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Leuna ist nur der Anfang: So gerät im Osten die energieintensive Industrie in die Krise

Viele Konzerne in Ostdeutschland haben mit hohen Energiepreisen, sinkender Auslastung und wachsender Konkurrenz zu kämpfen. Die Ursachen sind offensichtlich.

Günther Burbach
Günther Burbach
5 Min
Blick auf die beleuchteten Anlagen der Total Energies Raffinerie im Chemiepark Leuna. Die Raffinerie Leuna ist eine komplexe Rohölraffinerie mit Konversionsanlagen zur Herstellung von Kraftstoffen und petrochemischen Vorprodukten.

Blick auf die beleuchteten Anlagen der Total Energies Raffinerie im Chemiepark Leuna. Die Raffinerie Leuna ist eine komplexe Rohölraffinerie mit Konversionsanlagen zur Herstellung von Kraftstoffen und petrochemischen Vorprodukten.

© Jan Woitas/dpa

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Am Chemiestandort Leuna ist ein Unternehmen insolvent. Anlagen stehen still, der Betrieb läuft nur noch, weil das Land den Weiterbetrieb angeordnet hat. Für die Beschäftigten ist das keine abstrakte Entwicklung, sondern die Frage, wie lange es noch weitergeht. Für die Region ist es ein Signal, das über den Standort hinausweist.

Denn Leuna steht nicht allein. Die energieintensive Industrie im Osten gerät insgesamt unter Druck. Chemieparks wie Bitterfeld-Wolfen, große Produktionsstandorte in Sachsen und Brandenburg, sie alle hängen an einem Faktor, der sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert hat: Energie.

Besonders deutlich zeigt sich das im mitteldeutschen Chemiedreieck. Unternehmen kämpfen dort mit hohen Energiepreisen, sinkender Auslastung und wachsender internationaler Konkurrenz. Branchenvertreter sprechen bereits von einer der schwersten Krisen seit der Wende.

Ein System, das auf dem Weltmarkt basiert

Konkrete Beispiele gibt es längst. Beim Düngemittelhersteller SKW Piesteritz ( Stickstoffwerke Piesteritz GmbH ) musste eine Ammoniakanlage stillgelegt werden, weil sich die Produktion unter den aktuellen Energiepreisen nicht mehr rechnet. Auch in der Lausitz wächst der Druck. Der Energiekonzern LEAG ( Lausitz Energie Bergbau AG / Lausitz Energie Kraftwerke AG ) warnt aktuell vor massiven Standortnachteilen für Ostdeutschland und sieht die Versorgungssicherheit sowie Investitionen gefährdet. Hinzu kommen weitere Einschnitte: Der US-Konzern Dow hat angekündigt, Anlagen in Ostdeutschland stillzulegen, während in Leuna mit der Insolvenz von Domo bereits ein konkreter Fall Realität geworden ist.

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Über Jahrzehnte war Gas aus Russland ein kalkulierbarer Bestandteil der industriellen Grundlage. Die Lieferungen galten als stabil, die Preise als berechenbar. Darauf haben sich ganze Industriezweige aufgebaut. Diese Grundlage ist weggefallen, politisch gewollt und innerhalb kurzer Zeit.

An ihre Stelle ist ein System getreten, das auf dem Weltmarkt basiert. Flüssiggas wird eingekauft, Preise schwanken stärker, Lieferketten sind global organisiert. Was als strategische Neuaufstellung gedacht war, bedeutet für viele Unternehmen vor allem eines: deutlich geringere Planungssicherheit.

Das Problem zeigt sich nicht erst, wenn ein Werk schließt. Es beginnt früher. Wenn Energiepreise hoch bleiben oder stark schwanken, wird Produktion schwer kalkulierbar. Unternehmen reagieren darauf, indem sie Investitionen verschieben, Projekte verkleinern oder Alternativen prüfen. Diese Entscheidungen fallen leise, ihre Wirkung ist deutlich.

