Open Source

Wie die DDR-Regierung die Familie von Otto Nagel enteignete

Nach dem Tod des Künstlers Otto Nagel übernimmt die DDR-Regierung gegen Wunsch des Verstorbenen dessen Nachlass. Nun hat seine Familie den Fall aufgearbeitet.

Bernd Schallenberg
9 Min
Eine Besucherin der Ausstellung „Zeit im Blick. Felix Nussbaum und die Moderne“ steht im Felix-Nussbaum-Museum in Osnabrück vor zwei Werken von Otto Nagel, „Selbstbildnis 1935“ und „Selbstbildnis von 1933“ (v.l.n.r.).

Eine Besucherin der Ausstellung „Zeit im Blick. Felix Nussbaum und die Moderne“ steht im Felix-Nussbaum-Museum in Osnabrück vor zwei Werken von Otto Nagel, „Selbstbildnis 1935“ und „Selbstbildnis von 1933“ (v.l.n.r.).

© Friso Gentsch/dpa

Im März 1990 traf ich erstmals auf das Mädchen Salka-Valka, ein etwas zurückhaltendes Wesen. Jedoch kamen wir uns schnell näher und wurden ein Paar, das große Interesse an Kunst und Literatur verband uns. Eher nebenbei erwähnte sie ihren Großvater, den Künstler Otto Nagel. Etwas passierte mit dem Nachlass in der DDR, nur konnte sich die Enkelin zu diesem Zeitpunkt das nicht erklären. 

Ich besuchte sie und ihre Eltern öfters in Kuwalk, einem abgelegenen Bauernhof zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern – etwa zwei Kilometer zum nächsten Nachbarn. „Warum meine Eltern mit mir als jüngstes Kind 1986 von Berlin irgendwo aufs Land flohen, verstand ich damals nicht“, erzählt sie rückblickend.

1988 musste Salka ihre Abiturklasse verlassen, nachdem es ihren Bruder in den Westen zog. Angeblich waren ihre schlechten Noten der Grund. Nach dem Ende der DDR stellte Salka einen Antrag auf Anerkennung als politisch verfolgte Schülerin. Dieser wurde abgelehnt, weil nach Ansicht der Behörde kein Zusammenhang zwischen der Ausreise des Bruders und ihrem Abgang von der Abiturstufe bestehe. Frustriert nahm sie es zur Kenntnis.

Doch irgendwann änderte sich etwas. Salka ertrug diese Situation nicht mehr. Mit der Novellierung des SED-Unrechtsbereinigungsgesetzes im Jahr 2019 lassen sich auch bereits abgeschlossene Verfahren u.U. wieder aufgreifen. Eine Beratung in der zuständigen Behörde blieb unausweichlich. „Ich muss jetzt diesen Fluch zerschlagen“, sagte sie. So begann unsere Recherche.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Die alten Wunden

Wie man weiß, wuchs der Künstler Otto Nagel im roten Wedding auf. Schon früh wird er KPD-Mitglied. Seine Motive sind die Menschen in seinem Kiez. Er malt sie so, wie sie sind: aschfahl, ausgemergelt, vom Elend gezeichnet. Er wird damit zum Sprachrohr der Unterdrückten und Ausgebeuteten. Nagel gibt gemeinsam mit Zille u.a. Künstlern die Satirezeitschrift Eulenspiegel heraus. Die Themen sind der Obrigkeit sofort ein Dorn im Auge. In einer reichsweiten Kampagne wird die gesamte Auflage einer Ausgabe beschlagnahmt, die Akteure allesamt verhaftet – ein Musterbeispiel der Zensur von Presse.

Märkisches Museum, Am Köllnischen Park, Berlin-Mitte

Märkisches Museum, Am Köllnischen Park, Berlin-Mitte

© Schöning/imago

Als Redakteur beim Eulenspiegel kämpft Nagel zeitig gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Am Tag des Reichstagsbrandes wurde er wie etwa tausend andere Kommunisten verhaftet. Malverbot, Verfolgung und Haft bestimmen nun den Alltag der Nagels. Im Untergrund agierend verstecken sie jüdische Familien. 1937 bringen die Nazis den Künstler ins KZ Sachsenhausen. Danach sind die Nagels auf der Flucht. 1943 stranden sie in Forst. Dort wird die Tochter Sybille geboren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sieht Nagel eine Chance, in der jungen DDR eine neue und gerechtere Gesellschaft mit aufzubauen. So wird er Gründungsmitglied der Akademie der Künste in Ost-Berlin und recht früh deren Präsident. Jedoch gehen seine Vorstellungen und die der SED weit auseinander. Er widersetzt sich dem Formalismus und wünscht keine politische Bevormundung durch die Partei. „Hervorragende Genossen mögen sich bitte von der Kunst fernhalten“, lässt der Akademiepräsident ausrichten.

