debatte verkürze keine einzige Wartezeit und sei praktisch wie verfassungsrechtlich schwierig umzusetzen.
Die Größenverhältnisse im System sind dabei eindeutig. Nach der Statistik des Bundesgesundheitsministeriums waren Anfang 2026 rund 74 Millionen Menschen gesetzlich krankenversichert. Dem stehen nach Angaben des PKV-Verbands 8,79 Millionen privat Vollversicherte gegenüber, ein Zuwachs von etwa 50.000 Personen gegenüber 2024. Der Anteil der Privatversicherten an der Bevölkerung liegt damit bei rund zehn Prozent und ist seit Jahren bemerkenswert stabil.
Zahl der privaten Zusatzversicherungen steigt
Dagegen stieg die Zahl der privaten Zusatzversicherungen im vergangenen Jahr auf rund 32 Millionen Verträge, wie aus dem im Juni veröffentlichten Rechenschaftsbericht des PKV-Verbands hervorgeht; zusammen mit den Vollversicherungen kommt die Branche auf knapp 41 Millionen Policen.
Besonders dynamisch entwickelt sich die betriebliche Krankenversicherung: 2,72 Millionen Beschäftigte waren zuletzt über ihren Arbeitgeber zusätzlich abgesichert, ein Plus von fast elf Prozent. Die Zweiteilung verläuft also längst nicht mehr nur zwischen den Systemen, sondern auch innerhalb der GKV.
Bleibt die Frage, ob Privatversicherte tatsächlich bevorzugt werden. Für eine Untersuchung des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung haben Testpersonen bundesweit Facharztpraxen angerufen, mit denselben Anliegen, aber unterschiedlichem Versicherungsstatus. Privatversicherte warteten im Schnitt zwölf Tage auf einen Termin, gesetzlich Versicherte 25 Tage; die Chance, überhaupt einen Termin zu erhalten, lag für Privatversicherte um sieben Prozent höher. Am größten waren die Unterschiede bei lukrativen Leistungen wie Magenspiegelungen.
Der Gesundheitsökonom Ansgar Wübker führte dies gegenüber der Ärzte Zeitung auf die höhere Vergütung zurück. Die Daten stammen allerdings aus den Jahren 2017 und 2018, also aus der Zeit vor dem Terminservice- und Versorgungsgesetz.
PKV: Finanzieren das System mit
Aktueller ist eine Datenanalyse des Versicherungsexperten Dieter Homburg, der im Herbst 2025 die Online-Termine von fast 26.000 Ärzten aus neun Fachrichtungen auf der Plattform Doctolib auswertete. Nur 43,5 Prozent hatten überhaupt einen Termin für gesetzlich Versicherte freigeschaltet.
In Berlin boten in der Psychotherapie lediglich 28 von 312 Praxen Kassentermine online an. Bei den für beide Gruppen verfügbaren Terminen warteten Privatversicherte knapp 30 Tage, Kassenpatienten 49.
Die PKV hält den Kritikern entgegen, dass ihre Versicherten das System mitfinanzieren. Das Wissenschaftliche Institut der PKV beziffert den Mehrumsatz, den Privatversicherte über höhere Honorare erzeugen, für 2023 auf 14,46 Milliarden Euro. Knapp acht Milliarden davon entfielen auf die niedergelassenen Ärzte. Insgesamt stammt gut ein Fünftel ihrer Einnahmen von Privatversicherten, bei einem Bevölkerungsanteil von rund zehn Prozent.
Genau dieser Abstand ist der Kern des Problems. Wie er verschwinden soll, ohne dass den Praxen Geld fehlt, hat bislang niemand gesagt – auch der Kanzler nicht.
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