Auch andere energieintensive Branchen geraten zunehmend unter Druck. Stahlhersteller wie ArcelorMittal stellen Standorte auf den Prüfstand, während in Ostdeutschland Unternehmen wie LEAG im Spannungsfeld zwischen Energiepolitik und Strukturwandel stehen.

Abhängigkeit von neuen Partnern

Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von neuen Partnern. Ein Teil der Energieversorgung orientiert sich heute stärker an Lieferungen aus den USA und anderen globalen Anbietern. Diese Märkte folgen eigenen Regeln. Preise entstehen im Wettbewerb, politische Entwicklungen wirken unmittelbar auf Verfügbarkeit und Kosten.

Für Deutschland bedeutet das eine Verschiebung: weg von langfristigen, festen Strukturen hin zu einem System, das stärker von äußeren Einflüssen geprägt ist. Für Unternehmen entsteht daraus ein Risiko, das sie nicht selbst kontrollieren können.

Hinzu kommt eine weitere Unsicherheitsebene. Energie ist nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor, sondern auch Teil politischer Strategien. Handelsbeziehungen, Sanktionen, internationale Konflikte, all das beeinflusst die Rahmenbedingungen. Entscheidungen, die weit entfernt getroffen werden, wirken direkt auf Produktionskosten in Deutschland.

Für die Industrie entsteht damit eine doppelte Belastung. Einerseits steigen oder schwanken die Kosten. Andererseits wächst die Unsicherheit darüber, wie sich diese Kosten in Zukunft entwickeln. Planung, die früher über Jahre möglich war, wird kurzfristiger und vorsichtiger.

Wasserdampf steigt am Morgen aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG).

Wasserdampf steigt am Morgen aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde der Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG).

© Patrick Pleul/dpa

Große Standorte tragen ganze Regionen

In Regionen wie dem Osten Deutschlands hat das besondere Auswirkungen. Hier ist die Industrie oft konzentriert. Große Standorte tragen ganze Regionen. Wenn dort Entscheidungen gegen Investitionen oder für Produktionsverlagerungen getroffen werden, betrifft das nicht nur einzelne Betriebe.

Die Folgen ziehen sich durch die gesamte Struktur. Zulieferer verlieren Aufträge, Dienstleister geraten unter Druck, Einkommen sinken. Was als wirtschaftliche Anpassung beginnt, wird schnell zu einer Entwicklung, die den Alltag vieler Menschen verändert.

Politisch wird dieser Prozess als Transformation beschrieben. Der Umbau hin zu neuen Technologien, klimafreundlicher Produktion und veränderten Energiesystemen ist gewollt. Doch in der aktuellen Phase treffen zwei Entwicklungen aufeinander: bestehende Strukturen verlieren an Stabilität, während neue noch nicht ausreichend tragen.

Diese Lücke ist entscheidend. Wenn sie zu groß wird, entstehen dauerhafte Veränderungen. Standorte verlieren an Bedeutung, Investitionen wandern ab, wirtschaftliche Aktivität verschiebt sich.

Teil einer größeren Bewegung

Leuna zeigt, wie schnell sich diese Entwicklung konkretisieren kann. Was dort sichtbar wird, ist kein Einzelfall, sondern Teil einer größeren Bewegung. Sie verläuft nicht überall gleich schnell, aber sie betrifft viele Standorte gleichzeitig.

Die zentrale Frage ist deshalb nicht mehr, ob sich die Industrie verändert. Entscheidend ist, ob die Bedingungen so bleiben, dass Produktion in Deutschland wirtschaftlich möglich ist, oder ob sich Strukturen schrittweise verlagern.

Für den Osten ist das keine theoretische Debatte. Hier entscheidet sich an konkreten Standorten, ob wirtschaftliche Stabilität erhalten bleibt oder sich neu verteilt. Und genau deshalb wird derzeit genauer hingeschaut, wenn in Leuna Anlagen stillstehen.

Günther Burbach, Jahrgang 1963, ist Informatikkaufmann, Publizist und Buchautor. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf Ostdeutschland und den konkreten Auswirkungen politischer Entscheidungen auf Regionen, Betriebe und den Alltag der Menschen.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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