Nagel verfügt zum Ende seines Lebens, dass seine Frau seinen Nachlass weiter pflegen und die Tochter diesen wissenschaftlich aufarbeiten soll. Das Wohnhaus in Biesdorf will er als Kulturstätte erhalten. 1967 stirbt Nagel und hinterlässt trotz enormer Kriegsverluste einen gigantischen Nachlass. Seine Witwe macht sich sogleich ans Werk. Auf ihre Initiative entscheidet der Magistrat von Groß-Berlin, ein Otto-Nagel-Haus am Märkischen Ufer zu errichten. Dazu entsteht ein umfangreicher Leihvertrag zwischen Magistrat und der Familie.

Im Jahr 1970 gelingt der Frau des verstorbenen Künstlers eine Sensation. Sie bringt die sogenannte Sammlung Worms aus der BRD in die DDR. Der Galerist Franz Worms rettete diese Werke über den Krieg. Mithilfe des Märkischen Museums wird die Rückführung möglich, aber schon kurz darauf entbrennt ein Streit, wem diese Sammlung nun gehöre. Bereits während der Vertragsverhandlungen intrigiert der Stadtrat für Kultur gegen die Familie. So redet er gegenüber dem Präsidenten der AdK, Konrad Wolf, davon, den Nagel-Nachlass in gesellschaftliches Eigentum zu überführen. Erst 2005 stellt das Oberlandesgericht Brandenburg fest, dass die Sammlung schon immer der Familie gehörte.

Nachlass, aber ohne Familie?

1972 wird das Otto-Nagel-Haus feierlich und durch Erich Honecker persönlich eröffnet – zunächst in der Trägerschaft des Märkischen Museums. Doch von dort schallt wenig Begeisterung herüber. Den Nachlass würde man im Hause gerne sehen, jedoch am liebsten ohne die Familie.

Diese konträre Haltung führt zur Abspaltung des Otto-Nagel-Hauses. 1974 wird es eine unabhängige städtische Einrichtung. Otto Nagels Tochter Sybille Schallenberg-Nagel ist dort bereits kunstwissenschaftlich tätig, ihr Mann Götz Schallenberg übernimmt die Leitung. Dieses Otto-Nagel-Haus am Märkischen Ufer inmitten von Berlin entwickelt sich zu einem Leuchtturm in der Kulturlandschaft der DDR mit starker internationaler Ausstrahlung. Jedoch nehmen die Spannungen zu.

Relief zu Ehren des Berliner proletarischen Malers Otto Nagel vor dem Gebäude des neuen ABB-Ausbildungszentrums am Traditionsstandort der Elektroindustrie im Berlin-Pankower Ortsteil Wilhelmsruh

Relief zu Ehren des Berliner proletarischen Malers Otto Nagel vor dem Gebäude des neuen ABB-Ausbildungszentrums am Traditionsstandort der Elektroindustrie im Berlin-Pankower Ortsteil Wilhelmsruh

© Jürgen Heinrich/imago

1978 eskaliert die Situation vollends. Der Leiter des Hauses erwischt den Kurator und den Sicherheitsbeauftragten beim illegalen Kopieren von Nagel-Werken, die für die Ausstellung „Berliner Bilder“ ins Otto-Nagel-Haus gelangten. Es sind Leihgaben aus West-Berlin. Die angestrengten Disziplinarmaßnahmen schlug der Stadtrat nieder. Obendrein wollte er die Rückgabe von 35 Werken durch den Direktor verhindern.

Schallenberg wendet sich wutentbrannt an die Kulturabteilung im ZK der SED, um die Rückführung durchzusetzen. Er verweist auf den Versicherungswert von etwa 300.000 DM. Unmissverständlich zeigt der Direktor die möglichen juristischen und außenpolitischen Konsequenzen für die DDR auf – ein echter Affront. Das Maß war nun endgültig voll.

Die Familie verlässt samt aller Leihgaben das Otto-Nagel-Haus. Die Genossen Funktionäre fühlen sich allerdings beraubt, weil sie den Nachlass als ihr Eigentum ansehen. Ein Testamentsentwurf wandert vom Kultur-Stadtrat zum Staatssekretär für Kultur, Kurt Löffler. Demnach soll die Witwe ihr Erbe dem Staat vermachen, inklusive dem Wohnhaus. Zu diesem Zeitpunkt zeigen sich ihre Tochter und Enkelkinder noch sehr lebendig.

Nagels Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin verkam so zur Farce. Nach dem plötzlichen Tod von Otto Nagels Witwe geht das gesamte Erbe zunächst auf Sybille Schallenberg-Nagel über, doch schon zwei Tage nach dem Ableben fädelt Löffler über das staatliche Notariat die Enteignung der Familie ein, noch ehe die Familie den Tod der geliebten Großmutter richtig begriffen hat.

Konstruierte Steuerschuld

Sehr bald fällt eine Expertenkommission der Staatlichen Museen zu Berlin unter Leitung des Generaldirektors Günther Schade bei Sybille Schallenberg-Nagel ein und suggeriert ein ernsthaftes Interesse an der Nachlasspflege. Allerdings dienen die Erfassung und Taxierung nur dem Ziel, dem Nachlass habhaft zu werden. Noch bevor man offiziell mit der Erbin Sybille Schallenberg-Nagel redet, war man illegal im Wohnhaus der Nagel-Witwe, um sich die Filetstücke herauszupicken.

