Acht Minuten Bootsfahrt, und man betritt ein anderes Jahrhundert. Vilm liegt keine zwei Kilometer vor Rügens Küste, doch die Insel scheint einer anderen Zeitzone anzugehören – nicht nur geografisch, sondern auch biologisch. Eichen, die den Dreißigjährigen Krieg miterlebt haben dürften, spreizen ihre Äste wie rissige Hände über den Weg. Seit Jahrhunderten wurde hier kein Baum gefällt. Das sieht man.
Dabei war Vilm einmal ein volkstümliches Ausflugsziel. Die Stadt Putbus verwaltete die Insel, an Wochenenden kamen bis zu tausend Besucher, es gab ein Logierhaus mit 25 Zimmern, Badestellen, später eine Segelschule und eine Ausflugsgaststätte. Dann erkannte der DDR-Ministerrat die Schönheit des Eilands – und nahm den Menschen die Insel einfach weg.
Die mysteriöse Insel Vilm aus der Luftansicht
© imago
Zwölf Polizisten und ein SED-Chef ohne Ministeramt
Ab 1959 verschwand Vilm aus dem öffentlichen Bewusstsein. Elf Häuser im Stil einer Fischersiedlung wurden errichtet. Rund um die Uhr überwachten zwölf Polizisten der DDR das Gelände. Unter den Gästen waren neben den Honeckers auch Ministerpräsident Otto Grotewohl und Stasi-Chef Erich Mielke.
Das populäre Bild von Erich Honecker, der sich auf seiner Privatinsel räkelt, ist dabei nicht ganz falsch, aber unscharf. Da der SED-Chef Honecker kein Ministeramt bekleidete, logierte er auf Vilm offiziell als Gast seiner Frau – Margot Honecker war Ministerin für Volksbildung und damit formal die berechtigte Gästin. Vilm war weniger Honeckers Capri als das Capri der SED insgesamt – ein kollektives Privileg, das so vollständig unsichtbar war, dass es die ersten Bilder erst nach der Wende gab, als das Jugendmagazin ELF99 die Insel besuchte.
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Was die Diktatur ungewollt rettete
Mit der Maueröffnung endete der Ausschluss, nicht aber die Sperrung. Die jahrelange Isolation hatte die Natur in einen Zustand versetzt, den man schützen, nicht erschließen wollte. Am 6. Oktober 1990 ließ sich dort die Internationale Naturschutzakademie nieder, heute dem Bundesamt für Naturschutz zugehörig. Was einst die Gästehäuser der Nomenklatura waren, beherbergt jetzt Umweltforscher aus aller Welt. Die Ironie liegt auf der Hand: Ausgerechnet die radikale Abschottung eines autoritären Systems hat einen der wenigen echten Altwälder Mitteleuropas gerettet und einen Lebensraum für mehr als tausend Pflanzenarten sowie Tiere wie Waldkauz, Gänsesäger, Steinmarder und Reh geschaffen – Wildschweine, die nur zeitweise von Rügen herüberschwimmen, eingeschlossen.
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Heute leben dauerhaft zwei Menschen auf der Insel. Einmal im Jahr kommt Verstärkung. Wie der Nordkurier berichtet, bricht Kapitän Jens-Oliver Wermter dann kurz nach sechs Uhr morgens in Greifswald auf, um von Lauterbach aus rund 50 Schafe nach Vilm überzusetzen, die dort den Sommer verbringen. „Zweimal im Jahr fahre ich die Schafe. Einmal auf die Insel und dann wieder zurück“, sagt er. Für alle anderen gilt: Das eigenmächtige Betreten bleibt verboten. Vilm war nie ein Ort für alle – das hat sich bis heute nicht geändert.
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