ESSEN. Jolanda Putz ist sicher unverdächtig. Sie ist die Älteste auf diesem Parteitag, eine gestandene Linke von 77 Jahren aus Bayern. Der Delegierten mit weißem Haar und rot-gelber Kleidung kann wirklich niemand unterstellen, sie wolle die Linke schädigen. Und doch hält Jolanda Putz zu einer Frau, die viele hier in der Essener Grugahalle als Parteifeindin ausgemacht haben.Putz nämlich versucht, eine Brücke zu bauen zwischen der Linken und Sylvia-Yvonne Kaufmann. Ob diese bereit sei, an einem neuen, linken Entwurf zu einer EU-Verfassung mitzuarbeiten, fragt die Delegierte aus Bayern spät am Sonnabend listig die bisherige Europaabgeordnete Kaufmann. Die hat sich eben um eine erneute Kandidatur zur Europawahl am 7. Juni beworben und so ein Tabu verletzt: Als Ostdeutsche tritt sie gegen eine West-Linke an, Sabine Lösing. Genau davor aber hat Parteichef Oskar Lafontaine ausdrücklich gewarnt: "Das treibt die Partei auseinander."Doch noch andere Gründe disqualifizieren Kaufmann aus Sicht großer Teile der Partei. Sie hat im EU-Parlament für den Reformvertrag von Lissabon gestimmt, gegen den die Linke vor dem Bundesverfassungsgericht klagt. Und sie hält die Gemeinschaft grundsätzlich für ein gutes Projekt. Das sehen längst nicht alle in der Linken so.Ost-West-DebatteAm Sonnabend haben sich die 500 Delegierten in mehrstündiger Debatte auf ein Wahlprogramm verständigt. Oskar Lafontaine und Lothar Bisky, die Vorsitzenden, haben Vorwürfen widersprochen, die Partei stehe Europa skeptisch bis feindlich gegenüber. Und sie haben wie andere die Medien heftig angegriffen. Von "Verleumdungen und Verdächtigungen in der Presse" spricht Lafontaine, und WASG-Mitgründer Thomas Händel geißelt "böswillige Diskussionen zu unseren Lasten".Die Stimmung ist also ohnehin gereizt in der Grugahalle, in der ehedem Rockgrößen wie die Rolling Stones spielten. Programmatisch hat man sich auf Kompromisse verständigt, die Gegnern wie Befürwortern einer politischen EU-Integration das Gesicht wahren sollen. Erstere setzen durch, dass die Linke den Kapitalismus überwinden will. Dafür verhindern Letztere die Streichung einer Passage, wonach Terror "durch nichts zu rechtfertigen" sei, und bringen europafreundlichere Töne unter. Vertagt wird der Streit über die Haltung zu Israel und über ein Grundeinkommen für alle.Bei der Listenaufstellung sind Kompromisse nur bedingt möglich. Die Parteigremien haben einen Vorschlag gemacht, den Jolanda Putz als "ausgewogen, aber langweilig" kritisiert. Dennoch läuft bis zum siebten Listenplatz alles nach Plan. Bisky wird zur Nummer Eins für die Europawahl nominiert. Auch die anderen vorsortierten Bewerber kommen locker durch: Die frühere DKP-Frau Sabine Wils aus Hamburg auf Platz zwei, gefolgt von der als PDS-Chefin gescheiterten Gabi Zimmer und Händel. Das von Lafontaine energisch verteidigte Raster aus Ost-West, Frau-Mann gerät erst durcheinander, als Kaufmann ihre Kampfkandidatur erklärt.Sofort gehen die West-Linken auf die Barrikaden. Ulrich Maurer, Beauftragter für die alten Länder, warnt vor einem "Kampf der Kulturen". Andere Delegierte werfen Kaufmann Unehrlichkeit und Egoismus vor. Vom PDS-Flügel wiederum kommt Unterstützung. Am Ende platzt es aus Kaufmann heraus: "Ich habe es satt, dass in dieser Partei ständig Ost gegen West, West gegen Ost gemacht wird", ruft sie ins Mikrofon. "Wir sind eine Partei!"Doch der leidenschaftliche Appell nutzt ihr ebenso wenig wie der Vermittlungsversuch von Jolanda Putz. Dreimal tritt sie bis Sonntag für einen guten Listenplatz an, dreimal wählen die Delegierten mit großer Mehrheit die von oben auserkorenen Kandidatinnen. Und auch André Brie, der zweite missliebige EU-Parlamentarier, fällt bei der Nominierung der Kandidaten durch. Allein sein Straßburger Fraktionskollege Tobias Pflüger schafft es gestern noch nachträglich auf einen aussichtsreichen Platz. Er zählt, anders als Kaufmann und Brie, zum linken Flügel der Partei.------------------------------Foto: Trost nach der Niederlage: Der Noch-Europa-Abgeordnete André Brie mit seiner Ehefrau, der sächsischen Landtagsabgeordneten Ingrid Mattern, in Essen.
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