Jeder Löffel und jede Tasse zählten plötzlich zum künstlerischen Nachlass und wurden bewertet. Die Bilder Nagels, die nach den Gesetzen der DDR eigentlich nicht zu besteuern wären, wurden zum Handelsgut erklärt. Den gesamten Nachlass schätzte man auf eine absurde Summe von etwa 2,5 Mio. Mark der DDR. Wohl wissend, dass die Familie so viel Geld nicht hatte, bot der Finanzminister persönlich der Erbin an, auf die Steuer zu verzichten, wenn sie dafür den Nachlass rausrückt. Ein echtes Steuerverfahren verhinderte der Staatssekretär für Kultur mithilfe des staatlichen Notariats.

Um das Wohnhaus bemühte sich seit Mitte der 1970er-Jahre der Minister für Kultur persönlich. Er wollte es in staatliches Eigentum bringen mit dem Ziel, dort einen sogenannten Klub der Intelligenz einzurichten. Schließlich presst man es der Nageltochter mit dem Versprechen ab, die testamentarisch festgelegte Gedenkstätte einzurichten. Aus dem Wohnhaus der Nagels mit kulturellem Duktus wird am Ende ein Gästehaus für die Politprominenz der DDR.

Die Nagel-Tochter wurde so arglistig getäuscht. Die Familie Schallenberg-Nagel verlässt Berlin und landet auf dem erwähnten einsamen Bauernhof. Hier können sie zur Ruhe kommen. Dem ältesten Sohn ist das alles zu viel. In seinem Ausreiseantrag schildert er die Situation und benennt klar und deutlich die Verantwortlichen. Das Prozedere um die Ausreise des Nagel-Enkels dauert etwas über zwei Jahre, da man DDR-üblich die Ausreise um jeden Preis verhindern will.

In dieser Zeit beendet Salka-Valka die zehnte Klasse. Im Anschluss besucht sie die Abiturstufe. Eine Delegierung erfolgt nur, wenn man in den Augen der Staatsmacht politisch dazu geeignet erscheint. Mit einem Bruder, der ausreisen will und mit Eltern, die sich mit der SED-Spitze anlegen, besteht allerdings keine Chance. Vermutlich aus Rache verbannt man die Nagel-Enkelin der Abiturstufe.

Das Selbstporträt von Otto Nagel aus dem Jahr 1937 war am 3.5.2017 in Berlin im Märkischen Museum zu sehen.

Das Selbstporträt von Otto Nagel aus dem Jahr 1937 war am 3.5.2017 in Berlin im Märkischen Museum zu sehen.

© Paul Zinken/dpa

Gescheiterte Restitution

Ende der 1990er-Jahre scheitert das Restitutionsverfahren von Sibylle Schallenberg-Nagel. Nötigung, Erpressung und schließlich Enteignung ließen sich wohl nicht nachweisen. Ihre Anwälte trugen zwar die entscheidenden Argumente vor, aber einen handfesten Beweis hatten sie nicht. Der Staat wäre ihr ja großzügig mit dem Erlass der Erbschaftssteuer entgegengekommen, heißt es in der ablehnenden Begründung. So sind diese kriminellen Machenschaften höchst offiziell als rechtskonform erklärt worden.

Die Ausstellung der Akademie der Künste „Spurensicherung, die Geschichte hinter den Werken“ zum Jahreswechsel 2022/23 widmete sich in einem umfangreichen Kapitel dem Nachlass Otto Nagels, der seit fast 40 Jahren im Depot der Akademie schlummert.

Basis dafür sind unsere Forschungsergebnisse, die Reportage des MDR „Otto Nagel oder wem gehört die Kunst“ sowie die vielen fruchtbringenden Gespräche zwischen Enkelin und der AdK. Erstmals wird in der Öffentlichkeit die Enteignung der Familie als solche benannt. Mit diesen Erkenntnissen wagten wir Anfang 2022 die Wiederaufnahme des abgelehnten Reha-Antrages von 1996. Die Behörde folgt nunmehr uneingeschränkt unserer Argumentation.

Sie stellt fest, dass die Verweisung von der Abiturstufe aus politischen Gründen erfolgte. Somit ist die Familie des Künstlers Otto Nagels amtlich Opfer politischer Willkür des SED-Regimes. Die gesamten Erkenntnisse unserer Recherche sind in dem Buch „Der Fall Otto Nagel – Kunstraub in der DDR“ auf etwa 400 Seiten zusammengefasst. Es erschien im Februar 2023 im Selbstverlag Edition Schallenberg.

Bernd Schallenberg, geb. 1969 in Magdeburg, ist seit über 20 Jahren Musiker, TV- und Kulturjournalist.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner